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Studio 9 | Beitrag vom 25.05.2018

Kolumne Klipp & KlarDiese Werbung macht fassungslos!

Von Karoline Scheer

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Das Lagertor mit der Inschrift "Jedem das Seine" in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, aufgenommen am 30.08.2017 bei Weimar (picture alliance / dpa / Peter Gercke)
Das Lagertor mit der Inschrift "Jedem das Seine" in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar (picture alliance / dpa / Peter Gercke)

Ein bekanntes Modehaus warb für seine Krawatten mit dem Slogan "Jedem das Seine": Ein erneutes Beispiel von Werbe-Geschmacklosigkeit, meint unsere Redakteurin Karoline Scheer – die bei soviel Geschichtsdemenz glatt ihre guten Manieren vergisst.

"Eine verbale Ungeschicklichkeit?" Ehrlich – das kann doch nicht wahr sein. Wie können Werbeunternehmen uns immer wieder solche Kampagnen vor die Nase setzen und sich dann auch noch so aus der Sache rauswinden? Werbewirtschaft ist laut Jobmarkt was für Akademiker – keiner kann sich hier also hinter einem niedrigen Intelligenzquotienten oder einer schlechten Bildung sondern nur hinter seiner eigenen Ignoranz verstecken.

Da reicht nicht mal das Wort "Geschichtsvergessenheit "aus. Nein es ist Geschichtsdemenz! Obwohl, die wäre nicht selbstverschuldet – und das ist sie leider.

Auf der Welle politischer Inkorrektheit mitreiten

Keiner kann mir erzählen, dass diese Fälle sich zufällig mal wieder häufen. Sie sind entweder perfide erdacht, um zu provozieren, oder aber reine Knallbonbons mit dem Wunsch viral zu gehen. Mit der Spekulation eine Zielgruppe zu vergraulen dafür aber bekannter zu werden. Einfach: Auf der Welle der aktuellen politischen Inkorrektheit mitzureiten.

Kurzum: Hier haben die beworbenen Krawatten wohl die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn abgeschnürt.

In Knallrot hat der stählerne Schriftzug "JEDEM DAS SEINE" die Überlegenheit der Deutschen im KZ Buchenwald symbolisiert. Später übertüncht in Grün und Grau – ist er aber auch heute noch in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers ganz klar zu lesen.

Digitale Abmahnung durch erboste User

Wir und ihr: Dass unsere Gesellschaft wieder zunehmend mit Rassismus und Antisemitismus kämpft, das offenbart sich also auch an Werbung, die einfach fassungslos macht. Der Contest der Geschmacklosigkeit ist nicht aufzuhalten.

Inständig hoffe ich da, dass diesen Firmen und ihren Werbern mehr als nur eine digitale Abmahnung erboster User droht. Die die Werber übrigens schon mal zum Betriebsausflug nach Buchenwald schicken. Ich wünsche mir einen echten Aufschrei. Denn: Es reicht!

In unserer regelmäßig unregelmäßig im "Studio 9" ausgestrahlten Kolumne "Klipp & Klar" machen sich unsere Redakteure Luft. Das Format lebt von der Spontaneität des Moments.

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