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Kompressor | Beitrag vom 20.03.2018

Kolorierte historische FotosGeschichte plötzlich ganz nah

Rolf Nobel im Gespräch mit Timo Grampes

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Eine von der brasilianischen Künstlerin Marina Amaral kolorierte Aufnahme eines jungen Mädchens im KZ Auschwitz-Birkenau. (Wilhelm Brasse/Marina Amaral/Auschwitz Memorial)
Eine von der brasilianischen Künstlerin Marina Amaral kolorierte Aufnahme eines jungen Mädchens, Czeslawa Kwoka, im KZ Auschwitz-Birkenau.. Original und Bearbeitung sind einander gegenübergestellt. (Wilhelm Brasse/Marina Amaral/Auschwitz Memorial)

Die Künstlerin Marina Amaral hat historische Schwarzweiß-Aufnahmen koloriert - und erziele damit eine verblüffende Wirkung, sagt Foto-Experte Rolf Nobel: Ein junges Mädchen im KZ Auschwitz rückt dem Betrachter emotional noch viel näher, Bilder von Abraham Lincoln wirken wie Film-Stills.

Alberst Einstein, Abraham Lincoln oder Glühbirnenerfinder Thomas Alva Edison – historische Fotos von ihnen gibt es zuhauf. Und in den allermeisten Fällen betrachten wir diese schwarzweißen Fotos mit einer gewissen Distanz, eben als geschichtliches Dokument aus einer vergangenen Zeit.

Was passiert aber, wenn diese Bilder koloriert werden? Nicht wie früher, mit Retuschefarbe, die immer etwas künstlich wirkte, sondern via Photoshop, mit Raffinesse und Sorgfalt? Die brasilianische Künstlerin Marina Amaral hat genau das getan, und die Wirkung ist verblüffend.  Bis zu 40 Tage arbeitet Amaral an einem Foto: Sie recherchiert akribisch den Entstehungshintergrund und Informationen zu den abgebildeten Personen. Das Ergebnis kann man sich auf ihrer Website anschauen.

Der US-Erfinder Thomas Alva Edison, 1921. Das Foto wurde von der Künstlerin Marina Amaral koloriert. (Library of Congress/The Crowley Company/Marina Amaral)US-Erfinder Thomas Alva Edison, 1921. (Library of Congress/The Crowley Company/Marina Amaral)

Farben erzeugen plötzlich große Nähe

Besonders im Gedächtnis bleibt das 75 Jahre alte Foto eines 14-jährigen Mädchens im KZ Auschwitz. Das Mädchen – kurzgeschorener Kopf, mit einer Wunde am Mund und im KZ-Kittel -  ist wenig später dort ermordet worden. Das Ausschwitz Museum hat das Bild von Czeslawa Kwoka über die sozialen Netzwerke verbreitet. Das Foto wurde tausende Male geteilt,  viel häufiger jedoch die kolorierte Version von Marina Amaral.

Auch Rolf Nobel, emeritierter Professor für Fotografie in Hannover und Direktor des Lumix-Festivals für jungen Fotojournalismus, kann sich dieser Wirkung nicht entziehen.

"Ich kann die Reaktion der Leute im Netz verstehen. Die farbige Version holt das Geschehen, das ja wahnsinnig lange zurück liegt und das wir natürlich immer in dem historischen Kontext betrachten, in unsere Nähe. Und so ging es mir beim Betrachten auch. Ich habe mich der Situation des jungen Mädchens in dem Lager, als sie da fotografiert wurde von dem Lager-Fotografen, sehr nahe gefühlt – viel, viel näher, als das in der schwarzweißen Version der Fall war."

Historische Fotos wie moderne Film-Stills

Kann die Farbe also dazu beitragen, Vergangenes in die Gegenwart und somit emotional näher an uns heran zu holen? Tatsächlich bringen wir heute Geschehnisse wie die Weltkriege oder den Vietnamkrieg immer mit Schwarzweiß-Aufnahmen in Verbindung - wir denken an diese Zeit immer in Schwarzweiß. Seien die Bilder dann plötzlich farbig, erzeuge dies nicht nur Emotionen, sondern auch eine Irritation, sagt Nobel.

US-Präsident Abraham Lincoln (1809 bis 1865). Das Foto wurde von der Künstlerin Marina Amaral koloriert. (Marina Amaral)US-Präsident Abraham Lincoln (1809 bis 1865). Das Foto wurde von der Künstlerin Marina Amaral koloriert. (Marina Amaral)

Er habe sich noch viele andere der von Marina Amaral bearbeiteten historischen Fotos angeschaut – "und ich habe viele Bilder im ersten Augenblick für Film Stills gehalten, also, für Aufnahmen, die zum Beispiel bei der Verfilmung des Lebens von Abraham Lincoln gemacht wurden, von Schauspielern, die Abraham Lincoln spielen."

Somit nehme man die Fotos gar nicht mehr als historische Aufnahmen wahr. Darunter unter anderem auch das Foto von Lincolns Mörder, John Wilkes Booth, den man, wenn man es nicht besser wüsste, für einen ziemlich coolen, aufstrebenden jungen Hollywood-Star halten könnte.
(mkn)

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