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Zeitfragen | Beitrag vom 31.10.2019

KlimawandelDer Kranich hat Nachwuchssorgen

Von Sven Kästner

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Kraniche fliegen während des Sonnenunterganges an der vorpommerschen Boddenküste von ihren Fressplätzen zu den Schlafplätzen (Sven Kästner)
Abendstimmung an der vorpommerschen Boddenküste: Die Kraniche fliegen zu ihren Schlafplätzen. (Sven Kästner)

Am Himmel trompetet es dieser Tage: Die Kraniche ziehen Richtung Süden. Doch der Klimawandel bedroht den Nachwuchs.

Draußen rufen die Kraniche, drinnen drängen sich die Touristen. Das Kranorama, eine zweistöckige Beobachtungsstation an einem Stoppelfeld bei Stralsund, bietet einen Ausblick auf Hunderte fressende Vögel. "Vorhin wurden auf der Fläche 400 Kraniche gezählt. Die letzten Tage waren es mehr", sagt Kenneth Küper. Er beantwortet als ehrenamtlicher Ranger des Naturschutzbundes Fragen der Touristen.

Seine Kollegen haben im Oktober an einem Wochenende mehr als 86.000 Kraniche entlang der vorpommerschen Boddenküste gezählt – ein Rekord. Die Vögel kommen aus Skandinavien, dem Baltikum oder Polen. Sie rasten einige Tage und fressen sich Energie für den Flug in die südlichen Winterquartiere an. Ein Tourist fragt nach Zahlen und will wissen, wie es bei den Jungvögeln aussehe. "Dieses Jahr ganz schlecht", antwortet Küper. Der Grund ist die Trockenheit im Sommer.

Kaum Nachwuchs bei den Kranichen

"Vögel des Glücks" werden Kraniche genannt. Aber die Tiere selbst haben beim Nachwuchs seit einigen Jahren wenig Glück. Günter Nowald leitet das Kranichzentrum im nahen Groß Mohrdorf. Er hat in den vergangenen drei Jahren einen starken Rückgang bei der Brut beobachtet: In diesem Jahr hatten im Juni 80 Prozent aller Paare keinen Nachwuchs. "Das war in dem Maße noch nie", so der ehrenamtliche Ranger. Doch auch die Jahre zuvor waren keine guten für die Jungvögel: Mehr als jedes zweite Kranichpaar blieb kinderlos.

Kraniche suchen während ihrer Rast an der vorpommerschen Boddenküste nach Futter. (Sven Kästner)Stärkung für den Flug gen Süden: Kraniche suchen während ihrer Rast an der vorpommerschen Boddenküste nach Futter. (Sven Kästner) 
Ein Grund: Das Insektensterben aufgrund des Pestizideinsatzes der Landwirtschaft. Den Kranichen fehlt deshalb Nahrung für ihre Jungtiere. Außerdem hat es in der Region seit drei Jahren kaum geregnet. Kleine Seen, und sumpfige Wälder seien verschwunden, sagt die Biologin Angela Schmitz Ornés von der Universität Greifswald. Die brütende Tiere waren schlechter vor Räubern geschützt und es fehlte an Nahrung für den Nachwuchs. "Da im Laufe der Brutzeit die Nester ausgetrocknet sind, schlüpften die Jungen in vielen Fällen nicht", so die Schmitz Ornés.

Trockenheit ruft Feinde auf den Plan

Als Bodenbrüter bauen Kraniche ihre Nester in 30 Zentimeter hohem Wasser. So halten sie Fressfeinde auf Abstand. Trocknen die Feuchtgebiete aus, können Füchse, Dachse oder Wildschweine die Brutplätze ausräubern. Schmitz Ornés hat einige Brutpaare mit Kameras beobachtet. Auf einem Foto ist ein lauernder Waschbär zu sehen. Wenn die erwachsenen Vögel auf Jagd gehen, dann nutze der Waschbär seine Gelegenheit und raube das Nest aus.

Klimaforscher erwarten, dass mit der Erderwärmung Extremwetterlagen häufiger werden. Auch Starkregen kann die Fortpflanzung der Kraniche beeinflussen, wenn etwa Nester überspült werden. Immer, wenn der Bestand einer Art zurückgeht, ändert sich das Ökosystem. Kraniche stehen mitten in der Nahrungskette. Sie sind sowohl Räuber als auch Beute, sagt Biologin Schmitz Ornés. Häufig werde übersehen, dass die großen Zugvögel eine große Bedeutung für den Transport von Nährstoffen haben: "Sie fressen an einem Ort und hinterlassen ihre Ausscheidungen an einem anderen." Dieser Tausch und Transport von Nährstoffen spielt im Ökosystem eine wichtige Rolle.

Bestände hatten sich erholt

Eigentlich hat sich der Kranichbestand in Deutschland mehr als 30 Jahre lang gut entwickelt. Renaturierte Feuchtgebiete oder künstliche Gewässer sorgen für mehr Schlafplätze als in den 1980er-Jahren. Günter Nowald vom Kranichzentrum kennt die Entwicklung seit Jahrzehnten. "Der Kranich ist ein Symbolvogel für den gelungenen Naturschutz", so Nowald. In den 1990er-Jahren hätten rund 40.000 Tiere in der Region gerastet auf dem Weg nach Süden. "Mittlerweile sind es weit über 100.000, die hier durchkommen."

Ein Fotograf bringt seine Kamera vor rastenden Kranichen in Position. (Sven Kästner)Beliebtes Motiv für Hobbyfotografen: Das Spektakel der Kranichrast. (Sven Kästner) 
Auch die Zahl der Vögel ist gestiegen, die hierzulande den Sommer verbringen und brüten. 9000 Brutpaare registrieren Naturschützer mittlerweile in Deutschland, die Hälfte davon in Mecklenburg-Vorpommern. Von hier aus hat sich das Brutgebiet weit nach Süden und Westen ausgedehnt. Selbst in Nordrhein-Westfalen gibt es mittlerweile einzelne Paare. Den diesjährigen Rückgang beim Nachwuchs hat Nowald aber nicht nur hierzulande beobachtet, sondern auch bei den Zugvögeln. Auch in Skandinavien sei die Reproduktionsrate vergleichsweise gering gewesen. "Wir haben nur etwa fünf Prozent Jungvogelanteil festgestellt", sagt Nowald. Vor 20 Jahren lag der Anteil mehr als doppelt so hoch.

Da Kraniche älter als 20 Jahre werden können, sieht der aktuelle Bestand gut aus. Doch wenn die Entwicklung bei den Jungvögeln anhält, wird es in einigen Jahren am herbstlichen Himmel ruhiger.

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