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Reportage / Archiv | Beitrag vom 13.11.2013

Kochduell der Caterer

Wie Caterer um einen Großauftrag an Berliner Grundschulen buhlen

Von Annette Weiß

Gemüseeintopf zum Mittagessen an einer Grundschule (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Gemüseeintopf zum Mittagessen an einer Grundschule (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

In Berlin dürfen 350 Grundschulen erstmals ihren Caterer selbst bestimmen. Um herauszufinden, welcher Anbieter für 3,25 Euro pro Portion das beste Mittagessen bietet, wird das Essen von einer Jury getestet.

Im Foyer des Rathauses Berlin-Zehlendorf steht ein gedeckter Tisch mit weißer Tischdecke vor einer geschlossenen Flügeltür. Ein ungewöhnlicher Ort für eine Pressekonferenz, aber schließlich geht es auch nicht um das klassische Frage- und Antwortspiel, sondern um ‒ Rindergulasch.

"Es gibt zwei Gerichte, einmal ein vegetarisches und ein Fleischgericht. Es handelt sich um saisonale Gemüsepfanne mit Reis, herbstlichem Obstsalat mit Vanillequarkhaube. Und dann gibt es den Rinder-Gemüse-Gulasch mit Kartoffeln, grünem Salat mit Yoghurt-Dressing."

Beate Stoffers, Sprecherin von der Senatsbildungsverwaltung, ist bemüht, ein Verfahren transparent zu machen, das eigentlich streng geheim sein soll. In Berlin kämpfen insgesamt 20 Caterer um einen gigantischen Auftrag: Sie sollen 70.000 Mittagessen an Berliner Grundschulen liefern. Der Haken dabei: Das Essen soll schmecken! Deshalb finden zurzeit in allen Bezirken Testessen statt. Eine Jury, bestehend aus Eltern, Lehrern und Kindern, kostet heute das gleiche Gericht in vier Varianten und entscheidet, welcher der vier Caterer, die sich im Bezirk präsentieren, den Zuschlag bekommen soll. Die neunjährige Anni ist Testerin und weiß, worauf sie achten soll.

"Wie es aussieht, wie es sich im Mund anfühlt, wie es riecht ‒ wie's schmeckt."

Es geht um viel Geld. Das richtige Testessen findet deshalb hinter verschlossenen Türen statt. 

Aber weil die Berliner Öffentlichkeit so großes Interesse an dem Thema Schulessen hat, wird auf der Pressekonferenz heute inszeniert, was im Anschluss hinter der Flügeltür tatsächlich passiert.

"Wir tauschen mal die Teller, oder? Das sieht gut aus. Ich finde, meins ist sehr schön von den Farben angerichtet, so mit der Soße in der Mitte."

Die Mitarbeiter des Bezirksamtes Berlin-Zehlendorf spielen Kellner und stellen die angerichteten Teller auf die Tische. Miniportionen sind darauf verteilt. Während die Bildungssenatorin und die Stadträtin begeistert die Teller tauschen, stochern die beiden Kinder, Anni und Janne, mit der Gabel im Gulasch.

"Ja, gut, bloß ich finde, dass die Zucchini ein bisschen hart ist. Und was meinst du? ‒ Ja, die Kartoffeln könnten noch ein bisschen besser sein."

Die Teller sind noch fast voll, der Obst- und der Gurkensalat sind unangetastet, aber das ist auch besser so, denn ab geht's zur richtigen Testverkostung. Die Flügeltüren öffnen sich, die Kinder samt ihrer Erzieherin, einem Vater und der Rektorin verschwinden im Saal. Ein Blick hinein verrät: Köche mit Schürzen und Mützen huschen durch die Reihen, einer eilt über den Flur, holt Nachschub, zieht einen Wagen mit dem warm gehaltenen Essen in Isolierboxen hinter sich her. Überall stehen Tische, ganz neutral: Keine Tischdecke, keine Dekoration, kein Logo sollen die Testesser beeinflussen. Die stecken jetzt die Köpfe zusammen und brüten über den Bewertungsbögen.

Dann fällt die Tür zu. Kein Reporter darf über die Schwelle. Wenn sich auch nur ein Caterer benachteiligt fühlt und klagt, müsste das Verfahren neu ausgeschrieben werden: für 20 Caterer, 350 Grundschulen und 70.000 Mittagessen täglich.

Schulsenatorin Sandra Scheeres bleibt draußen bei den Journalisten. Sie glaubt, dass Berliner Schüler nun dauerhaft besser essen werden:

"Die müssen sich Mühe geben. Weil hier gibt es jetzt Qualitätswettbewerb, das war ja früher anders, da hatten wir einen Preiswettbewerb , da haben sich die Caterer unterboten und jetzt ist es so, dass wir kontinuierliche Kontrollen haben, und wenn sich das Essen verschlechtert, dann besteht die Möglichkeit, dass Verträge gekündigt werden können." 

3,25 Euro wird das Essen jetzt einheitlich kosten, vorher waren es nur zwei Euro. Die Caterer dürfen keine Geschmacksverstärker, künstlichen Farb- oder Aromastoffe und auch keine gentechnisch veränderten Lebensmittel verwenden. 

Hohe Anforderungen, die aber keineswegs unerfüllbar sind. Das zeigen einzelne Schulen, die schon seit Jahren ihre eigene Küche betreiben. So wie die Werbellinseeschule in Berlin-Schöneberg.

Die vierten bis sechsten Klassen stürmen die Aula in der Mittagszeit, auf jedem Tisch steht ein Herbstgesteck und eine Schüssel mit Chili con Carne. Die Kinder nehmen sich das Essen selbst.


"Ich finde es gut, dass der Koch es frisch macht, das meiste schmeckt gut, finde ich. Ich mag die Bohnen nicht, aber ist auch bei meiner Mutter so." 

Rund 400 Kinder essen täglich an der Ganztagsschule. Die hat schon seit Jahren einen eigenen Koch und einen eigenen Essensausschuss. Die Hortleiterin, ein Erzieher und vier Schüler setzen sich regelmäßig mit dem Koch zusammen, um den Speiseplan noch zu verbessern, darunter ist die zwölfjährige Linn Jansen.

"Wenn da zum Beispiel steht Nudeln mit Tomaten-Soße und Basilikum, Parmesan und zum Nachtisch Obst … dann sagen wir… mit Käsesoße."

So wie an der Werbellinseeschule wird es ab nächstem Schuljahr in allen Berliner Grundschulen zugehen. Die Schulsenatorin will außerdem noch vier Kontrollstellen einrichten, die die Caterer überwachen und dafür sorgen, dass die Qualität dauerhaft stimmt ‒ und nicht nur beim Testessen.

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