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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.06.2009

Klug und clever

Josef Reichholf: "Rabenschwarze Intelligenz", Herbig Verlag 2009, 224 Seiten

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Ein Rabe wird im Münchner Zoo fotografiert. (AP Archiv)
Ein Rabe wird im Münchner Zoo fotografiert. (AP Archiv)

Raben und Krähen werden vielerorts verachtet und verfolgt - obwohl sie im Vergleich zu anderen Vögeln äußerst intelligent sind. Der Evolutionsbiologe und Zoologe Josef Reichholf leistet mit seinem Buch "Rabenschwarze Intelligenz" einen Beitrag dazu, die schwarzen Vögel ins rechte Licht zu rücken.

Mao hieß das aufgeweckte Tier - nicht aus ideologischen Gründen. Der Rabe, von Menschenhand aufgezogen, wusste es nicht besser, als er seinen ersten Schrei ausstieß, und so taufte ihn sein menschlicher Vater auf sein Kinderstuben-Krächzen.

Der routinierte Sachbuchautor und engagierte Zoologe Josef Reichholf erzählt in seinem jüngsten Buch "Rabenschwarze Intelligenz" (Herbig Verlag) in bester Konrad-Lorenz-Manier über das Zusammenleben von Mensch und Rabenvögeln. Eine Lanze will er brechen für die intelligenten Tiere, die noch immer im Verruf stehen, Felder zu zerstören, Lämmer zu töten, kleinere Singvogel- und seltene Wildtierarten zu dezimieren.

Die meisten Menschen, kritisiert Josef Reichholf, haben von Rabenvögeln schlicht keine Ahnung. Die Unkenntnis fängt schon bei der ornithologischen Zuordnung an. Viele Jahrhunderte lang wurde zwischen Rabenkrähen, Raben und Dohlen nicht unterschieden - und Vorurteile gegen die gefiederten Nahrungskonkurrenten unterschiedlos auf alle krächzenden schwarzen Vögel verteilt. Der Biologie-Professor klärt auf: Rabenkrähe, Nebelkrähe, Saatkrähe, Kolkrabe, Elster, Eichelhäher, Tannenhäher und Dohle gehören zu den in Deutschland heimischen Vertretern der Familie der Rabenvögel - die übrigens zur Unterordnung der Singvögel gehört, auch wenn man es dem Krächzen nicht anhören mag.

Allen Rabenvögeln gemeinsam ist ihre hohe Intelligenz, von der Josef Reichholf in den lebendigsten und anschaulichsten Passagen des Buches aus persönlicher Erfahrung erzählt: Der Rabe Mao etwa machte sich ein Vergnügen daraus, den Haushund mit Tricks und Täuschungsmanövern zum Narren zu halten, der auf die Finessen des Vogels immer wieder hereinfiel. Hatte ihm jemand ein Unrecht getan, rächte sich der gefiederte Hausfreund, indem er Gegenstände stahl und versteckte, an denen Raben gemeinhin gar kein Interesse haben. Eine Denkleistung höherer Ordnung, denn der Vogel muss dafür in der Lage sein, sich in das mutmaßliche, zukünftige Gefühlsleben seines Gegenübers hineinzuversetzen. Die Rabenkrähe Tommy, die der Autor als Nestling vor dem sicheren Tod rettete und auf sich prägte, war Zeit ihres Lebens von unbändiger Neugier erfüllt - ebenfalls ein Zeichen tierischer Klugheit. Als ihm ein Bein abgeschossen wurde, begab sich das Tier voller Vertrauen in die Hände des Autors und ließ sich trotz starker Schmerzen verbinden - für den Autor eine berührende Erfahrung.

In weiten Teilen seines neuen Buches befasst sich der Zoologe allerdings mit harten Fakten und statistischen Berechnungen. Wer ihm durch die seitenlangen Berechnungen folgt, wird mit einer Spurensuche wie im Krimi belohnt: Warum vermehren sich Krähen, wenn man sie zum Abschuss freigibt? Je höher der Jagddruck, umso mehr Tiere tummeln sich im nächsten Jahr in Wald und Flur - das Geheimnis liegt im besonderen Fortpflanzungsverhalten der Tiere. Dass die schwarzen Krächzer kleineren Singvögeln und Wildtieren ernsthaft schaden, kann Josef Reichholf ebenfalls mit ausführlich präsentierten Feldstudien widerlegen. Und so lautet die Botschaft des Autors am Ende eines unterhaltsamen und informativen Sachbuchs: Rabenvögel gehören zu den klügsten und spannendsten Tieren der Erde - es verbietet sich, sie weiterhin grausam und zu bejagen. Sinnlos ist es obendrein.

Besprochen von Susanne Billig

Josef Reichholf: Rabenschwarze Intelligenz. Was wir von Krähen lernen können
Herbig Verlag 2009
224 Seiten, 20,55 Euro

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