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Tacheles | Beitrag vom 24.07.2021

Klimagerechte Stadtplanung"Wir müssen es wirklich wollen"

Moderation: Susanne Führer

Ein Mensch mit einer Fahne mit dem Logo von Fridays for Future verfolgt von einer Brücke aus die Demonstration des Bündnisses Fridays for Future entlang einer Straße.  (dpa / Luise Evers)
Das Bündnis Fridays for Future demonstriert bundesweit für mehr Klimaschutz und Konsequenzen nach der Hochwasserkatastrophe. (dpa / Luise Evers)

Der Leiter des neuen Zentrums Klimaanpassung, Jens Hasse, appelliert an die politisch Verantwortlichen in Deutschland, bei Klimavorsorge und Klimaanpassung stärker zusammenzuwirken. „Dazu muss der Wille deutlich klarer sein.“

Viele Programme in Deutschland fördern Klimaanpassung und Klimaschutz, mal sind sie von der Kommune, mal vom Bund, mal vom Land. Da den Überblick zu behalten ist nicht leicht.

Anfang Juli hat das Zentrum Klimaanpassung im Auftrag des Bundesumweltministeriums seine Arbeit aufgenommen, geleitet wird es vom gelernten Bauingenieur Jens Hasse. Das Zentrum soll Städte, Gemeinden und soziale Einrichtungen bei der klimagerechten Stadtplanung unterstützen. Aufgabe sei es, die Bewegung für Klimaschutz und Klimaanpassung "überall in Deutschland zu unterstützen, zu motivieren und Orientierung zu geben, wo es Förderprogramme gibt".

Klimaanpassung aus eigenem Interesse

Der Klimawandel ist schon da – extreme Wetterereignisse nehmen zu, Vegetationsperioden werden länger - daher, so Hasse, sei die Klimaanpassung jetzt wichtig: Hochwasserschutz, Hitzeschutz, Sturmfestigkeit.

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Viele Lösungen sind bekannt, möglich und auch schon erprobt. Allerdings ist die Klimaanpassung eine freiwillige Aufgabe der Kommunen. Auf die Frage, ob sie verpflichtend sein sollte, antwortet Hasse:

"Es ist wichtig, zu verstehen, dass Klimaanpassung keine Extraaufgabe sein muss, wenn es in allen wichtigen Bereichen – Stadtplanung, Stadtentwässerung, Grünplanung, bei der Gebäudekonstruktion – von vornherein berücksichtigt wird, und das aus ureigenstem Interesse derjenigen, die Verantwortung tragen oder Eigentum haben oder einfach nur sicher leben wollen."

Versiegelung ist passé

Hasse räumt ein, es sei eine Herausforderung, Hochwasserschutz durch Versickerungsflächen und verstärkten Wohnungsbau in Einklang zu bringen, aber "wir müssen es schaffen, nur eine minimale Fläche zu versiegeln". Auf den Flächen um die Gebäude herum müssten Rückhalte, Versickerung und Wasserwege angelegt werden.

Dafür gibt es bereits Anreize, die Kommunen seien gefragt, diese Anreize noch stärker zu setzen. Das gelte auch für Gewerbegebiete: "Die vollflächigen Versiegelungen sind passé. Es gibt viel bessere Vorschläge, die den Unternehmen genauso helfen und im Sinne der Regenwasserversickerung statt einer Kläranlage pures Geld sparen, sowohl für die Hauseigentümer oder Projektentwickler als auch für die Anwohnenden."

Ohne bessere Zusammenarbeit geht es nicht

Bisher gebe es in Deutschland keine klimagerechte Stadtplanung aus einer Hand: Grünplanung, Verkehrsplanung, Bauplanung arbeiteten meist getrennt. Hasse sagt, es sei wichtig, "mit sehr viel mehr politischem Willen die Zusammenarbeit deutlich zu verbessern". Und zwar auf allen Ebenen: Kommune, Land, Bund, Europa.

"Dazu muss der Wille in Deutschland deutlich klarer sein und sich weniger an rein vordergründig meist ökonomischen Dingen ausrichten."

Nicht nachlassen beim Klimaschutz

Klimaanpassung sei jetzt wichtig, keine Frage. Aber auch beim Klimaschutz dürfe man auf keinen Fall nachlassen, betont Hasse.

"Wenn es uns in der Welt, in Europa, auch in Deutschland nicht gelingt, ausreichend Klimaschutz in kürzerer Zeit zu erreichen, werden die globalen Klimaveränderungen aufgrund der thermodynamischen Vorgänge in der Atmosphäre irgendwann so groß sein, dass wir irgendwann auch mit ganz normalen Klimaanpassungsmaßnahmen, wie wir sie heute entwerfen, nicht mehr hinkommen werden."

(sf)

Jens Hasse ist Diplom-Ingenieur und Teamleiter beim Deutschen Institut für Urbanistik mit den Schwerpunkten Klimavorsorge/-anpassung, wassersensible Stadtentwicklung, grün-blaue Infrastruktur, kommunale/regionale Innovationsprozesse, internationaler Wissenstransfer. Seit Juli 2021 ist Hasse auch Projektleiter des Zentrums Klimaanpassung.

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