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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 21.09.2018

Köthen und die MedienBenennt die wahren Probleme!

Ein Standpunkt von Folkert Uhde

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Vor einer geplanten Demonstration mehrerer rechtsgerichteter Gruppierungen haben die Menschen im sachsen-anhaltischen Köthen ihren Marktplatz bunt angemalt.  (dpa/Sebastian Köhler)
Vor einer geplanten Demonstration mehrerer rechtsgerichteter Gruppierungen haben die Menschen im sachsen-anhaltischen Köthen ihren Marktplatz bunt angemalt. (dpa/Sebastian Köhler)

Von wegen rechtes Nest! Folkert Uhde, Intendant der Köthener Bachfesttage, ärgert sich über das Bild, das viele Journalisten nach den rechtsextremen Aufmärschen von seiner Stadt zeichnen. Denn die Köthener setzten deutliche Zeichen gegen Hass und Hetze.

Ich bin sauer! "Eine Stadt duckt sich weg" titelte die "Zeit" Anfang der Woche über Köthen. Das Gegenteil ist richtig: Die Stadtgesellschaft rückt zusammen und diskutiert gemeinschaftlich, wie man gemeinsam Hass und Hetze begegnen kann – und die eigene Stadt vor Gewalt schützt.

Nur Stunden, nachdem vorvergangenen Sonntag die Meldung des Todes eines 22-jährigen Kötheners in einer Auseinandersetzung mit drei Flüchtlingen durch die Ticker ging, fand schon am Nachmittag ein Gedenkgottesdienst statt. Erst gegen Abend reisten rechte Gruppen zu einem "Trauermarsch" an.

Seit jenem Sonntag gibt es in Köthen jeden Tag ein sehr gut besuchtes Friedensgebet. Und fast täglich trifft sich eine bunt zusammen gewürfelte Gruppe von Bürgern im Rathaus, um die nächsten Schritte zu planen. Vorläufiger Höhepunkt war eine einzigartige Aktion, die es am letzten Samstag bis in die Hauptnachrichten von ARD und ZDF gebracht hat: Hunderte Menschen bemalten ihren Marktplatz und die Fußgängerzone bunt mit Friedenssymbolen. Die Köthener setzten ein stilles Zeichen – bevor wieder rechte Gruppen in die Stadt zum Demonstrieren kamen.

Journalisten voller Vorurteile

Die Bilder waren vielleicht deshalb so erfolgreich, weil sie überraschten. Eine Stadt in Ostdeutschland! Wo es doch überall von Rechten nur so wimmelt!

Wir – und da schließe ich mich als gebürtigen Westdeutschen durchaus ein – sind voller Vorurteile. Das habe ich in der letzten Woche gemerkt, als ich mit vielen Journalisten über Köthen gesprochen habe. Ein Moderator dieses Senders beispielsweise wollte in einem Interview mit mir unbedingt hören, dass meine Künstler jetzt nie wieder nach Köthen kämen, weil ja da überall Nazis seien. Ich musste ihn enttäuschen. Ich habe von der aktiven Bürgerschaft gesprochen, von den begeisterten Besuchern meines Festivals und den enthusiastischen Künstlern, die viele Solidaritätsbekundungen und Ermutigungen aus der halben Welt über Facebook nach Sachsen-Anhalt schickten.

Teilnehmer der Kundgebung "Der extremen Rechten entgegentreten" und Polizisten stehen sich am Bahnhof von Köthen gegenüber. Im Vordergrund mehrere Polizei-Mannschaftswagen.  (dpa)Kundgebung "Der extremen Rechten entgegentreten" (dpa)

Seit eineinhalb Wochen kämpfe ich nun gemeinsam mit den Köthenern um das Bild ihrer Stadt und habe in dieser Zeit gelernt, wie viel Vorurteile es über den Osten gibt – aber auch wie viel tief sitzender Frust im Osten über "DIE Medien", "DIE Regierung" und "DIE Wessis" existiert.

Verunsicherung ernstnehmen

Seien wir mal ehrlich: Rechts liegt nicht im Osten. Okay, Victor Orban wird jetzt endlich vom EU-Parlament in seine Schranken gewiesen. Aber in Italien sind Rechtspopulisten an der Regierung beteiligt und führen haushoch in aktuellen Umfragen, genauso wie in Österreich. Und in Baden-Württemberg kam die AfD bei der letzten Bundestagswahl auch auf 12,6 Prozent. In Bayern werden es wohl mehr werden im Oktober.

Deshalb: Lassen Sie uns ehrlich über Probleme sprechen – und uns nicht die öffentliche Agenda von rechten Schreihälsen und Facebook-Trollen diktieren.

Die Migrationsdebatte wird von rechts instrumentalisiert. Aber die Verunsicherungen einer breiten Gruppe durch alle sozialen Schichten hindurch sind unübersehbar. Und an die dahinter liegenden Fragen müssen wir endlich ran:

Wie gehen wir eigentlich mit der Bedrohung durch Mietenexplosion um, die ursächlich mit der sogenannten Finanzkrise zusammenhängt? Was können wir für Menschen tun, die durch Verdrängung ihren Lebensmittelpunkt verlieren? Oder nur zu Recht davor Angst haben? Warum wird immer noch Arbeit höher besteuert als Kapitalerträge? Wie gehen wir mit Globalisierung und Digitalisierung um? Warum tun wir nichts gegen die absehbare Klimakatastrophe, auf die wir zusteuern? Warum beschäftigen sich unsere Politiker lieber mit durchsichtigen Wahlkampfmanövern als mit Diskussion und Lösung von Problemen?

Unsere Zukunft wird in Orten wie Köthen entschieden

Und nicht zuletzt: Warum sind eigentlich immer die anderen schuld? Rechtspopulisten zeigen auf die Flüchtlinge, Wessis auf Ossis und neulich habe ich bei der CSU gelesen, dass die Grünen am Erstarken der AfD Schuld seien… Versuchen wir doch mal, bei uns selber anzufangen. Probleme beim Namen nennen, ehrlich sein, keine Placebo-Diskussionen führen, Lösungen suchen, und vor allem: besonnen bleiben. Mit null Toleranz für populistische Brandstifter – auch, wenn sie der Regierung angehören.

Und wir müssen über diejenigen sprechen, die die Demokratie stärken und bürgerschaftliches Engagement zeigen. Erfahrungen von Selbstwirksamkeit stiften. Wider die Ohnmacht.

Denn die Zukunft unserer Demokratie wird nicht in Berlin Mitte entschieden, sondern in Orten wie Köthen.

Ich bin an der Nordseeküste aufgewachsen: Da erhöht man die Deiche, wenn die Flut zu hoch steigt. Jetzt müssen wir gemeinsam unser Land und unsere Demokratie schützen.

Das Wasser steht schon ziemlich hoch. Es gibt jetzt keine Ausreden mehr.

(Bachfesttage/Henner Fritzsche)Folkert Uhde, Intendant der Köthener Bachfesttage. (Bachfesttage/Henner Fritzsche)Folkert Uhde ist seit 2015 Geschäftsführender Intendant der Köthener Bachfesttage. 2006 gründete er gemeinsam mit Jochen Sandig  das inzwischen international renommierte RADIALSYSTEM V in Berlin als "Space for Arts and Ideas". Er unterrichtet künstlerische Projektentwicklung u.a. an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen, der Universität Mozarteum Salzburg und der Musikhochschule Nürnberg.
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