Seit 20:00 Uhr Nachrichten
Dienstag, 20.10.2020
 
Seit 20:00 Uhr Nachrichten

Wortwechsel / Archiv | Beitrag vom 28.02.2020

Koloniale RaubkunstVersöhnung gelingt nur durch Gerechtigkeit

Moderation: René Aguigah

Beitrag hören Podcast abonnieren
Raubkunst-Bronzen aus dem Land Benin in Westafrika im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg in einer Vitrine ausgestellt.  (picture allaince / dpa / Daniel Bockwoldt )
Raubkunst-Bronzen aus dem Land Benin in Westafrika im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg ausgestellt. (picture allaince / dpa / Daniel Bockwoldt )

Europäische Museen besitzen unzählige Objekte aus Afrika, erbeutet von den Kolonialherren. Jetzt wird viel über deren Rückgabe diskutiert. Doch eigentlich geht es um viel mehr: Um Gerechtigkeit für diejenigen, denen Unrecht angetan wurde.

"Kulturbewahrer" – so definierten sich die europäischen Kolonisatoren Afrikas im 19. Jahrhundert. Häufig erbeuteten sie gewaltsam unzählige Artefakte, um diese der heimischen Regierung für die neugeschaffenen Museen überlassen, für sogenannte Völkerkunde- oder ethnologische Museen. Europäische Erzeugnisse hingegen kamen in Kunstmuseen.

Mit der Unabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten im 20. Jahrhundert gab es eine erste große Debatte über die Rückgabe der Objekte. Sie versandete allerdings folgenlos. Seit dem "Bericht zur Restitution des afrikanischen Kulturerbes" der Wissenschaftler Felwine Sarr und Bénédicte Savoy an Frankreichs Präsident Macron 2018 hat sich die Debatte um afrikanisches Kulturgut in europäischen Museen neu entzündet.

Eurozentrische Arroganz

Die Verantwortung für die Restitution der kolonialen Raubkunst darf nicht allein den Museen übertragen werden, meint die Kuratorin Mareike Späth vom Landesmuseum Hannover. "Die Politik muss einen gesetzlichen Rahmen schaffen, um darin agieren zu können."

Der Historiker Jürgen Zimmerer kritisiert, dass immer noch der eurozentrische Blick vorherrsche. Als Beispiel nennt er die "Benin Dialogue Group", die über das Schicksal der Benin-Bronzen verhandle. Wenn diese anbiete, einige Objekte auszuleihen, dann sei das so, als ob der "Dieb, der Besitzer des Raubgutes," dem rechtmäßigen Besitzer anbiete, ihm das Raubgut auszuleihen. Das sei arrogant. "Wir entscheiden – wir, die die Objekte weggenommen haben, – über die Rückgabe!"

Koloniale Gewalt aufarbeiten

Auch der Erziehungswissenschaftler Louis Henri Seukwa meint, die Debatte über die koloniale Raubkunst in den Museen sei "nicht zu trennen von der Debatte über koloniale Gewalt." Deshalb sei es wichtig, "die Debatte aus den Museen zu befreien". Letzten Endes gehe es um viel mehr, nämlich um die Zukunft und die Frage: "Wie wollen wir mit den Menschen, denen Unrecht angetan wurde, versöhnt leben?" Wahre Versöhnung sei nur möglich, wenn sie auf Gerechtigkeit basiere.

Themenschwerpunkt "Dekolonisiert euch!"Themenschwerpunkt "Dekolonisiert euch!"

Koloniale Raubkunst – Versöhnung gelingt nur durch Gerechtigkeit. Darüber diskutierten am 25.02. im Schloss Herrenhausen in Hannover:

Prof. Dr. Louis Henri Seukwa, HAW Hamburg
Mareike Späth, Kuratorin, Landesmuseum Hannover (ab März 2020)
Prof. Dr. Jürgen Zimmerer, Universität Hamburg
Moderation: René Aguigah, Deutschlandfunk Kultur

Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit von Deutschlandfunk Kultur und der Volkswagenstiftung.

(sf)

Wortwechsel

Trumps AmerikaDie gespaltene Nation
Nachdem er positiv auf COVID-19 getestet worden war, versammelten sich Unterstützer des US-Präsidenten Donald Trump mit Flaggen und seinem Konterfei auf einem T-Shirt vor dem Walter Reed National Military Medical Center in Bethesda, Maryland.  (Getty Images / Alex Edelman)

Die USA haben die Wahl – und die Welt schaut gebannt auf ein Land, das polarisierter scheint als je zuvor: Die einen feiern Präsident Donald Trump als Heilsbringer, die anderen sehen in ihm eine Gefahr für die Demokratie. Halten die USA das aus?Mehr

Neue Suche nach Atommüll-EndlagerIst Gorleben überall?
Zwei symbolische Atommüllfässer stehen unweit vom ehemaligen Erkundungsbergwerk Gorleben im Wald. 90 Gebiete in Deutschland haben nach Erkenntnissen der Bundesgesellschaft für Endlagerung günstige geologische Voraussetzungen für ein Atommüll-Endlager. Der Salzstock Gorleben in Niedersachsen ist nicht darunter.  (picture alliance / dpa / Philipp Schulze)

Deutschland sucht ein Endlager für hochgiftigen Abfall der Menschheit: Atommüll. Seit dieser Woche ist klar, Gorleben ist aus dem Rennen. Nur wohin mit dem Müll? Eine Studie listet 90 potenzielle deutsche Standorte auf. Streit ist programmiert.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur