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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 05.03.2019

Klimawandel im deutschen RomanSind wir noch zu retten?

Von Jane Tversted und Martin Zähringer

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Verschiedene Romane zum Thema liegen auf dem Boden. (Martin Zähringer)
Klimawandel- und Ökologieromane von "Das Tahiti Projekt" bis "Eistau" (Martin Zähringer)

"Climate Fiction" heißt das Genre in den USA. Aber auch in der deutschen Literatur ist der Klimawandel mittlerweile angekommen. Die eher abstrakte Herausforderung wird dabei auf sehr vielfältige Weise begreifbar gemacht. Ein literarischer Streifzug.

Aus Dirk C. Fleck: "GO! - Die Ökodiktatur: Erst die Erde, dann der Mensch"
Strohm bilanzierte jetzt die Schäden der Flutkatastrophe, die nach ersten Erkenntnissen allein in Hamburg über fünftausend Todesopfer gekostet hatte. Er stellte die provozierende Frage, ob es angesichts der in den kommenden Jahren zu erwartenden Sturmfluten, die an Wucht erheblich zunehmen würden, überhaupt noch sinnvoll sei, Zehntausende von Arbeitskräften im Küstenschutz zu binden, die an anderer Stelle schmerzlich vermisst würden. Beispielsweise beim Aufforstungsprogramm, das nur noch schleppend vorankomme. Pflanzenminister Joachim Frebel und sein Kollege für Wasser, Luft und Boden, Thomas Struck, nickten zustimmend. "Dann könnt ihr Hamburg gleich aufgeben", bemerkte Arnd Kaestner spöttisch. In seiner Eigenschaft als Minister für Stadterneuerung kam ihm nicht in den Sinn, dass Strohms Bemerkung mehr sein könnte als ein unangebrachter Scherz. Erst ein Blick in die Gesichter der Kollegen machte ihm schlagartig klar, dass der ungeheuerliche Vorschlag ernsthaft ins Kalkül gezogen wurde. Die Entdeckung verschlug ihm die Sprache.

Die Erfindung des deutschen Ökothrillers

"Es war der Einstieg in eine Thematik, die mir aber schon in den 70er-Jahren auf der Seele lag", sagt Dirk C. Fleck. "Damals hatte ich Anfang der 70er schon die Idee für die Ökodiktatur, und dann hat es noch mal 23 Jahre gedauert bis ich einen Verlag gefunden habe."

Der Hamburger Journalist und Buchautor Dirk C. Fleck. Fleck hat 1992 den Roman "Palmers Krieg" geschrieben und 1993 "GO! Die Ökodiktatur". Er gilt als Begründer des deutschen Ökothrillers und verweist schon früh auf den menschengemachten Klimawandel:

"Ich will nur sagen, dass sich diese ganze Entwicklung, die Bewusstwerdung in Hinblick auf das Thema Ökologie unglaublich schleppend vollzieht. Ja, fast schon wie der Bremsweg eines Tankers: Man erkennt eine Gefahr, will mit einem Supertanker dagegen steuern, braucht aber noch mal zwölf Kilometer, um ihn zum Stillstand zu bringen. Und nicht mal dieser Konsens, dass es jetzt notwendig ist die Bremsen zu betätigen, hat in der Politik und in der Wirtschaft und im Bewusstsein der Öffentlichkeit bis heute stattgefunden."

In "Palmers Krieg" nimmt sich ein ehemaliger Öl-Manager vor, die Menschheit über den Klimawandel aufzuklären. Als Insider kennt er geheime Forschungsberichte der Ölkonzerne, die es tatsächlich in den 1970ern schon gab. Die Berichte informieren über die zu erwartenden katastrophalen Klimafolgen des CO2-Austoßes, wurden aber unter Verschluss gehalten. Und so entführt der Manager nach einem dramatischen Wechsel seiner Identität einen riesigen, mit Brandbomben bestückten Öltanker nach New York, um dort die Veröffentlichung dieser Berichte zu erzwingen.

Eines der meist besprochenen Bücher des Jahres

Mit der Figur des Ökoterroristen führt Dirk Fleck ein zentrales Motiv der Ökothriller ein: Es gilt, mit allen Mitteln die Menschen wachzurütteln. Mit dem kurz darauf erschienenen Ökothriller "GO! Die Ökodiktatur" hat Fleck das Etappenziel klar erreicht, aber die Meinungen waren geteilt, erzählt er:

"Es gehörte zu den fünf meist besprochenen Büchern des Jahres, aber ich bin ja dermaßen geschlachtet worden in Talk-Shows und in den Kritiken. Der 'Spiegel' schrieb über einen damals völlig unbekannten Autor wie mich, dass ich mit diesem Buch in die gelbe Tonne des Dualen Systems getreten gehöre."

Dirk C. Fleck sitzt auf einem Sofa. (Martin Zähringer)Dirk C. Fleck gilt als Begründer des deutschen Ökothrillers. (Martin Zähringer)

In der Science Fiction Szene hat man das anders gesehen, Fleck bekam für "Die Ökodiktatur!" den deutschen Science Fiction Preis 1994. Es ist ein dystopischer Roman voll bedrohlicher Szenarien und Abgründigkeit. Er spielt im Jahr 2040 in einer Zeit der ausgeplünderten Ressourcen und zerstörten Landschaften. Es hat mehrere Atomunfälle gegeben, die Armee der Grünhelme ist auf der Jagd nach Umweltsündern, zum Beispiel Autofahrer oder Fleischesser, die entweder gleich gelyncht oder in Lager gesteckt werden.

Und der erste Grundsatz des Staatenverbundes GO! heißt: Die Würde der Erde ist unantastbar! Das hat die Leser natürlich schockiert, denn in der Ökodiktatur, so hatte man es verstanden, gelten Ökorechte statt Menschenrechte.

"Ja. Natürlich", sagt Dirk C Fleck. "Dieses Buch handelt ja von einem Öko-Verbund, der die erste Welt einschließt, GO! Global Observer. Und in diesem Verbund wird regiert von Öko-Räten nach 10 Grundgesetzen - mehr nicht, und diese 10 Grundgesetze erschrecken die Leute immer noch."

Aus Dirk C. Fleck: "GO! – Die Ökodiktatur: Erst die Erde, dann der Mensch"
1. Die Würde der Erde ist unantastbar.
2. Genmanipulation an Pflanzen, Tieren oder Menschen sind verboten.
3. Es besteht Arbeitspflicht. Jeder Bürger zwischen achtzehn und fünfundfünfzig Jahren investiert seine Arbeitskraft in den ökologischen Neuaufbau.
4. Die herkömmlichen Zahlungsmittel sind außer Kraft gesetzt. Vegetarische Grundnahrungsmittel, Kleidung und Wohnraum stellt der Staat.
5. Private Medien sind verboten. Als Informationsquelle dient das Staatsarchiv.
6. Tiere und Pflanzen genießen unseren Schutz. Schlachthäuser, Zoos und Versuchslabors sind geschlossen.
7. Es besteht Bauverbot. Die Vorhandenen Bestände werden bedarfsgerecht instand gehalten.
8.Es besteht Reiseverbot. Privatfahrzeuge sind bei den zuständigen Stellen abzuliefern.
9. Strom und Wasser sind rationiert. Die Energieversorgung wird über Solar-, Wind- und Wasserkraft sowie über Biogas gewährleistet.
10. Jede Frau zwischen 18 und 30 Jahren hat das Recht auf ein eigenes Kind. Voraussetzung ist ein Gebärgutschein des lokalen Gesundheitsamtes.

Eine Literatur der Intervention

"Also der Ecocriticism ist in der amerikanischen Tradition immer sehr stark auch als Umweltbewegung aus der 'Academia' heraus installiert gewesen", sagt Gabriele Dürbeck. "Man findet in der Klimawandelliteratur und auch in den englischsprachigen Thrillern sehr stark diese Vorstellung, dass einen die Literatur dazu bringen kann, sich zu engagieren, Umweltbewusstsein schärft, dass wir Möglichkeiten sehen, wie wir uns anders verhalten und wehren können und dass eben die Literatur eine Möglichkeit darstellt, sich zu engagieren."

Gabriele Dürbeck ist Professorin für Kultur- und Literaturwissenschaften an der Universität Vechta. Sie hat auch zu Dirk C. Fleck geforscht. Dürbeck berichtet, dass sich die deutsche Germanistik erst durch die Anregungen amerikanischer und englischer Germanisten für diese Literatur zu interessieren begann. Sie selbst hat ein deutschsprachiges Lehrbuch mit dem Titel "Ecocriticism. Eine Einführung" mit herausgegeben, in dem zum Beispiel die Genres "Ökothriller" oder "Klimawandelroman" näher bestimmt werden.

"Das sehe ich verstärkt in der englischsprachigen Literatur, und man würde vielleicht Dirk C. Fleck da schon eine Sonderstellung geben können", sagt sie. "Wenn sich jemand engagiert wie Dirk C. Fleck dann sagt man in der deutschsprachigen Literatur sehr schnell und häufig: Ach das ist nur heteronome Literatur. Das ist Literatur, die einen anderen Zweck hat und der Zweck ist eben, sich für ein bestimmtes Umweltengagement einzusetzen. Und man lässt dann lieber die Finger davon."

Erfinden einer Horrorwelt hat Folgen

"Und ich meine, auch wenn man Recht hat, eine negative Analyse greift einen extrem an", sagt Dirk C. Fleck. "Ich habe das beim Schreiben der Ökodiktatur gemerkt, eineinhalb Jahre in einer von sich selbst erfundenen Horrorwelt zu leben greift an. Ich war ziemlich fertig hinterher. Ja. Das darf man nicht unterschätzen. Und diesen Schaden möchte ich nicht noch mal an mir erleben."

Und so hat Dirk C. Fleck einmal etwas Positives geschrieben und 2006 eine utopische Ökorepublik erfunden. Tahiti ist der Schauplatz, weit abgelegen und eine in sich geschlossene Sphäre, die sich gut für einen Modellversuch eignet. Hier wird klimaneutral und nachhaltig gewirtschaftet, Solarthermik und Photovoltaik sind eingeführt, elektrische Kabinenroller fahren auf Straßen mit einem Belag aus Reiskleie mit Naturharz vermischt, Asphalt und Beton sind verboten. Arbeit dient zum Erhalt der Gemeinschaft und prinzipiell der Selbstverwirklichung, was durch ein Grundeinkommen abgesichert wird.

Allerdings gibt es außerhalb dieser Idylle auch eine brutalere Variante der ökologischen Wende, denn die Klimakrise hat die globale Weltordnung aufgelöst. Die Staatenbünde zerfallen, so auch die USA. Kalifornien und Oregon errichten eine Ökodiktatur mit dem Namen ECOCA, und jetzt herrschen die "Roten Khmer der Ökologie". Fleck hat sie schon in seinem Roman "Die Ökodiktatur" beschrieben, im Tahiti-Roman werden nun die Amerikaner erzogen. Das mit dem Auto auf dem Rollfeld. Ja das hat mir auch gut gefallen", sagt er.

Dirk C. Fleck, liest aus "Das Südseevirus"
"Das Wort Autofahrer galt in ECOCA als Schimpfwort. Und wer das Pech hatte, von den Grünhelmen ohne Sondergenehmigung mit einem Altfahrzeug erwischt zu werden, womöglich noch mit Benzinantrieb, dem wurde im wahrsten Sinne des Wortes übel mitgespielt. Auf dem Rollfeld des stillgelegten Flughafens von Sacramento. >>Eine reine Entzugsmaßnahme<<, wie Tanith Agosta kalt lächelnd erklärte, bevor sie Maeva bat, in einer der gepanzerten Stahlkisten Platz zu nehmen. Etwa zwanzig dieser Fahrzeuge standen zur Verfügung. Ihre Inneneinrichtung war spärlich: Sitz, Steuer, Gaspedal sowie ein Schlauch, der mit dem Auspuff verbunden war. Dazu dicke Panzerglasscheiben. Kaum das sich Maeva gesetzt hatte, schloss sich die Tür. Kurz darauf vernahm sie eine Stimme aus dem Bordlautsprecher: "Sie sind des Autofahrens überführt worden. In den nächsten Minuten erleben Sie am eigenen Leib, was Sie der Umwelt zugefügt haben. Es besteht keine Lebensgefahr. Starten Sie das Fahrzeug jetzt!"

Die Welt wieder ins Gleichgewicht bringen

Hinter dem Tahiti-Roman steht ein konkreter Plan, um es mit Gabriele Dürbeck zu sagen - ein heteronomer Zweck. Die Idee kam von Eric Bihl und Volker Freystedt, die 2005 eine Wirtschaftstheorie der Nachhaltigkeit herausbrachten, ihr Titel: "Equilibrismus. Für eine Welt im Gleichgewicht".

Der Equilibrismus (von Lateinisch Equilibrium, Gleichgewicht) strebt eine (Wieder-)Herstellung eines Gleichgewichtes zwischen Natur- und Kulturraum, vor allem zwischen Ökologie und Ökonomie an. Er entwirft ein Konzept, das sich übergreifend mit den wichtigsten Problembereichen beschäftigt und eine globale Umsetzung anstrebt.

Die Equibrilisten Bihl und Freystedt, unterstützt von Sir Peter Ustinov, dachten sich drei Schritte: Erstens die Theorie, die sie selbst lieferten. Zweitens die Veranschaulichung durch die Literatur, damit beauftragten sie Dirk C. Fleck. Die Utopie im Roman sollte Menschen aus der ganzen Welt dafür begeistern, im dritten Schritt tatsächlich zur Realisierung einer wirklichen Ökorepublik in der Südsee zu schreiten. Aus Letzterem ist noch nichts geworden, aber die Romane sind da und tragen das ihre zur Aufklärung bei.

"Ja und das ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit", sagt Gabriele Dürbeck. "Wie wir Migrationsliteratur haben und Literatur über Migrationsbewegungen, haben wir jetzt auch eine Klimawandelliteratur. Und man muss sich diesen neuen Herausforderungen der Zeit stellen. Und ich glaube das sehen auch die Verlage, einfach weil das Thema so dringend ist, dass man auch die Augen davor nicht verschließen kann.

Aus Wolfram Fleischhauer: "Das Meer"
"Stell dir einmal vor, es würde nicht am Meeresgrund, sondern an Land stattfinden, im unberührten Urwald: Ein Haufen durchgeknallter Großwildjäger auf riesigen, fünfzehn, zwanzig Meter hohen Vernichtungsmaschinen, angetrieben von mehreren tausend PS-starken Dieselmotoren, spannen ein riesiger Stahlnetz zwischen sich und machen Jagd auf alles, was ihnen vor die Kühlerhaube kommt: Affen, Antilopen, Nashörner, Löwen, Elefanten, herumziehende Schweine, wilde Hunde, Leguane, Frösche, Schlangen, Spinnen, Käfer – alles was kreucht und fleucht ... Diese Netze sind gigantisch. Es passen problemlos mehrere Jumbojets nebeneinander hinein. Eine Stahlwalze hält das Netz am Boden, und diese Walze donnert mit der Wucht von tausende wildgewordenen Presslufthämmern über empfindlichen Waldboden ...
Dummerweise ist nun das meiste von dem, was unsere Jäger da gefangen haben, gar nicht verkäuflich, weil es nicht gut schmeckt oder gar kein Markt dafür vorhanden ist. Viele Tiere sind zu klein oder zu sehr beschädigt. Also werden fast achtzig Prozent des Fangs in den umgepflügten Urwald zurückgeworfen ...

Kampf einer weltweit agierenden Umweltguerilla

Wolfram Fleischhauer, "Das Meer", 2019. Ein Ökothriller über den Kampf einer weltweit agierenden Umweltguerilla. Die Urwaldszene ist nur ein Gedankenspiel, einer der Aktivisten will damit zeigen, wie die Weltöffentlichkeit auf ein solches Urwaldmassaker reagieren würde – es wäre ein weltweiter Skandal.

Unruhige See im Vordergrund, hinten eine Insel mit dunklen Wolken. (picture alliance / WRIGHT/RelaXimages)Wolfram Fleischhauers "Das Meer" handelt von der Ausbeutung der Ozeane. (picture alliance / WRIGHT/RelaXimages)

Aber das Massaker spielt sich wirklich ab, in den Ozeanen und Meeren dieser Welt, und niemand nimmt es zur Kenntnis. Die Ökoaktivisten allerdings sind genau informiert: Die ungehemmte Ausplünderung führt zu einem Ökozid an den Weltmeeren und ist das Werk von ein paar tausend über die Ozeane ziehenden Fischtrawlern und Schiffsfabriken. Fischindustrie und eine global operierende Fischereimafia arbeiten profitabel zusammen, riesige illegale Fänge, mit legaler Ware vermischt, werden auf jährlich etwa 23 Milliarden Dollar geschätzt.

Diese Zahl beruht auf den Recherchen, die der Autor zur Grundlage seiner Geschichte macht. Und auch die Handelnden sind keine pure Fiktion: Als Vorbild für die Ökoterroristen dient die militante Earth Liberation Front mit ihrem radikalen Konzept der Wirtschaftssabotage. Im Roman schreitet eine Ozeanfraktion zur Tat: Sie vergiften auf verschiedenen Trawlern die Ware, um die Absatzmärkte zu sabotieren. Aber die Fischereimafia hat nicht vor, auf ihre Gewinne zu verzichten und so entwickelt sich ein dramatischer Thriller auf den bedrohten Meeren dieser Welt

Aus Thomas Aiginger: "Ausnahmezustand"
Von: Lalaaren, Planetengruppe Lalaaris. An: Menschen, Planet Erde

Sehr geehrte Menschen,
Wir sind eine etwa achtzig Millionen Jahre alte Population aus einem Planetensystem, das in eurer Sprache Lalaaris ausgesprochen wird. Wir leben außerhalb des Sonnensystems auf siebzehn verschiedenen Planeten. Wir begrüßen euch in Frieden. Wir haben die technologischen Möglichkeiten entwickelt, um nun über die weite Entfernung eine bidirektionale Kommunikation zu eurem Planeten aufzubauen. Wir senden unsere Nachrichten an einen eurer Kommunikationssatelliten im Format eines Faksimiles. Wir empfangen eure Nachrichten über eure Kommunikationssatelliten auf den Frequenzen von CNN, Al Jazeera, Russia Today, CCTV, teleSUR. Wir können Informationen in Überlichtgeschwindigkeit senden und abrufen, Entfernung spielt in unserer Kommunikation keine Rolle. Wir haben gelernt, eure englische Sprache zu verstehen.

Wir lieben euch.
Hochachtungsvoll,
die Lalaaren

Fax-Nachricht von Außerirdischen an die Menschheit

Thomas Aiginger, "Ausnahmezustand", 2018. Ein Roman, der in der Gegenwart spielt. Der Witz besteht darin, dass die Nachricht der Außerirdischen - per Fax an die Menschheit gesandt - von allen Experten der Erde als authentisch bestätigt wird. Und so beginnt man auf die Außerirdischen zu hören.

Die Lalaaren haben ein uneigennütziges Ziel: Sie wollen, dass die Menschen etwas gegen den Klimawandel tun, damit die Erde weiterlebt: Keine Klimagipfel mehr, keine Proteste und keine überflüssigen Appelle, sondern: Ein neues Wirtschaftssystem, in dem niemand auf Kosten des Planeten Geld verdient und in dem Umweltschutz keine idealistische Liebhaberei ist. Sollte das nicht umgesetzt werden, ist es mit der Liebe der Lalaaren vorbei, sie drohen mit der Eliminierung der Menschheit.

Die Geschichte erinnert nicht nur an andere, typische Science Fiction Vorläufer, sondern auch an Romane wie "Der Schwarm" von Frank Schätzing, bei dem ebenfalls nichtmenschliche Akteure die Verteidigung des Lebens übernehmen. Die Pointe in Aigingers Roman ist allerdings, dass es keinen anderen Akteur im Kampf gegen die menschengemachte Ökokatastrophen geben kann als den Menschen selbst. Wolfgang Fleischhauer und Thomas Aiginger wählen deutlich verschiedene Ansätze für ihre ökokritischen Romane, aber eines haben sie gemeinsam: Es geht in ihren Geschichten selbst um radikale Interventionen zugunsten des Lebens.

Der Klimawandelroman

Aus Karen Duve: "Macht"
Nun ja dass es nicht die erste Meldung sein würde, nicht einmal die erste Meldung bei den Naturkatastrophen, damit habe ich gerechnet. Aber es überhaupt nicht zu erwähnen, das ist schon ein starkes Stück. …
Stattdessen ist die ganze Zeit nur von Hannover, Köln und irgendeiner brennenden russischen Torflandschaft die Rede und von 1,2 Millionen Hochwasserflüchtlingen aus Bangladesch, die an der Indischen Mauer nur noch mit Waffengewalt in Schach gehalten werden können. Die Hannoveraner hat es heftig erwischt. Die haben den Supersturm abgekriegt, der eigentlich für Hamburg erwartet wurde. ...
Und Köln ist komplett abgesoffen. Schäden in Milliardenhöhe. Zwar sind die mobilen Hochwasser-Schutzwände in der Altstadt alle rechtzeitig aufgestellt worden, aber es ist ja nicht nur der Rhein, dessen Wasser hineindrückt, in den letzten drei Tagen sind dort über 200 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen, und nun kann man in den Gassen Schlauchboot fahren, und in den wenigen Straßen, die noch nicht zu Flüssen geworden sind, quellen Wasserbeulen aus den Gullis. Eine Aufnahme zeigt, wie Bischof von Elst vor dem Kölner Dom steht, der wie eine Insel von allen Seiten umspült wird.

Karen Duve. "Macht", 2016. Der Roman spielt in Hamburg im Jahr 2031. Im April ist es schon zwischen 35 und 41 Grad heiß und Superstürme fegen über eine gelbe Landschaft, die nur noch genmanipulierten Raps wachsen lässt.

Die Gesellschaft hat sich in einer Art Ökodiktatur arrangiert, in der die Frauen das Sagen haben, die Bürger besitzen ein CO2-Konto: Wer Fleisch essen oder Auto fahren will, muss Punkte opfern. Das Verjüngungsmittel Ephebo ist der Renner und Achtzigjährige sehen wie Zwanzigjährige aus. Man hat sogar das Krebsrisiko dieser Kur reduziert, doch leider steht in etwa fünf Jahren der Weltuntergang bevor. Trotzdem leben die Leute weiter als wäre nichts.

Die Schriftstellerin Karen Duve stellt 2016 auf der Buchmesse in Leipzig ihr Buch "Macht" vor.  (dpa / picture-alliance)Karen Duves Roman "Macht" spielt im Jahr 2031. (dpa / picture-alliance)

"Eigentlich stand die Geschichte schon fest", sagt Karen Duve. "Sie war von diesen Fritzl- und Priklopil-Ereignissen ausgelöst und ich wollte die Geschichte eines Mannes schreiben, der über eine Frau herrscht und dabei so ein bisschen philosophiert, warum er das darf und ob er das darf und hatte dann irgendwann so einen Hintergrund wo es spielen könnte, was für ein Mensch könnte es sein? Und das mit der Klimaerwärmung, und dass es so ein bisschen in der Zukunft spielt, das kam dadurch, dass bei mir eigentlich immer ein Buch so ein bisschen in das nächste rüber rutscht.

Also ich hatte kurz davor das 'Anständig Essen' geschrieben, hatte mich damit über Tierquälerei auslassen wollen und festgestellt, dass Landwirtschaft, wie sie in Europa oder auf der ganzen Welt betrieben wird, sehr viel auch mit dem Klimawandel zu tun hat und wahnsinnig große Gefahren birgt, und da hänge ich dann immer noch so ein bisschen fest."

Karen Duve liest aus "Macht":
Inzwischen verstehe ich etwas besser, was in den Konzernbossen der Agrar- und Öl-Industrien damals vorgegangen sein muss, warum sie so eisern darauf beharrten, ihr katastrophales, uns alle in den Untergang führendes Verhalten durchzuziehen. Es ging ihnen gar nicht darum, noch ein oder zwei Dollar mehr herauszupressen, und es war auch nicht Dummheit oder Ignoranz. Es war das Vergnügen, das mit dem Benutzen von Schwäche einhergeht. Die wussten ganz genau, was sie mit ihren CO2-Emissionen und mit ihren Abwässern und Regenwaldabholzungen an richteten.
Es muss ein berauschendes Gefühl sein, etwas so durch und durch Böses zu tun, etwas von so entsetzlichen Ausmaßen, wie es das noch nie zuvor gegeben hatte. Und niemand hält einen auf, weil es niemand mitbekommt oder weil denen, die einen durchschauen, niemand glaubt. Die Typen haben sich vor Vergnügen auf die Schenkel geschlagen, wenn in den Nachrichten Demos von hilflos-wütenden Umweltschützern zu sehen waren.
Oder wenn verzweifelte Wissenschaftler in kurz vor Mitternacht ausgestrahlten Sendungen auftraten und versuchten, der Menschheit und ihren halbdoofen Politikern die Dringlichkeit der Situation zu erklären, ihnen klarzumachen, dass dieser Planet in kürzester Zeit unbewohnbar sein würde – das Ganze unterbrochen von Werbepausen, in denen die Milliardenindustrie der Bosse den Zuschauern versicherte, dass Fleisch, Milch, Plastik und Autobenzin die unverzichtbaren Grundlagen für eine gesunde und glückliche Lebensführung darstellten. Die haben sich dabei vor dem Fernseher einen runtergeholt. Die steckten nicht nur mit der Regierung unter einer Decke – sie waren die Regierung.

Rohe Groteske über die Psychopathologie der Macht

Mit der Glaubwürdigkeit des Erzählers hat es allerdings einen Haken. Denn Sebastian Bürger mit dem Spitznamen "Öko" versteht die scheinbaren Motive dieser Machtmenschen nur, weil er sich mit ihnen identifizieren kann. Er hat sich selbst zum Allmächtigen aufgeschwungen, zumindest über seine Ex-Frau, die Umweltministerin war, bis er sie entführt und in seinem geheimen Kellerbunker versteckt hat. Dort vergewaltigt und erniedrigt er sie Tag für Tag:

Karen Duve liest aus "Macht":
"Gib dir mehr Mühe", sage ich, "sonst sind wir morgen noch nicht fertig."
Nie spürt man die eigene Macht so sehr wie in jenen Momenten, in denen man sie missbraucht. Erst wenn man etwas richtig Gemeines tut, etwas, das so gut wie alle Menschen verurteilen würden, und man tut es trotzdem und kommt damit auch noch durch – erst das ist wirkliche Macht.

Die Psychopathologie der Macht kommt mit Sebastian Bürger zu einem überzeugenden Ausdruck, während die Konflikte zwischen Fleischessern und Vegetariern, Jung und Alt und vor allem zwischen Frau und Mann doch sehr bizarr und karnevalesk inszeniert sind. So liefert Karen Duve eine Klimawandelgroteske, die das Thema ziemlich roh mit dem Hammer bearbeitet, aber auch bei ihr ist Recherche erste Pflicht.

"Also ich war ja dann im Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung und habe mit den Leuten zu tun gehabt und hab mich natürlich auch ganz genau informiert was und wie zu erwarten ist", erzählt Karen Duve. "Was es bedeuten könnte. Das kleine Problem dabei ist eben, dass die Wissenschaftler selbst nicht wissen, wie schnell das gehen wird. Die sehen jetzt immer: Ja, es könnte so und so sein und haben immer die Politik im Nacken, die dann erwartet, dass sie auch möglichst weit unten diese Zahlen ansetzen oder die Gefahren, und die Wissenschaftler scheinen das irgendwie so für seriöses Arbeiten zu halten, immer nur das zu sagen, was garantiert passiert. Also immer nur den kleinsten anzunehmenden Unfall vorherzusagen."

Der Wissenschaftsroman

Aus Margret Boysen: "Alice, der Klimawandel und die Katze Zeta"
"Ruhe bitte!", forderte die Präsidentin. "Wir fragen den Roten Räucherhering! Er ist ein Repräsentant der Meere."
"Dürfte ich bitte liegen bleiben, verehrte Präsidentin?", bat der Rote Räucherhering. "Das Stehen fällt mir schwer."
Die Wüstenmaus kicherte. Die Präsidentin blickte hilflos zu den Schöffen. Die meisten von ihnen waren Nagetiere, die nun eifrig nickten. Sie hockten zwischen den Teedosen auf den Stehpulten hinter den Tischen, weshalb sie schlecht zu sehen waren. Als Alice sie durchzählte, entdeckte sie Ratte Rettich, der gerade eine Botschaft in sein Mobiltelefon tippte.
Das Kaninchen beugte sich zu Alice: "Von den Nagern ist nichts Gutes zu erwarten. Sie haben schon einmal einen Siegeszug angetreten, als die Dinosaurier vom Klimawandel erwischt wurden! Vermutlich warten sie nur auf ihre nächste Chance."

Margret Boysen, "Alice, der Klimawandel und die Katze Zeta", 2016. Ein fantastischer Roman über die Wanderung eines Mädchens durch die Klimamodelle am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Als die Reise beendet ist, gerät Alice im Potsdam Institut in eine Klimaversammlung aus Vertretern aller Lebewesen, darunter auch Klimawandelleugner. Diese chaotische Konferenz wandelt sich in ein Klimagericht, dessen Präsidentin eine Spinne ist.

Aus Margret Boysen: "Alice, der Klimawandel und die Katze Zeta"
Allmählich begriff Alice, dass das Kaninchen auf ihrer Seite war.
Die Präsidentin räusperte sich. "Das Liegen ist genehmigt, da wir keinen Zeugenstand besitzen. Nun teilen Sie uns bitte Ihre Meinung mit: Sollen wir die Regentropfen zur Verdunstung verurteilen, oder gibt es dann zu wenig Wasser auf der Erde?"
"Das müssen die Wissenschaftler sagen", begann der Rote Hering. "Aber wenn sie mich nach dem Klimawandel fragen – ich wüsste nicht, was daran schlimm sein sollte. Auf anderen Planeten ist es viel heißer als auf der Erde. Ich kann nicht nachvollziehen, dass man wegen 2 Grad Celsius mehr oder weniger so ein Tamtam macht." Da meldete sich eine zarte Blume zu Wort, die Alice für Tischdekoration gehalten hatte: Es handelt sich um Dryas octopetala, eine kleine weiße Rose, die das Ende der letzten Kaltzeit in den Alpen überlebt hatte.
"Eine Erwärmung um 2 Grad in nur 150 Jahren. Das ist sehr viel!", sagte die kleine Rose, und ihre Stimme zitterte wie ein Blütenblatt im Wind. "Bedenkt doch bitte, dass der Unterschied zwischen einer Warmzeit und einer Eiszeit weniger als 5 Grad Celsius beträgt."
"Blumen haben keine Stimme", unterbrach der Rote Hering rauh.
"Und warum heißt es dann immer 'Lasst die Blumen sprechen'?"
Doch die Frage war vom Tisch.

Sprechende Tiere und Klimamaskeraden

Margret Boysen, die selbst als Geologin ausgebildet ist, gelingt mit ihren sprechenden Tieren und Klimamaskeraden einiges. Zentral ist die Abkehr vom anthropozentrischen Weltbild - der Mensch mit seinen Erzählungen und Interessen kann nicht mehr im Mittelpunkt stehen, wenn es um den Erhalt des Lebens geht. Der Klimagerichtshof aller Wesen geht auf die Idee zurück, dass jeder Akteur im Netzwerk der ökologischen Zusammenhänge eigentlich eine eigene Stimme im Parlament des Lebens hat.

Die Autorin Margret Boysen spielt aber auch mit einer konkreten Utopie: In ihrem Roman reist Alice in die Zukunft und findet das Klimaproblem geklärt, denn man hat die sogenannte "Große Transformation" der Weltwirtschaft durchgeführt. Die "Große Transformation" beruht auf der Annahme von Klimawissenschaftlern und Umweltpolitikern, dass man den Klimawandel durch die globale Umwandlung der Energiemärkte in den Griff bekommt, genauer gesagt durch die Ersetzung von Kohle, Öl und Gas mit Sonne, Wasser und Wind. In der literarischen Utopie von Margret Boysen wurde dies durch ein internationales Klimaschutzabkommen bewerkstelligt, wovon man heute träumen mag. Auch Alice, so stellt sich heraus, hat alles nur geträumt.

"Literatur ist eben auch, dass du einfach sagst: So das könnte sein, wollt ihr das?", sagt Karen Duve. "Es ist ja auch mal eine Frage: Möchtet ihr wirklich, dass es alles so weiterläuft. Und ich fürchte die meisten Leute würden ja sagen und damit geben sie auch ihre eigenen Kindern und Enkelkinder dran ne. Ich verstehe es irgendwie nicht das Ganze."

Belletristik

Thomas Aiginger: "Ausnahmezustand", Braumüller 2018
Sven Böttcher: "Die Prophezeiung", Kiepenheuer und Witsch 2012
Margret Boysen: "Alice, der Klimawandel und die Katze Zeta", Edition Rugerup 2016
Karen Duve: "Macht", Galiani Berlin 2016
Dirk C. Fleck: "Palmers Krieg", p.maschinery 2016
Dirk C. Fleck: "GO! Die Ökodiktatur. Erst die Erde dann der Mensch", p.maschinery 2013
Dirk C. Fleck: "Das Tahiti Projekt", Piper 2011
Dirk C. Fleck: "Das Südsee Virus", Piper 2013
Dirk C. Fleck: "Feuer am Fuß. Die Maeva-Triologie 3", p.maschinery 2015
Wolfram Fleischhauer: "Das Meer", Droemer 2018
Thore D. Hansen: "Die Reinsten", Golkonda 2019
Uwe Laub: "Sturm", Heyne 2018
Ilija Trojanow: "Eistau", Hanser 2011

Einige Titel sind nicht im Beitrag, aber empfehlenswerter Kontext.

Sachbücher

Eric Bihl, Volker Freystedt: "Equilibrismus. Neue Konzepte statt Reformen. Für eine Welt im Gleichgewicht", Signum 2005
Benjamin Bühler: "Ecocriticism. Grundlagen – Theorien – Interpretationen", J.B. Metzler Verlag 2016
Gabriele Dürbeck, Urte Stobbe (Hgg): "Ecocriticism. Eine Einführung", Böhlau Verlag 2015
Agnes Limmer: "Umwelt im Roman. Ökologisches Bewusstsein und Literatur im Zeitalter der Industrialisierung", Vandenhoeck & Ruprecht 2019
Claudia Schmitt, Christiane Sollte-Gresser (Hgg.): "Literatur und Ökologie. Neue literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven", Aisthesis Verlag 2017
E.U. v. Weizsäcker/Anders Wijkman u.a.: "Club of Rome: Der große Bericht. Wir sind dran. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt", Gütersloher Verlagshaus 2018

Mehr zum Thema

Karen Duve: "Macht" - Die Lust an der Psychopathen-Perspektive
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 19.02.2016)

Climate Fiction - Der Klimawandel ganz realistisch in Romanen
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 28.12.2017)

Zeitfragen

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