Klimawandel und Pandemien

Die Gefahr durch Zoonosen steigt

06:29 Minuten
Ein Austernfischer und ein Seehund Helgoland.
Grundsätzlich ist das Zusammenleben von verschiedenen Tierarten erst einmal kein Problem. Vorausgesetzt, sie leben schon sehr lange zusammen. © imago images/McPHOTO
Von Joachim Budde · 12.05.2022
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Wegen des Klimawandels dringen Tiere in neue Gegenden vor und Zoonosen können einfacher entstehen. Auch das Corona-Virus ist wohl aus dem Tierreich auf uns Menschen übergesprungen. So ist die aktuelle Pandemie womöglich nur ein Vorgeschmack auf Kommendes.
Winter 1987. Im Nordatlantik geht eine Seuche unter Seehunden und Robben um. Von Westeuropa bis Sibirien sterben 18.000 Tiere – zwei Drittel der gesamten Population. Kurz darauf stellt sich heraus, dass ein bis dahin unbekannter Erreger, das Phocine-Distemper-Virus, hinter dem Massensterben steckt. Lange Zeit war das Virus auf den Nordatlantik beschränkt. Doch der Klimawandel verändert die Lage dramatisch, sagt Colin Carlson von der Georgetown University in Washington DC.

"Das Verschwinden des Eises als Barriere verändert, wie Meeressäuger einander begegnen. Und dabei entstehen neue Übertragungswege für Krankheitserreger."

Colin Carlson

Wo das Eis schmilzt, öffnen sich neue Handelswege, es öffnen sich aber auch Wege für Tierarten, die sich zum ersten Mal in der Erdgeschichte begegnen. Beweis und Ergebnis dafür: Vor wenigen Jahren haben Forscher das Virus in Seeottern in Alaska und damit erstmals im Pazifik nachgewiesen.
Die Polregionen sind die Breiten, für die Expertinnen die größten Veränderungen durch den Klimawandel vorhersagen. Colin Carlson und seine Kollegen haben modelliert, wo auf der Welt es zu den meisten solcher Erstkontakte zwischen Säugetieren kommen wird, und wie groß die Gefahr von neuen Übertragungen zwischen bislang getrennten Arten ist.
"Die Ergebnisse der Simulationen haben uns überrascht. Ursprünglich hatten wir geglaubt, die meisten Arten würden sich in der Arktis neu begegnen, aber das hat sich nicht bestätigt“, sagt Colin Carlson.

Tiere weichen in kühlere Gebiete aus

"Tatsächlich haben wir herausgefunden, dass die große Mehrheit dieser neuartigen Begegnungen in Regionen wie Südostasien und Ostafrika passieren werden, und zwar in Gegenden, in denen Arten aus verschiedenen Richtungen kommen und sich zu neuen Gemeinschaften zusammenfinden – vor allem an den Hängen von Gebirgen und ähnlichen Stellen.“
Denn wenn es Tieren zu warm und zu trocken wird, sagt Greg Albery, der ebenso an der Studie mitgearbeitet hat, weichen sie in kühlere Gebiete aus.
Die Simulationen der Forscher zeigt: Begegnungen wie die zwischen Robben und Ottern dürften in den nächsten Jahren und Jahrzehnten tausendfach auf der ganzen Welt stattfinden.
"Der Klimawandel erschüttert unsere Ökosysteme im Innersten. Wir zeigen einen zusätzlichen Mechanismus, wie der Klimawandel neue Krankheiten entstehen lassen kann. Das kann die Gesundheit von Tierpopulationen gefährden und dürfte auch Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben. Und dieser Prozess ist längst im Gange – unter der Oberfläche und unbeobachtet. Wir müssen anfangen, hinzusehen."

Corona-Pandemie ist ein eindrückliches Beispiel

Grundsätzlich sind diese Mechanismen lange bekannt. Die Coronapandemie ist das eindrücklichste Beispiel dafür, was passieren kann, wenn Erreger von einer Tierart auf die andere überspringen, sich verändern und damit für weitere Arten gefährlich werden. Sie können von Tieren auf den Menschen überspringen, aber auch den entgegengesetzten Weg gehen.
Das haben US-Forscherinnen und Forscher am Beispiel der Weißwedelhirsche gezeigt. Die Tiere haben sich bei Menschen mit Sars-CoV-2 angesteckt. Das Virus hat sich in den Hirschpopulationen verändert. Die Forscher haben gezeigt, dass es besser an die Hirsche angepasst ist. Ob die Hirsch-Variante auch für den Menschen gefährlicher ist, ist noch offen.
Jonna Mazet, Professorin für Epidemiologie und Krankheitsökologie an der University of California in Davis, nähert sich dem Problem von der anderen Seite: Sie hat das PREDICT-Projekt gestartet, eine Datenbank, die 31 Risikofaktoren über bekannte Viren sammelt und die Erreger danach rankt, wie groß die Gefahr für einen Übersprung auf den Menschen ist.
Das neue Coronavirus ist direkt auf Platz zwei eingestiegen – obwohl Forschende noch immer wenig über den Erreger wissen. Hinter ihm und anderen bekannten Erregern dominieren weitere Coronaviren das Ranking, die bislang nicht auf den Menschen übergesprungen sind.
"Viele Coronaviren nehmen hohe Plätze ein. Das liegt daran, dass Coronaviren relativ leicht von einer Tierart auf die andere springen."

Der Blick in die Zukunft

Zurück zu Colin Carlson und Greg Albery. Fünf Jahre lang haben die beiden Forscher ihre Rechner durchspielen lassen, wie sich 3870 Säugetierarten bis zum Jahr 2070 neu auf der Welt verteilen werden. Auch, dass die Menschen das Land anders nutzen werden, haben die Forscher in ihren Modellen berücksichtigt. Mit einem weiteren unangenehmen Ergebnis:
"Die meisten Tierarten wird der Klimawandel erstmals in dicht besiedelten Gegenden aufeinandertreffen lassen. In landwirtschaftlich genutzten Gebieten mit vielen Menschen und viel Vieh."
Damit steigt die Gefahr, dass ein Erreger auf den Menschen überspringt, zusätzlich. Die größte Zahl sagen die Modelle für die Zeit bis 2040 voraus – wir sind also längst mittendrin in dieser Veränderung.

"Die Erwärmung ist ja längst geschehen. Tierarten ziehen in neue Lebensräume. Und wir werden diese Entwicklung nicht schnell genug umkehren können, um das zu stoppen. Dieser Effekt wird auf einer globalen Ebene weitergehen."

Greg Albery

Gleichzeitig warnt Colin Carlson davor, in Fatalismus zu verfallen.
"Wir kriegen das Anthropozän nicht zurück in die Flasche. Aber alles, was verhindert, dass ein Virus von einer Art auf eine andere überspringt, wird sich lohnen. Einerseits müssen wir die Umwelt schützen. Andererseits müssen wir bessere Gesundheitssysteme aufbauen, um zu verhindern, dass Übersprünge sich zu Pandemien auswachsen. "
Carlson zieht sogar einen positiven Schluss.
"Wir haben bereits die Werkzeuge, um damit umzugehen. Und das ist eine große Sache, denn es bedeutet, wir können zwei Krisen von globalem Ausmaß angehen."

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