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Echtzeit | Beitrag vom 30.06.2018

Kolorierte Schwarzweiß-FotosDie eigenen Ahnen endlich in Bunt

Von Susanne Balthasar

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Ein nachkoloriertes Foto von Alain Delon und Romy Schneider. Waren die Farben damals wirklich so? (Imago / United Archives)
Ein nachkoloriertes Foto von Alain Delon und Romy Schneider. Waren die Farben damals wirklich so? (Imago / United Archives)

Hochzeitsbilder oder Jugendfotos von den Großeltern sind meist schwarzweiß. Doch wie sah es damals aus? Der Archivar Dana Keller lüftet diese Geheimnisse, er haucht den Schattierungen von Grau nachträglich Farbe ein.

Alle Farben der Welt sind in eine geflossen. Das gut 60 Jahre alte Schwarzweißfoto des Baseballspielers Ted Williams in einem Restaurant ist eine Sinfonie in Grau. Das Tischtuch scheint fast weiß zu sein. Die Suppe ist eher hellgrau, Brühe vermutlich. Aber welche Farbe könnte Williams mittelgraues Jacket haben? Der Bostoner Archivar Dana Keller, der im Nebenjob Schwarzweißfotos nachkoloriert, hat versucht, das heraus zu finden: "Von Ted Williams gibt es Fotos, die auch in Farbe existieren. Je mehr Fotos Du vergleichst, desto eher weißt Du, was die entsprechende Grauschattierung einer Farbe ist. Auf jeden Fall kannst Du sagen, welche Farbe es nicht ist. das Jacket ist nicht Gelb, denn dieses Grau ist zu dunkel, um ein Gelb zu sein."

Faktenbasierte Vermutungen

Für dieses Foto, dem Dana Keller im Auftrag des Magazins "Esquire" Farbe einhauchen sollte, hat er lange recherchiert, auch in Archiven für Modefarben der Vergangenheit. Am Ende hat er sich für ein graublaues Jacket entschieden. "Educated Guessing" nennt er das - faktenbasierte Vermutung.

Tatsächlich könnte es auch Graugrün gewesen sein. Viel geben die Grauschatten nicht preis: "Ich kann niemals sagen, dass ich 100 Prozent sicher bin. Aber es gibt zum Beispiel Fotos aus dem Bürgerkrieg, als es noch gar keine Farbfotografie gab. Wir wissen, dass die Uniformen Blau und Grau waren und es gibt Proben dieser Farben. Aber eine Krawatte aus den 30ern kann jede Farbe haben. Da geht es darum, dass man sich annähert in diesem engen Spektrum des Möglichen."

Wird die historische Realität verfälscht?

Kritiker wenden ein, nachkolorierte Fotos verfälschten die historische Realität. Schließlich seien auch Bilder Zeitzeugen. Solchen Fotopurismus kann Dana Keller nicht nachvollziehen: "Es ist nicht als Ersatz gemeint, eher als Ergänzung. Es soll helfe, diese Grenze zu verschieben, die der Betrachter gegenüber einer alten Fotografie empfinden kann. Dieses Gefühl, dass etwas so weit weg ist, dass es irrelevant ist. Wenn man diese Bilder dann in Farbe sieht, werden sie lebendiger. Die Menschen haben Fotos seit Beginn der Scharzweißfotografie nachkoloriert. Sie haben sie handgemalt mit Ölfarben und anderen Materialien. Photoshop hat das alles noch mal auf ein ganz neues Level gebracht."

Dana Keller arbeitet mit einem grafischen Tablet, mit dem er die Maus wie einen Stift in der Hand halten und damit direkt auf den Bildschirm malen kann. Das Ergebnis ähnelt manchmal eher einem Gemälde als einem Foto. Er zeigt ein Bild von Albert Einstein, ursprünglich schwarzweiß - jetzt in Farbe: "Das waren fünf oder sechs Schichten nur für das Gesicht. Viele Menschen denken ein Gesicht ist einfach nur rosa oder braun. Tatsächlich gibt es viele Farben. Um die Augen herum ist die dünne Haut sogar lila. Seitlich der Nase ist sie rötlich, im Schatten ist das Rot weniger satt, es gibt auch weißere Bereiche. Man sollte das alles wissen."

Unsere Augen lieben Farben

Diese, mitunter auch unvollkommenen Farbverläufe ebnen Schwarzweiß einfach ein. Unsere Augen lieben diese feinen Unterschiede, denn sie sind gemacht für eine Welt in Farbe. So wirken nachkolorierte Fotos lebendiger und finden immer mehr Anhänger.

Dana Keller arbeitet für Verlage, für Dokumentarfilmer, Zeitungen, aber auch für Privatleute, die ihre Vorfahren endlich mal in Bunt sehen wollen. Meistens sind es solche Privatfotos, die ihm seine Grenzen aufzeigen: "Ich bekomme viele Familienfotos die wirklich ausgeblichen sind. Sie sehen eigentlich nur in Schwarz-weiß gut aus, weil sie so kontrastreich sind. Meine erfolgreichsten nachkolorierten Fotos haben viele mittlere Grauwerte, da kann sich die Farben dann einpassen."

Ein gutes nachkoloriertes Foto gibt dem Bild etwa Eigenes. Plötzlich sticht ein Detail heraus, das vorher von den Grauschatten vernebelt war. Es macht eben doch einen Unterschied, ob Augen Blau sind oder Grau.

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