Klimapolitik der Ampelkoalition

    Der unsinnige Traum vom grünen Wachstum

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    Dreidimensionale Darstellung einer Frühlingswiese, die eine Betonerdkugel überwuchert vor einem grünen Hintergrund.
    Wie sollen Kapitalismus und Klimaschutz sich versöhnen lassen, fragt Ulrike Herrmann. © imago / Westend61
    Ein Kommentar von Ulrike Herrmann · 14.10.2021
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    FDP und Grüne suchen derzeit intensiv nach Gemeinsamkeiten. Die Beschwörungen eines grünen Wachstums überdecken dabei Widersprüche und Konflikte, meint die Journalistin Ulrike Herrmann. Es sei vielmehr ein "grünes Schrumpfen" angesagt.
    Manche Deutsche reiben sich noch immer verwundert die Augen, dass nun ausgerechnet Grüne und Liberale gemeinsam entscheiden werden, ob es eine Ampel oder Jamaika gibt – und wer der nächste Kanzler ist. Denn FDP und Grüne zelebrierten bisher vor allem ihre Unterschiede, sodass diese neue Kombination namens "Zitrus" seltsam erscheint.
    Doch so weit sind Liberale und Grüne gar nicht auseinander, was sich ausgerechnet beim Klimaschutz zeigt. Die Zukunft unseres Planeten treibt zwar vor allem die Grünen um, aber auch die Liberalen haben bei diesem Thema nachgerüstet.


    Zugegeben: Beim Klimaschutz muten die Vorschläge der Liberalen manchmal derart futuristisch an, dass sich ihr Wahlprogramm liest, als hätten sie diese Passagen bei einem Science-Fiction-Autor bestellt. Denn die FDP hofft unter anderem auf die sogenannte Bioökonomie. Wörtlich heißt es: "Klebstoff aus Pflanzen, Smartphone-Displays aus Zucker oder T-Shirts aus Kaffeesatz – das alles ist möglich."

    Wir haben noch 24 Jahre für eine Klimaneutralität

    Das klingt gut, ist aber Unsinn. Denn die Liberalen verwechseln "möglich" mit "wahrscheinlich". Wenn wir den Klimawandel aufhalten wollen, muss Deutschland bereits 2045 klimaneutral sein. Das sind noch 24 Jahre. Dieser Zeitraum ist viel zu kurz, als dass sich bis dahin die gesamte Wirtschaft auf Zucker oder Kaffee umstellen ließe.
    Doch so abstrus sich das liberale Programm gelegentlich liest, wenn es um den Klimaschutz geht: Im Kern glaubt die FDP an das "grüne Wachstum". Neue Innovationen und neue Technik sollen künftig dafür sorgen, dass keine Treibhausgase mehr entstehen.
    Genau diese Idee verfolgen auch die Grünen. Auch sie setzen vor allem auf Technik, um den Klimawandel zu bremsen. Windkraft und Solarpaneele sollen eine "Energierevolution" auslösen; neue Verfahren in den Fabriken sollen die Effizienz rasant steigern.
    Uneinig sind sich Liberale und Grüne nur über den Weg. Die FDP setzt vor allem auf private Investitionen, während die Grünen jährlich 50 Milliarden Euro an staatlichen Geldern in den Klimaschutz pumpen wollen. Außerdem sind die Liberalen strikt gegen Verbote, während die Grünen unter anderem ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern einführen möchten. Aber bei diesen Streitpunkten lassen sich garantiert Kompromisse finden.

    Kann es ein grünes Wachstum überhaupt geben?

    Die eigentliche Frage ist, ob es das grüne Wachstum überhaupt geben kann, an das beide Parteien so fest glauben. Oder ob es eine Illusion ist, dass sich Kapitalismus und Klimaschutz versöhnen lassen.
    Der Knackpunkt ist der Ökostrom. Wer die Treibhausgase vermeiden will, muss Gas, Kohle und Öl durch Windkraft und Solarpaneele ersetzen. Nun weiß aber jeder, dass der Wind nicht immer weht und die Sonne nicht immer scheint. Es müssen also gigantische Mengen an Strom gespeichert werden, um für Flaute und Dunkelheit vorzusorgen. Diese Speicherkapazitäten gibt es bisher nicht.
    Theoretisch kommen vor allem zwei Speicherwege infrage: Batterien und Wasserstoff. Beide Ansätze sind technisch noch nicht voll ausgereift; vor allem aber sind sie aufwendig und teuer.

    Wir müssen auf fossile Brennstoffe verzichten

    Um Missverständnisse zu vermeiden: Wir müssen unbedingt auf fossile Brennstoffe verzichten und Treibhausgase vermeiden. Aber wenn die Ökoenergie teuer ist, weil sie in großen Mengen gespeichert werden muss, dann ist grünes Wachstum nicht möglich. Stattdessen wäre "grünes Schrumpfen" angesagt, weil es nicht genug Energie gibt, um die ständige Expansion zu befeuern.
    Von Verzicht redet jedoch keine Partei. Dies gilt auch für SPD und Union, die ebenfalls aufs grüne Wachstum setzen. Denn die Politik weiß ganz genau, dass die Wähler noch nicht so weit sind, sich von ihrer vertrauten Welt zu verabschieden. Noch kleben fast alle an dem Motto: Klimaschutz ist, wenn jeder ein Elektroauto besitzt. Da würde die Erkenntnis stören, dass die Ökoenergie gar nicht reicht, um diese gigantische Flotte von E-Autos zu betanken.

    Ulrike Herrmann arbeitet als Wirtschaftsredakteurin bei der taz. Die ausgebildete Bankkauffrau absolvierte die Henri-Nannen-Schule und studierte Geschichte und Philosophie. Sie ist Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen und hat zahlreiche Bücher zu Wirtschaftsthemen geschrieben, unter anderem "Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen. Warum es kein Wunder ist, dass wir reich geworden sind".

    Porträt der Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann
    © imago / Willi Schewski
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