Königsträume aus Stein

Als Zeichen der Legimitation seiner Macht deutet die Kunsthistorikerin Christine Tauber die Schlösser Ludwigs II. von Bayern. Teils allzu psychologisierend, oft nachvollziehbar deutet sie die Bauten des Königs und weckt die Lust des Lesers, sie sich anzuschauen.
Neuschwanstein, Herrenchiemsee, Linderhof: Die Schlösser, die Ludwig II. erbauen ließ, sind heute Tourismusmagneten, in Stein gemeißelte Träume eines rätselhaften Herrschers. Diesen Herrscher hat sich Christine Tauber vom Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte vorgenommen, in einem Buch, das mehr ist als eine Biografie. Tatsächlich steht das Biografische eher im Hintergrund.

Die Stationen von Ludwigs Leben - seine kurze Verlobung, seine politischen Schwierigkeiten, selbst sein mysteriöser Tod im Starnberger See - werden nur gestreift. Etwas ausführlicher beschäftigt sich Tauber mit dem Verhältnis des Königs zu Richard Wagner, wobei sie den Einfluss Wagners und seiner Frau Cosima kritisch sieht: Ludwig habe von Wagner vor allem "eine bis zum Sozialchauvinismus gesteigerte Selbstüberhebung" gelernt. Eben jenen Hochmut, der sich auch in Ludwigs Bauten zeigt.

Anhand dieser Bauten versucht Tauber, die innere Welt des Märchenkönigs zu erschließen, eines Königs, der sich als absoluter Herrscher sah, in einer Zeit, in der der Absolutismus bereits ein Auslaufmodell war. Ludwig II. identifizierte sich mit dem Ancien Régime, sah die französischen Könige Louis XIV. und Louis XV. als Vorbilder und Ratgeber. Herrenchiemsee, nach dem Modell von Versailles erbaut, wurde "entbajuwarisiert", die Hauptblickachsen durften bewusst nicht im Alpenpanorama enden: Nichts sollte an Bayern erinnern in diesem steingewordenen Traum. Neuschwanstein wiederum entspricht der Gralsburg, in der in völliger Abgeschiedenheit "das Ideal einer gottgegebenen Herrschaft" gelebt werden sollte. Immer wieder versuchte Ludwig, in seinen Schlössern eine "Hyperrealität" zu erschaffen, in der er sein Herrschaftskonzept wider den Zeitgeist aufrechterhalten konnte.

Mitunter wird der Text ein wenig allzu psychologisierend, wenn Tauber etwa Ludwigs Vorliebe für phantastisch ausgestaltete Grotten und Höhlen als Reaktion auf den verspürten Liebesentzug durch seine Mutter und die Suche nach künstlichen Schutzzonen deutet. Andere Interpretationen sind nachvollziehbarer, wenn Tauber etwa die Bautätigkeiten des Königs nicht als Eskapismus, sondern als hochpolitischen Akt bezeichnet. Als "Zeichen der Legitimation des monarchischen Prinzips in der ultimativen Form" in einem quasi geschichtslosen Raum, in dem Ludwig sich als Zeitgenosse der französischen Könige positionieren konnte. Für Tauber ist der Bayernkönig ein konservativer Utopist, der sich der Aufgabe verschrieben hatte, einen angeblichen Idealzustand wieder herzustellen.

All dies wird ausführlich dargestellt und anhand architektonischer Vorbilder für Ludwigs Schlösser und der Literatur, die den König vermutlich beeinflusst hat, belegt. Tauber geht es nicht um den Geisteszustand des Herrschers - auch wenn sie ihm durchaus pathologische Züge bescheinigt - sondern um seine innere Logik, und tatsächlich scheint sie dem Monarchen mitunter erstaunlich nahe zu kommen. Nicht zuletzt macht ihr Buch große Lust, die Schlösser des Märchenkönigs zu besuchen und selbst einen Ausflug in dessen phantastische Welt zu unternehmen.

Besprochen von Irene Binal

Christine Tauber: Ludwig II. - Das phantastische Leben des Königs von Bayern.
Verlag C. H. Beck, München 2013
368 Seiten mit 59 Abbildungen und 2 Karten, 24,95 Euro
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