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Interview | Beitrag vom 23.02.2021

Koloniale Raubkunst"Eine Beweislastumkehr ist notwendig"

Jürgen Zimmerer im Gespräch mit Axel Rahmlow

Der Historiker Jürgen Zimmerer steht hinter einem Rednerpult und hält eine Ansprache. (imago images / Chris Emil Janßen)
Nicht auf die lange Bank schieben: Die Politik müsse sich zur Restitution geraubter Objekte bekennen, fordert der Geschichtsprofessor Jürgen Zimmerer. (imago images / Chris Emil Janßen)

In deutschen Museen befinden sich viele Objekte, die in kolonialen Kontexten geraubt wurden. Um darüber aufzuklären, wurde nun ein Leitfaden veröffentlich. Nun müsse aber auch die Politik handeln, unterstreicht der Historiker Jürgen Zimmerer.

Der Deutsche Museumsbund hat am Dienstag einen Leitfaden zum Umgang mit dem kolonialen Erbe veröffentlicht. Dieser umfasst 220 Seiten und soll den offenen Diskurs über den Umgang mit Kulturgütern ermöglichen, vor allem mit den Ländern, aus denen diese Objekte stammen, die sich nun aber in deutschen Museen befinden.

Vom Wissen zum Handeln

An dem Leitfaden mitgewirkt hat Jürgen Zimmerer, Historiker an der Universität Hamburg. Zwar habe die Handreiche keine Verbindlichkeit, doch sei es Hilfsmittel, "weil den Museen gesagt wird, wo die Probleme liegen", so der Geschichtsprofessor. Man hoffe darauf, dass durch den Aufbau von Wissen auch entsprechend gehandelt werde. Davon profitieren könnten vor allem auch kleinere Museen, die oftmals unterfinanziert seien.

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In dem Leitfaden, beschreibt Zimmerer, werde den Mitarbeitenden in den Museen erklärt, "was alles unter den kolonialen Kontext zu fassen ist". Dies gehe oft viel weiter als das, worüber diskutiert werde. Mit dem Leitfaden könne somit dafür sensibilisiert werden, "dass die deutschen Museen voller Objekte aus kolonialen Kontexten sind".

Die Debatte um den Leitfaden laufe bereits seit vier Jahren, sagt der Historiker. In der Auseinandersetzung habe ihn die Museen deutlich gemacht, dass sie von der Politik im Stich gelassen würden. So gebe es auch in der öffentlichen Diskussion vorgebrachte Forderungen nach Restitution, doch dürften die Museen diesen nicht erfüllen, selbst wenn sie es wollten. Denn dazu fehlte es nicht zuletzt auf kommunaler und Landesebene an Maßgaben.

Bekenntnis zur Restitution

"Hier muss die Politik nachziehen", unterstreicht Zimmerer. Diese müsse nun "ein Bekenntnis zur Restitution geraubter Objekte abgeben". Dafür müsse der erste Grundsatz sein: "Wollen wir als deutsche Gesellschaft geraubte Objekte in unseren Museen haben – oder nicht? Wenn wir sagen, das wollen wir nicht, dann ist klar, dass wir geraubte Objekte restituieren müssen", so der Historiker.

Zweites müsse vonseiten der Politik nicht länger das Problem auf Expertenrunden und -gremien abgeschoben werden, sondern es müsse klar gesagt werden, "dass Kolonialismus ein klar strukturell rassistisches Unrechtssystem ist und alle Aneignungen von Objekten unter kolonialen Bedingungen unter dem Verdacht stehen, unfair, unrechtmäßig oder unter Druck erfolgt zu sein". Hier sei somit eine "Beweislastumkehr" notwendig, "um zu sagen, es gibt Objekt, die fair erworben wurden, aber den Nachweis dafür müssen die Museen und die deutsche Gesellschaft führen, und nicht die ehemals Kolonisierten".

(rzr)

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