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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 05.06.2016

KlimaschutzGrüner Anstrich für den Fußball

Von Ronny Blaschke

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Alternative Energie auch in der Bundesliga: Auf dem Dach des Mainzer Bruchwegstadions befestigen zwei Bauarbeiter ein Modul einer Solaranlage. (dpa / picture alliance / Frank May)
Alternative Energie auch in der Bundesliga: Auf dem Dach des Mainzer Bruchwegstadions befestigen zwei Bauarbeiter ein Modul einer Solaranlage. (dpa / picture alliance / Frank May)

Treibhausgase, riesiger Strombedarf, enormer Wasserverbrauch – für die Umwelt ist ein Bundesliga-Spieltag mit 390.000 Fans eine große Belastung. Allmählich bequemen sich die Klubs zu Projekten für den Klimaschutz, Vorreiter als angeblich "klimaneutraler Bundesligist" ist der FSV Mainz. Wie könnte ein nachhaltiger Fußballbetrieb aussehen?

Das Ausmaß der Finanzkrise war 2009 noch nicht zu erahnen, doch Dag Heydecker spürte die Folgen in jedem Telefonat. Der Marketingchef des FSV Mainz 05 war auf der Suche nach einem Hauptsponsor, aber kaum ein Unternehmensvorstand wollte mit ihm sprechen. Nach einigen Anläufen saß er im Verhandlungszimmer mit Führungskräften der Entega AG. Der Energieversorger mit Sitz in Darmstadt äußerte Interesse am Bundesligisten, doch er stellte Bedingungen. Es ging ihm weniger um Logen, VIP-Karten, Werbebanden. Entega wollte Mainz 05 zum "ersten klimaneutralen Bundesligisten" umgestalten. Dag Heydecker stutzte:

"Aber in vielen Dingen, die wir am Anfang vielleicht etwas lächerlich empfanden, haben die uns eigentlich gezeigt, dass das nicht stimmt. Dass viele Leute das Thema sehr ernst genommen haben, sehr ernst. Und wir hatten mit Entega am Anfang viele Kämpfe, gerade intern."

Der FSV Mainz 05 hat rund 80 Mitarbeiter. 2009, kurz nach der Rückkehr in die erste Liga, waren es 15 Angestellte. Damals rückte Entega mit mehreren Mitarbeitern an, um eine Klimabilanz für Stadion und Geschäftsstelle zu erarbeiten. Mit Beratern des Öko-Instituts in Darmstadt untersuchten sie Stromverbrauch, Heizbedarf, Konsum, Essgewohnheiten oder Transportverhalten im Zusammenhang mit Mainz 05. Die Glühbirnen in der Loge, der Wasserverbrauch auf den Toiletten, die Lieferkette der Fanartikel, die Zutaten in der Kantine. Alle Details wurden einer Frage untergeordnet: Wie könnte ein nachhaltiger Fußballbetrieb aussehen? Dag Heydecker:

"Kleines Beispiel: Die gehen zu uns ins die Kabine von der Mannschaft und sagen: hier mit Lichtschaltern, das ist out, wir machen Bewegungsmelder. Hat uns zunächst auch Geld gekostet, manche Umrüstungsmaßnahmen. Aber auf lange Sicht sparen wir Geld. Wir haben das alles modernisiert, die haben das alles auf den Prüfstand gestellt. Und dann haben die halt den CO2-Ausstoß in Tonnen gemessen. Und den haben wir peu à peu abgebaut durch verschiedene Aktionen."

Ölverbrauch durch die Rasenheizung

Rund 390.000 Zuschauer stoßen an einem Bundesliga-Spieltag durch ihre Reisewege so viele Treibhausgase aus wie eine Kleinstadt im ganzen Jahr. 30 Millionen Liter Wasser werden in den Stadien jährlich verbraucht. Eine einzige Rasenheizung verbrennt im Winter pro Tag so viel Heizöl wie ein Einfamilienhaus pro Jahr. In der Wirtschaft überlegen Konzerne seit langem, wie sie Störfaktoren für die Umwelt verringern können. Gibt es eine solche Debatte auch im Fußball? Günther Bachmann ist Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung:

"Ich wüsste nicht, wo da eine Debatte geführt wird. Aber ich halte auch die Beschäftigung mit dem Thema Nachhaltigkeit für noch höchst sporadisch, anekdotenhaft und auf einzelne Personen bezogen. Nicht systematisch im Fußball."

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung wurde erstmals 2001 durch den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder berufen, ihm gehören 15 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens an, aus Wirtschaft, Umweltschutz, Sozialpolitik, Kirchen oder Entwicklungszusammenarbeit. Ein Vertreter des Sports schaffte es bislang nicht in den Rat. Sicherlich werden Umweltfragen in Konzernen für Maschinenbau, Chemie oder Bekleidung hartnäckiger gestellt, sagt Günther Bachmann, aber auch Profi-Vereine sollten zum Beispiel auf die Lieferkette ihrer Trikots achten, denn die werden meist in asiatischen Niedriglohnländern hergestellt:

"Und deswegen meine ich, dass für ein solches Unternehmen im Fußball die gleichen Regeln gelten wie für ein Dax-Unternehmen, ein großes familiengeführtes Unternehmen oder die Dönerbude um die Ecke. Das ist mein Maßstab, also nicht irgendeine Sonderrolle des Fußballs."

Diesen Fragen stellte sich Mainz 05 so intensiv wie kein anderer Klub, auf Druck des Hauptsponsors. Seit der Liberalisierung des Strommarktes 1998 kann jeder Verbraucher seinen Anbieter frei wählen. Der Vorläufer von Entega, die HEAG Südhessische Energie AG, konzentrierte sich auf Ökostrom. Weg von Atomkraft und Kohle – hin zu erneuerbaren Energiequellen, zu Solarzellen, Windparks, Biogas. Auf einem umkämpften Markt suchte Entega für das abstrakte Produkt Strom ein verständliches Markenprofil. 2009 wollte der Regionalversorger seinen hohen Marktanteil im Rhein-Main-Gebiet behaupten. Dabei sollte ihm Mainz 05 als leicht zugängliches Informationsmedium helfen, berichtet Florian Matthies, der bei Entega die Kommunikation und das Sponsoring leitet:

"Man muss sich das Bild mal vorstellen. Normalerweise ist da ein Sponsor, der gibt sein Geld ab. Guckt, dass er ordentlich auf dem Trikot ist und geht ansonsten zum Spiel am Samstag und lässt sich da ein bisschen hofieren und fährt dann wieder nach Hause. Bei uns war es aber so, dass wir zwei, drei Stunden lange Termine mit Mainz 05 im Vierwochentakt abgefordert haben, um inhaltlich mit denen das Thema anzugehen."

Die Leute im Spaß mitnehmen

Wenige Monate nach Vertragsabschluss organisierte Entega für das Profiteam von Mainz 05 eine Veranstaltung. Der Fernsehmoderator und Meteorologe Karsten Schwanke berichtete über Ursachen des Klimawandels, mit Simultanübersetzung für ausländische Spieler. Die Mannschaft schaute den Film "Eine unbequeme Wahrheit", in dem der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore über die Erderwärmung aufklärt. Nach einer Fragerunde und einem Quiz für Kinder wechselten einige Profis noch vor Ort von ihrem alten Anbieter zu Entega. Das Unternehmen hatte sich den Termin einiges kosten lassen und vermarktete ihn nun in traditionellen und neuen Medien:

"Unser Thema ist generell schwer zu verarbeiten. Deswegen braucht es ja im Grunde etwas leichtere Transportmedien, um dann halt geschickt zu gucken, dass man die Themen relativ einfach vermitteln kann, so dass die Leute das eher im Spaß mitnehmen, als jetzt belehrt zu werden über den Klimaschutz, sondern dass man das eher zum Erleben und Mitmachen gestaltet. Ich meine, ein Bundesligist ist ja nichts anderes als Unterhaltungsindustrie unterm Strich. Und die haben wir jetzt halt genutzt, um unser Thema voran zu bringen. Mit spaßigen Aktionen rund um die Spiele, aber auch mit Ernsthaftigkeit."

Für den Bau des neuen Mainzer Stadions wählten Klub und Hauptsponsor eine ökologisch effiziente Technik, etwa für Heizung und Belüftung. Auf dem Dach wurde eine der drei größten Stadion-Solaranlagen Deutschlands installiert, die gewonnene Energie entspricht dem Jahresbedarf von 200 Haushalten. Mainz 05 stellte einen "Klimawart" ein, der auf Sparpotenzial achten soll. Durch die CO2-Messungen kam heraus, dass die Fans durch ihre Reisen die meisten Emissionen verursachen. Der Verein und Entega organisierten Züge und Busse zu Auswärtsspielen. Sie warben für Fahrgemeinschaften, boten während der Partien kostenlose Fahrrad-Wartungen an. Zuschauer, die mit Bus oder Bahn anreisten, konnten Trikots gewinnen. Der Mainzer Marketingchef Dag Heydecker: 

"Es gab auch autofreie Spieltage, wo wir gesagt haben: Es sollen die Leute möglicht nicht mit dem Auto kommen, das haben wir öfter mit großem Erfolg gemacht. Wir haben viele kleine Aktionen auch gemacht. Wir haben mal gesagt, alle sollen ihre Elektrogeräte mitbringen, die sie nicht mehr brauchen. Die haben wir alle auf einen Haufen geschmissen, und dann wurden die mitgenommen und entsprechend entsorgt. Und dafür gab es auch Bonuspunkte, dann gab es mal VIP-Karten zu gewinnen. Also die Leute machen schon mit." 

Seit 2010 bezeichnet sich der FSV Mainz 05 als der erste klimaneutrale Verein der Bundesliga. Der FSV und sein Sponsor haben sich einen Titel verliehen, den Umweltschützer für problematisch halten: Der Begriff Klimaneutralität suggeriert Unkundigen, dass letztlich null Schadstoffe freigesetzt werden. Doch natürlich erzeugt das Fußballunternehmen Mainz 05 weiterhin Emissionen. Um dennoch auf die öffentlichkeitswirksame Null zu kommen, gleicht der Klub seine Ausstöße durch Klimaschutzprojekte aus. Mainz 05 investiert in die Aufforstung von Wäldern in der kanadischen Provinz British Columbia. Und beteiligt sich damit an der Wiederherstellung von Speicherfähigkeit für Kohlenstoff. Der Umweltexperte Daniel Bleher hat eng mit Mainz 05 und Entega zusammen gearbeitet:

"Der Claim ,klimaneutral’ ist ja nicht geschützt. Deswegen ist bei uns eher die Empfehlung, zu sagen: Nennt es ,klimafair’ – passt eben auch zum Sport besser. Man suggeriert eben nicht, dass man alles erfasst und alles kompensiert. Weil das ja ein bisschen auch suggeriert, ja, man muss sich sonst um nichts kümmern, als Fan jetzt beispielsweise könnte ich mir ja sagen: Ist ja wurscht, ob ich mit dem Auto fahre oder mit dem Zug, am Schluss wird es ja eh kompensiert."

Fans müssten Druck aufbauen

Daniel Bleher arbeitet für das gemeinnützige Öko-Institut in Darmstadt. Es erstellt Gutachten nach dem Greenhouse Gas Protocol, zu Deutsch: Treibhausgas-Protokoll. Dieses anerkannte Messverfahren von Klimabilanzen ist für Konzerne ab einem bestimmten Umsatz in den USA und Großbritannien verpflichtend, viele Unternehmen beteiligen sich freiwillig. Auf das Milliardengeschäft Bundesliga mit seinen mehr als 13 Millionen Zuschauern pro Saison ist ein solches Verfahren nicht so leicht übertragbar. Zu unterschiedlich seien Stadien, Geschäftsstellen und Anreisewege der Zuschauer, sagt Daniel Bleher:

"Der Fußballfan selber müsste ja den Druck aufbauen. Und der ist halt auch froh, dass er mit dem Fußball noch was hat, wo er mit den sonstigen Problemen der Welt in Frieden gelassen wird. Und deswegen wird nicht der Fußballfan als erstes aufstehen und sagen: Aber, lieber Verein, du müsstest doch mehr machen."

Themen mit schwierigem Zugang verschwinden im Fußball in der Bedeutungslosigkeit. In dieses Vakuum stoßen Aktivisten: So veröffentlichte das Greenpeace-Magazin einen "Öko-Check" der Hauptsponsoren. Mehrfach auf dem letzten Platz: der FC Schalke 04. Dessen russischer Partner Gazprom fördert Öl in der arktischen Petschorasee und riskiert Umweltschäden. In einer Wertung der Tierrechtsorganisation Peta stand Schalke hingegen an der Spitze. Mit gebackenem Blumenkohl und Tofu-Schaschlik wurde der Verein "Veggie-Meister". Diese Ranglisten erzeugen Aufmerksamkeit, wissenschaftlich fundiert sind sie nicht. Die Deutsche Fußball-Liga könnte eine Wissensgrundlage schaffen. Als Interessenvertretung der Profiklubs steckt sie viel Geld in die Erforschung ihrer Wirtschaftskraft. 2013 hat sie immerhin einen Umweltreport veröffentlicht. Die Daten wurden nicht von einer Universität oder dem Öko-Institut erhoben, sondern von einer Beratungsgesellschaft, in der Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwälte und Unternehmensexperten vernetzt sind. Zum Zeitraum der Erhebung führten Vereine in der ersten Liga 50 und in der zweiten Liga 27 Umweltprojekte durch. In einer Mitteilung der DFL hieß es:

"Durch die verschiedenen Maßnahmen der Profi-Clubs werden insgesamt jährlich mindestens 5,3 Millionen Kilowattstunden Strom eingespart und die Emission von Kohlendioxid um 14000 Tonnen reduziert. So erzeugen die Clubs über ihre Photovoltaikanlagen mindestens 5,5 Millionen Kilowattstunden sauberen Strom pro Jahr."

Abstrakte Zahlen und technische Details sollen beim Leser Eindruck erzeugen, doch verständliche Mindeststandards fehlen. In der Liste der gesellschaftspolitischen Themen liegt der Klimaschutz im Fußball relativ weit hinten. Doch es gibt Modellprojekte, die herausstechen. Der FC Augsburg wärmt und kühlt Stadion, Rasenheizung und Büros mit Grundwasser. Seine Anlagen mit Wärmepumpen und Heizungsspeichern zählen zu den modernsten der Welt. Der VfL Wolfsburg organisiert für seine Angestellten Workshops und unterstützt den Naturschutzbund bei der Wiederansiedlung von Wölfen. Als Namenssponsor des Hamburger Volksparkstadions reduzierte ein Gebäudetechnikkonzern den Energieverbrauch der Arena um mehr als 30 Prozent. Und in der Stadion-Tiefgarage von Eintracht Frankfurt richtete ein Energieversorger zwei Tankstellen für Elektroautos ein. Die Liste ließe sich fortsetzen: Mit wasserlosen Urinalen, nachhaltiger Abfallverwertung oder Stadiontickets, die auch für den Nahverkehr gelten. Daniel Bleher vom Öko-Institut.

"Aber so etwas, wie die Mannschaft zu sensibilisieren, ist auch wichtig. Weil da tun sich die Klubs am schwersten an der Stelle. Also die meisten Klubs richten ihr Engagement ja immer auf Stadion und Fans, aber dann mal wirklich an die eigenen Spieler ranzugehen. Mir ist zum Beispiel auch kein bekannter Bundesligaspieler, kein Profi bekannt, der sich hinstellt und sagt: So, ich finde Umwelt wichtig. Es gibt im sozialen Bereich viele, die das über eine Stiftung machen, aber ich wüsste jetzt keinen Umweltbotschafter, der ein aktiver oder ehemaliger Profi ist."

Nicht jeder Energiefresser ist unvermeidbar

Die Klimaschutzmaßnahmen der deutschen Vereine sind in Europa einmalig – Beweise für ein breites Umweltbewusstsein in den Klubs liefern sie nicht. In einigen Stadien lassen Besonnungsanlagen den Rasen auch im Winter wachsen und verbrauchen bisweilen mehr Energie, als die Photovoltaikanlagen erzeugen. Arenen sind auch tagsüber für ein besseres Fernsehbild hell erleuchtet. Beheizte Außensitze auf der Tribüne, Charterflüge der Mannschaften auf Kurzstrecken oder Logen-Lieferanten, die nicht auf hohe Umweltstandards setzen – nicht jeder Energiefresser im Fußball ist unvermeidbar. Die DFL könnte in einem Themenfeld, das nicht von Schlagzeilen geprägt ist, größere Vorstöße wagen. Durch eine bessere Vernetzung der Umweltexperten im Fußball und durch verbindliche Anforderungen zum Klimaschutz:

"Umweltstandards für Gebäude, für Bürogebäude. Da kriegt man dann eben nur die Goldplakette, wenn man die Fahrradplätze vor dem Haus hat und die Mülltrennung und den Ökostrom und die Verschattung, damit sich das Gebäude weniger aufheizt. Und so könnte man natürlich auch sagen, dass die DFL sagt: Und eine unserer Vorgaben, damit ihr die Erstligalizenz bekommt, ist, dass Ihr die und die Standards eingeführt habt."

In Mainz ging der FSV mit seinem Hauptsponsor voran. Entega verlängerte den Vertrag bis 2017. Der Energieversorger überschrieb seine Kampagne mit einem griffigen Titel: "Mission Klimaverteidiger – 05er für den Klimaschutz". Im Zeitraum der UN-Klimakonferenz lief die Mannschaft mit schwarzen Trikots auf, die zum Nachdenken anregen sollten. Außerhalb des Stadions konnten Fans auf Fahrradergometern und Tanzflächen Energie durch Bewegungen erzeugen. Immer wieder suchte Entega leichte Vermittlungswege für wichtige Fakten: 2015 war das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen. Die Emissionen sind in den vergangenen 25 Jahren um 60 Prozent gestiegen.

Ob sich in Mainz der ganze Aufwand für Verein und Geldgeber gelohnt hat? Nach Aussage von FSV-Marketingchef Dag Heydecker nehmen 20 Prozent der Fans die Aktivitäten wahr. Von diesen 20 Prozent sind 90 Prozent zufrieden.  

"Und wenn man sieht, dass wir heute 800 Fahrradplätze am Stadion haben, die reichen nicht aus. Wenn man sieht, dass 80 Prozent der Leute mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommen. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass wir direkt am Stadion keine Parkplätze haben, sondern das ist eine jahrelange Arbeit von Entega und dem Verein, die Leute zu sensibilisieren. Im Laufe der Zeit hat auch bei den Mitarbeitern und bei der Mannschaft ein sehr positives Denken eingesetzt."

Trotzdem machte Entega von ihrem vorzeitigen Kündigungsrecht Gebrauch. Ab Sommer 2015 reduzierte das Unternehmen seine Förderung für Mainz 05 und zog sich in die zweite Sponsorenreihe zurück. Wie nachhaltig die Klimaoffensive tatsächlich war, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Nachahmer auf diesem Niveau gab es in anderen Städten jedenfalls nichts. Noch nicht, glaubt Florian Matthies:

"Ich bin mir sehr sicher, wenn im Grunde irgendwann der politische Druck steigt, die CO2-Einsparziele deutlicher zu erreichen, dass genau solche Vehikel genutzt werden, wie den Sport oder wie den größten Sportverband in Deutschland, um das noch einige Leuchttürme zu schaffen, um das Thema runterzubrechen. Weil im Endeffekt wird es irgendwann die Vorgabe geben, dass ein Drittligist und irgendwann der Breitensport klimaneutral abzuliefern hat. Vielleicht nicht in fünf Jahren, vielleicht nicht in zehn Jahren. Ich denke mal schon, dass wir irgendwann alle in die Pflicht genommen werden."

DFB legt sein "Green Goal" vor

Das klingt so, als würde das Bewusstsein linear wachsen. Aber diese Annahme ist verkürzt, wie die Entwicklung des Deutschen Fußball-Bundes nahe legt. So waren die neuen Stadien der heimischen WM 2006 funktional, aber nicht zwangsläufig klimaschonend, wie es die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen formulierte. Dabei existierten bereits Maßstäbe: Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney hatten Solardächer, Regenwasserspeicher und Energiesparlampen neue Standards gesetzt. Der DFB legte für 2006 sein erstes Umweltprogramm auf, der Titel: "Green Goal". Experten erfassten die Emissionen, die das Turnier in Deutschland verursachte. Für die heimische Frauen-WM 2011 erweiterte dann ein Umweltbeirat dutzende Maßnahmen zur Einsparung von Energie, Wasser und Abfall. Zum Gremium gehörten unter anderem der CDU-Umweltexperte Klaus Töpfer und die damalige Grünen-Vorsitzende Claudia Roth:

"Und ich habe gesagt, da müssen wir die Umweltverbände versuchen mit reinzunehmen. Also dass man überhaupt erstmal Brücken herstellt zwischen Zivilgesellschaft und Fußball. Also dass da Fußballfans sind, klar, aber dass sie sozusagen auch eine Rolle spielen sollen in dem Rahmen von Fußball, das gab es ja bisher nicht. Da gab es große Angst der Vereinnahmung, dass die sozusagen als Alibi gelten, aber es haben dann doch ein paar mitgemacht. Wir haben Energiemanagement gemacht für die Stadien und damit natürlich auch für die Vereine."  

Im Gegensatz zu 2006 wurden nun auch Schadstoffe durch die Anreisen aus dem Ausland ermittelt. Und siehe da: Der gesamte WM-Verkehr 2011 verursachte 33.600 Tonnen Treibhausgase, die internationalen Gäste hatten daran einen Anteil von 61 Prozent. Die WM-Standorte investierten 710.000 Euro in die Projekte, auch in Fortbildungen ihrer Mitarbeiter. Am Ende feierte der DFB eine "klimafaire WM". Im Expertenstab mit dabei war Daniel Bleher vom Öko-Instiut.

"Da hat man festgestellt 2006 bei Green Goal, das Thema Sensibilisierung und Kommunikation an die Zuschauer war ein bisschen zu kurz geraten, da hat man viel hinter den Kulissen gemacht. Und 2011 hat man dann gesagt, wir wollen auch, dass es dem Fan bewusst wird, an welchen Stellen man was macht. Beispielsweise bei den wasserlosen Urinalen, wenn so was im Stadion vorhanden war, dass das mit Aufklebern auch angezeigt wurde. Oder eben Plakate bei den ÖPNV-Haltestellen, wo gesagt wurde, es gibt Green Goal: Wir versuchen, seitens des Organisators Umweltaspekte zu adressieren und Auswirkungen zu reduzieren. Und dadurch, dass ihr jetzt mit dem Bus gekommen seid, habt ihr euren Teil dazu beigetragen, vielen Dank. Das ist schon ein wichtiger Punkt, da eine einfache Sprache zu finden, und auch nicht zu belehrend zu sein. Also das war 2011 ein wichtiger Punkt, wo wir gesagt haben: Wie kann man den Zuschauer darauf hinweisen, ohne gleich mit dem moralischen Zeigefinger zu kommen."       

Licht aus! sagt Jogi Löw im Spot

Der DFB setzte nach und schrieb für 2012 einen Umwelt-Cup aus. Aus einem Katalog von 90 Ideen konnten sich Amateurvereine Klimaschutzmaßnahmen aussuchen. Die Begrünung des Vereinsheims, eine Bushaltestelle am Sportgelände oder ein Elektroauto in den Klubfarben. Im begleitenden Kampagnenspot forderte Bundestrainer Joachim Löw seine Spieler auf, das Licht auszuschalten. Letztlich beteiligten sich 400 Vereine am Wettbewerb. Ihre Projekte bewirkten eine jährliche Einsparung von 1,2 Millionen Kilowattstunden Strom, das entspricht dem Verbrauch von 245 Einfamilienhäusern pro Jahr. Der DFB verkaufte diese Bilanz als Erfolg, doch intern hatte er auf eine größere Beteiligung der Vereine gehofft. Der damalige Verbandspräsident Theo Zwanziger berief eine Nachhaltigkeitskommission von Experten für verschiedene gesellschaftspolitische Fragen, Claudia Roth war verantwortlich für Umwelt:

"Die Idee war gut, aber ich glaube, das Problem war tatsächlich, dass das eine Idee von oben war, die aber nicht von unten gewachsen war. Dass ich plötzlich die Beauftragte für Klima und Umwelt vom DFB war, das war seine Idee, da war der Abstand zu den Landesfußballverbänden zu groß. Und ich glaube, deswegen ist die Kommission, die eine gute Idee war, nicht nur, weil der Theo dann nicht mehr Präsident war, sondern auch, weil es tatsächlich nicht aus den Verbandstrukturen selber entstanden ist, sondern so parallel lief, nach drei Jahren Arbeit beendet worden."

Nach dem Abschied von Theo Zwanziger war im DFB auch die Fürsprache von Claudia Roth nicht mehr gefragt. Innerhalb des DFB beschäftigt sich nun die Kommission "Sportstätten und Umwelt" mit zentralen Fragen, deren Vorsitzender Björn Fecker ist Präsident des Bremer Fußball-Verbandes und Grünen-Abgeordneter der Bremischen Bürgerschaft. Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung, rät den Sportvereinen, über die eigenen Grenzen hinauszublicken:

"Es gibt bei den Ländern auch als Landeseinrichtung, im Service, so genannte Effizienz-Agenturen. Und da kann sich ein Unternehmen hinwenden und kriegt eine Erstberatung, umsonst. Da kommt dann einer und geht einen Tag durchs Unternehmen durch. Am Ende des Tages sagt der: pro Monat 1000, 2000 Euro Minderkosten durch einfache Maßnahmen. Ein Abschalter hier, ein Lichtausschalter dort. Und das kriegen die umsonst. Und da frage ich: Hat das jemals mal ein Sportverein in Anspruch genommen? Ich wüsste nicht."

Bei vielen Sportfunktionären bleibt das Thema Umwelt außen vor. Mit dieser Wahrnehmung stehen die Fußballer nicht allein da, wie eine Studie des Bundesumweltamtes belegt: Lediglich 19 Prozent der Deutschen halten einen mangelnden Klimaschutz für eines der wichtigsten Probleme, der niedrigste Wert seit zehn Jahren. In konfliktreichen Zeiten wie diesen hält sich die Aufregung darüber in Grenzen, dass die Bundesregierung ihre Klimaziele wahrscheinlich verfehlt. Um bis 2020 vierzig Prozent weniger Treibhausgase auszustoßen als 1990, muss in Deutschland das Tempo der Emissionsminderung verdreifacht werden.

Der DFB möchte die Europameisterschaft 2024 austragen. Ein erneuter Anlass, um über den gesellschaftlichen Beitrag des Fußballs nachzudenken. Auch über den Klimaschutz.

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