Klimadebatte und Verzicht

    Die Möglichkeiten sehen und nicht die Grenzen

    04:14 Minuten
    Eine Person steht vor zwei Treppen.
    Jede Entscheidung für etwas ist eine Entscheidung gegen etwas anderes, sagt Jörg Phil Friedrich. © imago / Ikon Images / Gary Waters
    Ein Standpunkt von Jörg Phil Friedrich · 11.10.2021
    Audio herunterladen
    Nie mehr Malediven, nie mehr Currywurst? Die Klimadebatte wird vor allem als Verzichtsdebatte geführt. Der Philosoph Jörg Phil Friedrich findet das falsch. Denn der Verzicht auf Liebgewonnenes eröffnet die Möglichkeit, Unentdecktes auszuprobieren.
    Die Zukunft scheint eine Zeit des Verzichts zu sein. Der Klimawandel fordert Verzicht aufs Fliegen und aufs Autofahren. Außerdem sollen wir von Fleisch und am besten auch von Obst und Gemüse absehen, wenn es quer über den Globus transportiert werden muss. Das klingt trostlos, karg und langweilig. Auch Pandemien fordern Verzicht. Wir sollen weniger feiern, uns nicht mehr umarmen und uns nicht mehr ins Gedränge stürzen, nicht im Konzert und auch nicht auf den Rängen des Fußballstadions.
    Wie soll man bei all dem Verzicht noch Spaß am Leben haben? Manche meinen, darauf käme es nicht an, es ginge ums bloße Überleben: darum, nicht am Virus zu sterben und darum, dass Menschen, Tiere und Pflanzen überhaupt eine Chance auf die simple Fortexistenz in einem einigermaßen erträglichen Klima haben.

    Der neue Verzicht ist für immer

    Aber das kann nicht stimmen, denn es geht fast nie ums nackte Überleben. Und selbst wenn es in Kriegen oder Katastrophen wirklich einmal darum ging, schlicht nicht zu verrecken und einfach am Leben zu bleiben, war das nur erträglich durch die Hoffnung, dass nach dem großen Leiden wieder eine Zeit kommen könnte, in der man ausgelassen und ohne Reue wieder feiern und über die Stränge schlagen kann.
    Der Verzicht, über den wir permanent reden, ist natürlich nicht so gravierend wie der, den uns Kriege, Hungersnöte und Katastrophen abverlangen. Er ist auch nicht so unumgänglich wie zu einer Zeit, die von Knappheit und Not geprägt ist. Er belastet vor allem deshalb, weil kein Ende des Verzichts in Sicht ist. Wir sollen nicht nur diesen Monat oder nur für ein paar Jahre aufs Autofahren und auf Fleischkonsum verzichten, sondern für immer. Und das, obwohl wir uns von diesem Verzicht weder eine schnelle Verbesserung der Lage versprechen können, und obwohl wir keine wirklich akute Not verspüren, die den Verzicht unumgänglich macht.
    So gesehen ist es sehr verständlich, dass uns das Verzichten trotz aller mahnenden Stimmen und trotz aller Einsicht so schwerfällt. Außerdem ist zu befürchten, dass eine Welt, in der wir uns so klaglos wie freudlos in unser Schicksal fügen würden, keineswegs lebenswerter wäre als eine Welt, in der der Klimawandel fortschreitet und eine Infektionswelle nach der anderen über uns hinwegrollt.

    Wir sind gewohnt zu verzichten, indem wir uns entscheiden

    Gibt es keinen Weg, auf die Forderung nach Verzicht zu verzichten?
    Vielleicht doch. Machen wir uns zunächst klar, dass wir eigentlich schon immer Tag für Tag und fortwährend verzichten. Wer sich für ein Steak entscheidet, verzichtet auf die Pizza. Wer sich für den Urlaub in den Bergen entscheidet, verzichtet auf Strand und Palmen. Wer sich entscheidet, diesen Mann zu heiraten, verzichtet aufs Zusammenleben mit vielen anderen. Das Leben ist endlich, aber die Möglichkeiten, die ich wählen könnte, sind unendlich. Und ich kann mich nur für weniges entscheiden und muss auf fast alles verzichten.
    Nun sind wir uns in den meisten Fällen gar nicht bewusst, dass wir uns für das eine und gegen die vielen anderen Möglichkeiten entschieden haben. Es hat sich einfach so ergeben: Der Zufall hat mich in die Berge geführt, und es hat mir gefallen. Durch Zufall habe ich im Restaurant Steak probiert, und es hat mir geschmeckt. Da ich die vielen anderen Optionen gar nicht wahrgenommen habe, halte ich das, was ich gewählt habe, für das Beste. Und ich habe mich daran gewöhnt, deshalb will ich nicht darauf verzichten.

    Die neuen Möglichkeiten entdecken

    Es käme also darauf an, nicht über den Verzicht auf das Liebgewonnene nachzudenken, sondern über die vielen Möglichkeiten, die noch unentdeckt und nicht ausprobiert sind. Womöglich bleibt dann gar keine Zeit mehr für all die Dinge, auf die wir verzichten sollen? Am Ende verlieren wir den Spaß am Steak nicht, weil uns schlechtes Gewissen plagt, sondern weil es so viel anderes gibt, was ausgezeichnet schmeckt. Und noch so vieles mehr, das bisher unentdeckt geblieben ist.

    Jörg Phil Friedrich (geb. 1965) ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Er ist Mitbegründer des Softwarehauses INDAL in Münster und lebt bis heute von der Softwareentwicklung und vom Schreiben philosophischer Texte. Zuletzt erschien sein Buch "Ist Wissenschaft, was Wissen schafft?" (Alber 2019).

    © Heike Rost
    Mehr zum Thema