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Interview | Beitrag vom 08.05.2021

Klimawandel und ZugvögelÜberwintern in englischen Gärten

Miriam Liedvogel im Gespräch mit Ute Welty

Ein Mönchsgrasmücken-Männchen badet an einer Wasserstelle.  (imago images / BIA / Oscar Diez)
Mönchsgrasmücken haben infolge des Klimawandels ihre Zugroute verändert. (Symbolbild) (imago images / BIA / Oscar Diez)

Durch den Klimawandel findet alles immer früher im Jahr statt. Viele Zugvögel kommen da nicht mit und sind zu spät an ihren Brutplätzen, sagt Vogelforscherin Miriam Liedvogel. Aber es gibt auch Klimawandel-Gewinner: etwa die Mönchsgrasmücke.

Statt nach Afrika nur mal eben in die Provence - oder gleich ganz zu Hause bleiben: Der Klimawandel hat das Verhalten der Zugvögel bereits nachhaltig verändert. 

Dass Zugvögel wirklich sesshaft werden, weil sie es auch im Winter im Brutgebiet gut aushalten können, sei allerdings eher in Mittelmeergebieten zu beobachten, sagt die Zugvogelgenetikerin Miriam Liedvogel, leitende Wissenschaftliche Direktorin des Instituts für Vogelforschung in Wilhelmshaven.

Die Briten als leidenschaftliche Vogelfütterer

Zugvögel, die in unseren Breiten brüten, verkürzten dagegen ihre Route - oder sie veränderten die Richtung ihres Zuges. Zum Beispiel gebe es Populationen von Mönchsgrasmücken, die im Winter gar nicht mehr nach Süden zögen, sondern nach Nordwesten, um in Großbritannien zu überwintern, sagt Liedvogel.

Porträt der Vogelforscherin Miriam Liedvogel. (privat)Miriam Liedvogel erforscht Zugvogelbewegungen unter den Bedingungen des Klimawandels. (privat)

Schuld daran sind nicht nur die milderen Winter, sondern offenbar auch, dass die Briten leidenschaftliche Vogelfütterer sind: 

"Die Vögel in den Gärten werden verwöhnt bis zum Gehtnichtmehr. Das macht sich die Mönchsgrasmücke dann zu eigen, vermuten wir." Die zieht eine viel kürzere Strecke, nach Großbritannien zu ziehen ist sehr viel kürzer als nach Nordafrika, und das bringt den Vorteil mit sich, dass sie im Frühjahr dann auch wieder schneller im Brutgebiet ist, als erste da sein kann, die besten Territorien abgreifen kann und so erfolgreich sich fortpflanzen kann."

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Diese neue Zugroute nach Nordwesten hat sich bei den Mönchsgrasmücken offenbar bereits in die Gene eingeschrieben. Liedvogel berichtet von Zuchtversuchen, bei denen man die Nachkommen von "Nordwestzieher" gezielt miteinander verpaart und die Nachkommen dann isoliert von den Eltern aufgezogen habe: 

"Dann können die nichts von den Eltern gelernt haben, und alles, was sie wissen, muss aus ihren Genen stammen, also die Informationen müssen sie vererbt bekommen haben", erklärt die Zugvogelgenetikerin. "Und das ist genau der Fall: Die Nachkommen von diesen Nordwestziehern machen genau das, was die Eltern machen. Daher ist das ganz klar eine genetische Sache, die weitergegeben wird."

"Viele Arten kommen mit der Geschwindigkeit nicht mit"

Allerdings können sich nicht alle Vögel so gut an die neuen Klimabedingungen anpassen wie die Mönchsgrasmücke: So ist Liedvogel zufolge zu beobachten, dass viele Vögel nicht rechtzeitig an ihren Brutplätzen ankommen. Denn durch den Klimawandel findet alles früher statt. 

"Die Bäume kriegen ihre Knospen früher, davon ernähren sich die Insekten und von den Insekten ernähren sich die Zugvögel", erklärt sie. "Und irgendwie hinkt alles immer ein bisschen hinterher, viele Arten jedenfalls kommen nicht mit dieser Geschwindigkeit mit, die die Tiergruppe, von der sie abhängig sind, vorlegt."

(uko)

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