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Zeitfragen | Beitrag vom 03.07.2018

Klima versus LandschaftsschutzWie romantisch sind Windräder?

Von Günther Wessel

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Ein Regenbogen leuchtet vor dunklen Gewitterwolken hinter einem Windrad  im Landkreis Spree-Neiße nahe Peitz (Brandenburg). (dpa / Patrick Pleul)
Spargel-Bild oder romantische Landschaft? (dpa / Patrick Pleul)

Die Masten und Rotoren von Windrädern sind manchem ein Graus. "Verspargelung der Landschaft" heißt es. Wie wäre es aber, wenn man in ihnen Windmühlen der Moderne sehen würde? Quasi Symbole des idyllischen Lebens – und des Fortschritt im Sinnen des Klimaschutzes.

Berlin-Pankow. Auf freiem Feld stehen, knapp an der Stadtgrenze zu Brandenburg, die beiden einzigen Windkraftanlagen Berlins: Typ Enercon E92. 2015 von der Unternehmensgruppe Teut erbaut. Die höchsten Windräder ragen inzwischen bis zu etwa 240 Meter auf.

"Der Hersteller GE hat jetzt vor knapp einem halben Jahr, vier Monaten einen Anlagetyp angekündigt, mit 158 Metern Rotordurchmesser, 158 Meter, der Radius ist dann fast 80 Meter. Und mehr oder weniger bieten heute alle Hersteller Nabenhöhen von 160, 165 Meter an."

Jan Teut ist Ingenieur und baut vor allem in Brandenburg Windkraftanlagen auf. Knapp 29.000 Windkraftanlagen gibt es zurzeit in Deutschland auf dem Festland. Die meisten davon, gut ein Fünftel in Niedersachsen. Es folgen mit jeweils mehr als 3500 Anlagen Schleswig-Holstein und Brandenburg. Die erzeugen zusammen etwa 48.000 Megawatt Strom, was ungefähr 15 Prozent des deutschen Strombedarfes entspricht.

"Das ist eine spannende Frage. Da gibt es ganz unterschiedliche Szenarien", sagt Wolfgang Peters auf die Frage, wieviel Windkraftanlagen in Deutschland noch kommen werden. Peters ist Ingenieur und Umweltplaner.

Der Widerstand gegen Windräder wächst

"Unterschiedliche energiewirtschaftliche Institute haben da unterschiedliche Ausbauszenarien entwickelt. Und wir haben das mal ganz laienhaft runtergebrochen, und ich kam auf 20.000 bis 60.000 Windenergieanlagen. So groß ist die Spanne."

Wie viele es genau werden, hängt von vielen Parametern ab: vom Strommix auf der einen Seite, vor allem aber auch vom Energiehunger der zukünftigen Gesellschaft.

"Das eine Szenario war mit deutlich weniger Windenergieanlagen, als wir derzeit haben, weil die Anlagen natürlich deutlich größer werden. Wir haben jetzt eine durchschnittliche Leistung von etwa zwei Megawatt. Und 2030 werden es mindestens 3,5 oder vier – bis zu fünf Megawatt pro Anlage sein."

Zahlen über Windräder bleiben somit spekulativ. Sicher hingegen ist, dass ihr Bau in vielen Landstrichen inzwischen auf Widerstand stößt. Ebenso wie auch der Ausbau neuer Stromtrassen, die Mais- oder Raps-Monokulturen oder die Fotovoltaik-Anlagen, die ehemalige Weiden und Felder mit dunklen Solarzellen überbauen.

Zwar sind sich Umweltschützer einig, dass der Klimawandel aufgehalten werden muss, aber die Energiewende hat auch unter ihnen nicht nur Freunde. Denn zu stark verändert sie mitunter das gewohnte Landschaftsbild.

Wann ist eine Landschaft schön?

Landschaft ist nach Ansicht der Geografen ein begrenztes Gebiet, was ziemlich ähnliche Eigenschaften hat. Aber diese Erklärung läuft eigentlich zu kurz, weil Landschaft immer etwas mit Natur zu tun hat. Es hat immer etwas zu tun mit der Nutzung durch den Menschen. Der Mensch hat sich diese Landschaft untertan gemacht, und der Mensch verbindet außerdem eine Idee mit dieser Landschaft."

Hansjörg Küster ist Professor für Pflanzenökologie am Institut für Geobotanik der Leibniz Universität Hannover, zugleich Landschaftserforscher.  

"Im Grunde genommen ist die Landschaft das, was ein Maler auf seine Leinwand draufmalt, aber das kann man übertragen auf jeden Menschen. Wir können nicht alle malen, aber wir denken über diese Landschaft genauso nach wie der Maler und machen uns einen Eindruck, finden diese Landschaft schön oder nicht schön."

Sprich: Wenn wir Landschaften sehen, interpretieren wir.

Ein Mann spaziert über einen Feldweg bei Hannover (Niedersachsen), als am Horizont die Sonne untergeht. (dpa / Julian Stratenschulte)Als romantisches Bildmotiv geeignet? - Ein Windrad in Niedersachsen. (dpa / Julian Stratenschulte)

Ützdorf ist ein winziger Flecken nordöstlich der Berliner Stadtgrenze. Ein Ortsteil von Lanke, was wiederum ein Ortsteil von Wandlitz ist. Ein knappes Dutzend Häuser entlang der Landstraße, eine Jugendherberge, ein Campingplatz. Sanft ansteigende, sandige, vorwiegend mit Kiefernwald bestandene Moränen, dazwischen kleinere Seen. Fast ein Idyll – eines mit Autobahnanschluss. In 500 Metern Entfernung durchschneidet rauschend die A 11 nach Stettin den Wald.

Mitten in Ützdorf: das Jägerheim, ein Hotel mit Restaurant

"Mein Name ist Ralf Geiseler. Ich bin hier der Inhaber des Hotel und Restaurants am Liepnitzsee, idyllisch in einer komplett walddurchzogenen Gegend. Wir haben hier 18 Mitarbeiter, die hier voll beschäftigt sind."

Der Laden brummt, dank seiner Lage.

"Das Umland wird sehr stark frequentiert von Berlinern und Brandenburgern, die einfach mal ein bisschen rauskommen wollen und die Natur genießen wollen. Wir selber haben ein großes Interesse daran, dass das auch in den kommenden Jahren so beibehalten wird, weil wir eben davon leben. Das heißt: Der Wald an und für sich und der See sind Magnete, und wir möchten eben, dass der Wald so bleibt."

Denn der ist bedroht. Nahe des Liepnitzsee hat der Regionalplan von Brandenburg seit 2011ein sogenanntes Windeignungsgebiet ausgewiesen. Er ist somit ein möglicher Standort für eine Windkraftanlage.

Dagegen hat sich in Ützdorf, Lanke und Wandlitz die Bürgerinitiative "Hände weg vom Liepnitzwald" gegründet. Ihr Sprecher ist Hans Jürgen Klemm.

"Das ist wie so ein Stangenwald"

Klemm, Ende 60, bewaffnet mit Aktentasche unter dem Arm, arbeitete in der DDR zunächst als Ingenieur in der Flugzeugwartung und später in der Möbelindustrie. Nach der Wende entwickelte er Standorte für Baumärkte, wie er bei einem Spaziergang durch den Wald am Liepnitzsee erzählt.

"Die erste Zeit fand ich Windräder als technologische Innovation eigentlich ziemlich spannend und als Bauwerk eigentlich auch ästhetisch. Aber dann bei Reisen Richtung Dänemark habe ich gesehen: Je mehr solche Dinger auf einem Haufen stehen, desto mehr haben sich bei mir die Nackenhaare gesträubt, weil ich gesehen hab: Das ist wie so ein Stangenwald."

Zur ästhetischen Ablehnung kam hinzu, dass sie konkret näher rückten.

"So ein Standort am Ende festzulegen für eine Windenergieanlage ist ein Ergebnis von einem ganz komplexen Planungsverfahren", sagt Wolfgang Peters. "Das beginnt häufig auf der Landesebene mit der Landesentwicklungsplanung, wo grob Ziele festgelegt werden. Hier: Brandenburg hat irgendwann gesagt: Zwei Prozent der Landesfläche wollen wir als Flächen für die Windenergienutzung bereitstellen."

Zwei Prozent hört sich erst einmal nicht viel an, dennoch sind diese Flächen nicht leicht zu finden. Es gibt zahlreiche Ausschlusskriterien, sei es durch Naturschutzgebiete oder die Nähe zur Siedlungen. Brandenburg ist in fünf Regionen aufgeteilt, in denen die Regionalplanung die sogenannten Windeignungsgebiete festlegt. Nur dort dürfen dann Windenergieanlagen errichtet werden – das schafft Sicherheit für Anwohner sowie Erbauer und Betreiber von Windparks.

"Das ist ein wahnsinnig bürokratischer Prozess."

Gegen die Politik der hessischen Landesregierung beim Thema Windenergie richtet sich dieses Banner auf einer Demonstration in Frankfurt am Main (Hessen) am 16.12.2016. (dpa  / Boris Roessler)Immer mehr Bürger demonstrieren gegen Windenergie-Anlagen vor ihrer Haustür. (dpa / Boris Roessler)

Hans Jürgen Klemm ist vertraut mit dem bürokratischen Prozedere. Er kramt aus seiner Aktentasche einen Berg Papier und Akten hervor und erläutert den momentanen Stand der Dinge:

"Das Windeignungsgebiet ist mit 261 Hektar planfestgestellt. Es ist beklagt durch die Gemeinde Wandlitz / Stadt Bernau und Ahrensfelde. Der gesamte Regionalplan angefochten wegen Entmachtung der Gemeinden in ihrer Planungshoheit. Und die Stadt Berlin hatte Anträge eines Investors aus Brandenburg vorliegen. Der wollte, soweit wir das wissen, acht Windräder bauen."

Nutzwald gleich Stangenwald?

Klemm will, dass der Regionalplan geändert wird und der Liepnitzwald Schutzgebiet wird. So preist er während des Spazierwegs jede Birke als Wunder, jeden Buchensprössling als Zukunftszeichen, jeden Eichenspross dafür, dass der weitgehend aus Nadelhölzern bestehende Wald sich zum biologisch wertvollen Mischwald wandelt, lobt dessen Erholungsfunktion für Körper und Geist und sagt, dass man das Rauschen der Autobahn, die ihn durchschneidet, nur in unmittelbarer Nähe hören würde. Es sei "abwegig, dass Wald in großen Teilen abgehackt werden muss, hochwertiger Mischwald, um dort Industrieanlagen, was Windkraftanlagen ja nun mal sind, zu etablieren".

Der Windanlagenerbauer Jan Teut denkt da anders:

"Was ist eigentlich Wald? Es gibt diesen Stangenwald, diese Fichten-Monokultur, die auch extrem windanfällig, brandanfällig, schädlingsanfällig ist, also ökologisch nicht hochwertig, weil eigentlich tot. Es gibt natürlich aber auch das ganz andere Extrem, dieser Urwald oben in Grumsin bei Angermünde. Und warum soll Windkraft im Wald, in einem Fichten-Monokultur-Wald oder Kiefern-Monokultur-Wald nicht zulässig sein?"

Und er sagt auch, dass er natürlich für jeden Baum, den er beim Bau einer Windkraftanlage fällen lässt, zwei neue pflanzen lassen muss. Und zwar im räumlichen Zusammenhang, was bedeutet, dass Wald ungefähr dort ergänzt wird, wo er auch gerodet wurde, und bereichert: Denn aufgeforstet würde Laubwald.

Was wir als Natur sehen, ist oft menschengemacht

Man braucht keine besonderen hellseherischen Fähigkeiten, um zu konstatieren: Einig werden sich Jan Teut und Hans-Jürgen Klemm wohl nicht mehr. Auch der Gastronom Ralf Geiseler formuliert noch einmal strikt seine Ablehnung:

"Thematik Windkrafträder ist für mich völliger Schwachsinn, gehört überhaupt nicht hierher, ist in meinen Augen auch völlig indiskutabel. Die wollen nicht mit solchen Sachen konfrontiert werden. Da wird völlig ausgeblendet, worum es hier eigentlich geht: Hier geht es um die Natur, dass die so beibehalten wird, wie sie ist."

Turmwindmühle in Behnte bei Ronnenberg. (dpa)Heute ein Zeichen von Idylle, früher möglicherweise eine "Verschandelung der Landschaft"? - Eine alte Turmwindmühle. (dpa)

"Wir haben eine ästhetische Kategorie, die wir Natur nennen. Wir haben eine bestimmte Form von Landschaft, die wir immer wieder Natur nennen, weil sie so schön ist. Aber das ist etwas, womit der Naturwissenschaftler eigentlich gar nichts anfangen kann."

Denn Landschaft und Natur seien – so der Landschaftsforscher Hansjörg Küster – unterschiedliche Dinge, und manche Landschaften, die wir lange schon als Natur ansehen, seien erst durch menschliche Nutzung entstanden. Und seither verteidige man die Spuren dieser traditionellen Landnutzung. So gibt es die Lüneburger Heide nur wegen massivem Holzeinschlag und Überweidung. Im späten 18. Jahrhundert sei dann die karge Landschaft erstmals als romantisch entdeckt worden. Durch Reisende, Schriftsteller, durch Landschaftsmaler.

Die Idee von der romantischen Heidelandschaft

"Es ist so, dass gerade die Landschaftsmaler des 18. und 19. Jahrhunderts eigentlich zeigen wollten, das man ein Arkadien überall sehen kann. Also selbst in Deutschland, selbst in Norwegen, selbst in Finnland, überall kann man ein Arkadien sehen, und überall gibt es schöne Landschaften."

So irrte ich den ganzen Tag herum, und die Sonne schien schon schief zwischen den Baumstämmen hindurch, als ich endlich in ein kleines Wiesental hinauskam, das rings von Bergen eingeschlossen und voller roter und gelber Blumen war, über denen unzählige Schmetterlinge im Abendgolde herumflatterten. Hier war es so einsam, als läge die Welt wohl hunderte Meilen weg. Nur die Heimchen zirpten, und ein Hirt lag drüben im hohen Gras und blies so melancholisch auf seiner Schalmei, dass einem das Herz vor Wehmut zerspringen möge. Unterdes marschierte ich fleißig fort, denn es fing schon an zu dämmern. Die Vögel, die alle noch ein großes Geschrei gemacht hatten, als die letzten Sonnenstrahlen durch den Wald schimmerten, wurden auf einmal still, und mir fing beinah an Angst zu werden in dem ewigen, einsamen Rauschen der Wälder.
Aus dem Leben eines Taugenichts" (1826), Freiherr von Eichendorff  

Solch eine Landschaftserfahrung prägt. Auch das kollektive Bewusstsein.

"Ich habe in den 70er-Jahren erkannt, dass erneuerbare Energien die Lösung für einen ganz großen Teil der Probleme auf der Erde sind: wie Kriege um Erdöl oder Erderwärmung oder Atomgefahren."

Hans-Josef Fell, ehemals Lehrer für Physik und Sport

"Ich war von 1998 bis 2013 im Deutschen Bundestag und habe dort Energie und Forschungspolitik für die Grüne Bundestagsfraktion gemacht."

Heute ist er Präsident der Energy Watch Group, eines internationalen Netzwerkes von Wissenschaftlern und Politkern, das sich mit Energiefragen beschäftigt und beim Ausbau von erneuerbarer Energien berät. Und Hans-Josef Fell ist sich sicher:

"Für mich war das klar: 100 Prozent erneuerbare Energien ist die entscheidende Lösung und daran habe ich immer gearbeitet."

Hans-Josef Fell stammt aus Hammelburg in Unterfranken. Etwa 150 Kilometer östlich lebte auf einem Schloss, das oberhalb der Gemeinde auf einem Bergsporn liegt, einer der erbittertsten Gegner der Windkraftanlagen.

"Roter Milan, Seeadler, Adler – die gehen alle drauf"

"Greifvögel, die mühselig irgendwann mal gesetzlich geschützt wurden, jetzt werden sie sogar freigegeben für die Windräder. Da kann ein Naturschützer nicht mitspielen. Ich kann da nicht mitmachen."

Enoch Freiherr von und zu Guttenberg im Gespräch Ende März, wenige Wochen vor seinem Tod. Dirigent, Schlossherr, streitbarer Umweltschützer. War Mitglied der CSU, trat 1992 aus und 2009 wieder ein. Kein Anhänger Bayerischer Umweltpolitik. Unterstützer der sogenannten "Bundesinitiative Vernunftkraft", die sich dem Kampf gegen die Energiewende, sprich gegen die Erzeugung von erneuerbarer Energie aus Wind- und Wasserkraft, Biogas und Solarstrom, gewidmet hat. Mit Verve redete er über Windräder, die Vögel schreddern, zitiert Studien, die den Roten Milan und den Mäusebussard durch Windenergie gefährdet sehen. "Roter Milan, Seeadler, Adler – die gehen alle drauf. Die Vogelwarten schreien alle."

Hans-Josef Fell gesteht zu:  "Es gibt in Deutschland natürlich Totschlagungen von Greifvögeln durch Windräder." Den Bestand würden sie aber nicht gefährden.

"Wir haben eine Populationsentwicklung von den wichtigsten Greifvögeln in Deutschland, die eine sehr positive ist in den letzten 15 Jahren. Die also eine Zunahme des Rotmilans geschafft hat, eine Zunahme des  Uhus, eine Zunahme des Seeadlers, eine Zunahme des Schwarzstorchs und anderer – so dass alle miteinander aus der Liste der gefährdeten Arten entlassen werden konnten. Ein richtiger toller Artenschutzerfolg. Und das Ganze hat stattgefunden mit dem parallelem Ausbau von Windenergie."

Wobei Kritiker von einer bloß regionalen Zunahme sprechen. So schlagen sich Gegner und Befürworter der Windenergie Studien und deren methodische Mängel um die Ohren. Zum Greifvogelsterben gibt es mehrere, die gern zitiert werden und deren Verfasser sich im wissenschaftlichen Clinch miteinander befinden.

Ein Rotmilan, auch Roter Milan, Gabelweihe oder Königsweihe genannt (dpa- / Patrick Pleul)Durch Windenergieanlagen gefährdet? - Ein Rotmilan. (dpa- / Patrick Pleul)

Wenn Enoch zu Guttenberg bemerkt, dass es ein Problem der Speicherkapazität des Windstroms gäbe, antwortet Hans-Josef Fell, dass das technologisch mit einem Mix aus erneuerbaren Energien, einer optimierten Nachfrage, mit den Batterien der E-Mobilität und einer Vielfalt unterschiedlicher Speicher schon zu schaffen sei.

Oder: Dunkelflaute. Die herrscht, wenn weder Wind weht noch die Sonne scheint. Wo kommt dann der Strom her? Enoch zu Guttenberg:

"Sie bräuchten, um 20 Tage Dunkelflaute auszugleichen, einen Energiespeicher von der Größe vom Bodensee."

"Der Deutsche Wetterdienst hat jetzt vor Kurzem mal die Dunkelflaute wissenschaftlich richtig untersucht und kommt zum Ergebnis, dass es in der Tat ein paar Stunden in Deutschland mal diese Dunkelflaute [gibt]. Nicht das, was Windkraftgegner häufig sagen, nämlich drei bis vier Woche am Stück."

Auch an der Autobahn sterben viele Vögel

Fell hat gute und viele Argumente. Dass Greifvögel in größerer Zahl als durch Windkraftanlagen zu Schaden kommen: an Autobahnen, wo sie sich dem Sog vorüberrasender Lastwagen nicht entziehend können, oder an Zugtrassen, durch Kollision mit Hochspannungsleitungen. Oder einfach dadurch, dass die großflächige Landwirtschaft mit ihren monotonen Feldern zu wenig Kleintiere leben lässt und damit den Raubvögeln die Lebensgrundlage entzieht. Dagegen gibt kaum Protest der Windkraftgegner. Und anders als die meisten anderen Industrieanlagen können Windräder zwar nicht problemlos, aber doch schnell und vollständig abgebaut werden. Sie verschwinden, wenn man sie nicht mehr braucht.

Zudem: Gibt es überhaupt andere Optionen? Der Windraderbauer Jan Teut:

"Was mich bei einigen Bürgerinitiativen massivst stört, ist dieses: Sie haben keine wirklichen Alternativen. Feste Jungs, macht weiter so, ist nicht die Alternative, über die wir reden, sondern wir müssen uns Gedanken darüber machen wie wir in Zukunft unseren Strom produzieren wollen."

Auch die Bürgerinitiative Vernunftkraft nennt keine auf ihrer Webseite und in ihren Broschüren. Man spürt nur, dass sie weiterhin auf das setzen, was heute aus Klimaschutz- und Sicherheitsgründen die Zukunft eher hinter sich hat: Kohle und Kernkraft. Einfach weiter so.

Vermitteln zwischen Windkraft-Gegnern und -Befürwortern

Zwischen allen Stühlen sitzen die großen Naturschutzverbände wie der Bund Naturschutz Deutschland, BUND, oder der Naturschutzbund Deutschland, Nabu. Und sie fühlen sich dort eigentlich recht wohl. Inga Römer, die Referentin dort für Naturschutz und Energiewende beim Nabu.:

"In der Öffentlichkeit werden wir entweder auch auf die Seite der Windenergiegegner oder der Windenergiebefürworter geworfen."

Aus dem BUND traten sowohl Enoch zu Guttenberg als auch Hans-Josef Fell mit großem Aplomb aus. Der eine, weil sich der BUND zu sehr, der andere, weil er sich zu wenig für Windkraftanlagen und andere Formen von erneuerbaren Energien einsetze. Fells Vorwurf an die BUND-Mitglieder:

"Es gibt viel zu viele, die vor Ort gegen die erneuerbaren Energien angehen. Die alle wissen, dass die Klimaveränderung die größte Bedrohung des Artenschutzes auf der Erde ist. Und die Klimaveränderung – wenn wir bei zwei, drei Grad Celsius sind, dann werden wir 20 bis 30 Prozent der Arten auf der Erde verloren haben, auch der großen Arten. Säugetiere und anderes. Deswegen ist der Klimaschutz die zentrale Aktivität für den Artenschutz auf der Erde. Und dann kann ich nicht die Aktivitäten entfalten, um sie überall vor Ort zu behindern."

Hubert Weiger, der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, dazu:

"Wir haben als BUND zwei Wurzeln: Wir kommen einmal aus dem Widerstand gegen Atomkraft und zum anderen kommt der BUND aus dem sogenannten klassischen Naturschutz, damit aus dem Bereich des Artenschutzes genauso wie auch des Schutzes des Landschaftsbildes."

Und Inga Römer vom Nabu ergänzt:

"Wir versuchen, mit der naturverträglichen Energiewende den Mittelweg zu gehen. Wir wollen nicht, dass der Naturschutz mit dem Klimaschutz, das die gegeneinander ausgespielt werden, sondern wir sind der Überzeugung, dass beides sozusagen gleichgestellt ist und beides sich auch gegenseitig bedingt."

Für Hubert Weiger lässt sich das auch durchsetzen: Zum einen durch eine umfassende Diskussion darüber, welche Bedeutung die Windenergie hat, will man als Gesellschaft aus Kohle und Atom aussteigen, zum anderen durch eine vernünftige, öffentliche, vorausschauende Festlegung. 

Positive Beispiele kennt Hubert Weiger aus Bayern, obwohl ihn ärgert, dass dort aufgrund gesetzlicher Vorgaben der Windkraftausbau nahezu zum Erliegen gekommen ist. Dank guter, öffentlicher Diskussion sei es weitgehend konfliktfrei gelungen, im Landkreis Hof Windkraftanlagen zu errichten. Trotz dreier Naturparks dort.

"Wenn es nach den Investoren gegangen wäre, wären die alle natürlich auf die hohen Lagen des Fichtelgebirges. Aber durch qualifizierte Regionalplanung war das von vornherein Tabugebiet, und dafür hat man andere Standorte festgelegt, wo zwar der Ertrag etwas geringer ist, zehn, 15 Prozent, aber das ist verkraftbar."

Windkraftgegner und -befürworter reden über Klimaschutz, Natur- und Landschaftsschutz und auch über den Verlust gewohnter Landschaftsbilder.

"Damit ist Natur und Landschaft in Deutschland für ewige Zeit und immer kaputt. Dann leben wir einfach wie in der Innenstadt von Ludwigshafen oder so."

Industrieanlagen als romantisches Motiv

Stimmt, was zu Guttenbergs hier so düster zeichnet? Oder ist es nicht so, dass wir immer die Landschaft verändert haben? Hansjörg Küster kennt nicht nur die Lüneburger Heide, er sagt noch einmal, dass Landschaft eine Idee, eine Vorstellung sei, weshalb man ja auch von Mondlandschaften spräche. Und auch was man romantisch, passend oder schön fände, ändere sich.

"Es ist nicht so, dass wir eine Landschaft zerstören, wenn wir Industrie aufbauen. Sondern wir schaffen einfach eine neue Landschaft. Ursprünglich war es so, im 19. Jahrhundert, dass die Maler die Industrie auch mit in ihre Landschaften einbezogen haben. Wenn man bloß mal an Maler denkt wie Adolph von Menzel oder Carl Blechen beispielsweise, aber auch William Turner. Die haben selbstverständlich den Raddampfer auf den Fluss gesetzt, es gibt sogar Maler, die haben schon einmal vorsorglich die Eisenbahn mit in ihre Bilder eingezeichnet, die sie gar nie gesehen haben."

Natürlich verändern Windräder ein Landschaftsbild. Aber das tun andere Infrastrukturprojekte auch: Eisenbahntrassen, Gewerbegebiete und Autobahnen. Die finden viele Betrachter jedoch mitunter sogar ästhetisch, wenn sie auf Brücken weite Täler überspannen oder sich auf Stelzen an Berghängen entlangziehen. Attraktive Ingenieurkunst. 

"Man hat die Autobahnen ebenso gebaut, dass sie auch in Landschaften passten. Man kann das auch als Autofahrer erleben. Man macht die Kurven extra in einer bestimmten Form, und man schmiegt die Autostraße in die Landschaft ein. Man hat da also sehr viel experimentiert. Das ist auch schon in den USA gemacht worden, Anfang des 20. Jahrhunderts, ist dann von den Deutschen übernommen worden, von deutschen Landschaftsarchitekten. Dann hat der Landschaftsanwalt in der Zeit des Dritten Reiches die Autobahnen in die Landschaft eingepasst. Man hat gesagt, man pflanzt direkt die Natur neben die Autobahn, damit das alles völlig akzeptiert wird. Das kann man aber natürlich mit einem Windrad nicht machen."

Denn das ragt hoch in der Landschaft auf, passt sich nicht an, zerstört erst einmal den Blick auf die sogenannte Normallandschaft, deren Veränderung vielfach als Heimatverlust empfunden wird. Aber zugleich unterliegt diese Normallandschaft einem dauernden Wandel, auch über Generationen hinweg.

Windräder im Tourismuskatalog

Und so werden Windräder nicht überall negativ erlebt. Tourismuskataloge von der Nordsee zeigen gern Familien mit Fahrrädern auf dem Deich, hinter dem ein Windrad aufragt. Eine technisch-ästhetische Erfahrung. Hansjörg Küster:

"Niedersachsen hat sehr viele Windräder. Das sind viele Tausend inzwischen. Und sie werden von Kindern, die jetzt an der Nordseeküste aufwachsen, als Bestandteile von Heimat bereits aufgefasst. Die können sich das also gar nicht mehr denken, dass ihre Landschaft keine Windräder hat."

Für den Landschaftsforscher steckt hinter der Ablehnung der Windkraftanlagen ein anderer Grund:

"Ich glaube nicht, dass es an dem Windrad selber liegt, sondern einfach an dem Neuen."

Die bestehenden Konflikte ausloten und versuchen, diese beizulegen – das ist der Job von Bettina Knothe. Sie leitet die Abteilung Konfliktberatung im Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende.

"Das Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende ist auf Drängen der großen Naturschutzverbände entstanden."

Der Grund: Man brauchte eine Institution, die Naturschutz und Energiewende auf unterschiedlichen Ebenen thematisiert. So gibt es hier Studien zu bestimmten Themen der Energiewende. Es ist der Versuch, weitgehend objektive Informationen zur Verfügung zu stellen und Debatten zu ermöglichen. Bettina Knothes Part ist es, bei Auseinandersetzungen die Konflikte zu moderieren - bevor sich in einem Ort langsam aber sicher alle zerstreiten, wie es sich in einer ungenannten Gemeinde abzeichnete.

"An der Stelle war es so, dass der Bürgermeister mit uns Kontakt aufgenommen hat und gesagt hat: Wir sind zerstritten, wir sind zerrissen auf der Ebene der Orts- und Gemeindebeiräte. Ich möchte das gerne klären. Und ich möchte auch, dass wir das mit dem Vorhabenträger klären. Ich möchte das nicht entscheiden, sondern ich möchte, dass wir hier vor Ort mit unserem Gremium zu einer einvernehmlichen Entscheidung kommen. Und so sind wir eingestiegen mit einem ersten moderierten Gespräch vor Ort."

Recht erfolgreich. Es wurde offen diskutiert, dann in Arbeitsgruppen hart und detailliert weiter verhandelt – über Emissionen, Ausgleichsmaßnahmen und die Finanzierung – und schließlich wurden zufriedenstellende Lösungen gefunden. Die dann in Verträge gegossen wurden.

Wie soll unsere Landschaft aussehen?

Aber nicht immer funktioniert das so gut. Denn die Konfliktebenen sind oft unterschiedlich. Konflikte auf "Sachebenen sind relativ schnell zu klären. Beziehungsebenen, also Beziehungskonflikte oder Strukturkonflikte sind schwieriger zu klären."

Denn lehnt jemand beispielsweise die Energiewende komplett ab, ist das kaum durch Moderation zu lösen. Aber im Kern bleibt Bettina Knothe optimistisch. Auch wenn am Ende mit dem Ergebnis der Moderation nicht immer alle hundertprozentig glücklich sind.

"Wichtig ist, dass für alle Beteiligten möglichst viel gewonnen ist. Und möglichst wenig verloren."

Das mag sich trivial anhören, bedeutet aber viel. Und es bedeutet Arbeit, Diskussionen.

"Was wir aber brauchen, ist eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie soll unsere Landschaft aussehen. Und die Menschen müssen sich über ihre Landschaft verständigen. Sie können das ja nicht nur so haben, wie sie das privat gerne haben wollen, man darf auch nicht davon ausgehen, dass so wie ich persönlich Landschaft empfinde, dass es jeder andere auch tut. Sondern man muss sich über seine Landschaft unterhalten. Man muss also genau wissen, was ist da wirklich nun prägend für diese Landschaft, das können Bäume selbstverständlich [vorkommen], es kann auch ein Windrad darin stehen. Man kann sich das alles zusammendenken. Man muss sich über diese Landschaft unterhalten und verständigen."

Die letzten Meter beim Aufstieg im Windrad müssen auf einer schmalen Stahlleiter, eher Sprossen an der Wand hochgeklettert werden. Die Klettergurte werden eingehakt, dann geht es langsam die Sprossen hinauf. Oben eine Stahlluke, die aufgeklappt wird.

Wolken, Wind, feuchte Hände, die Beine sicherheitshalber noch auf der Stiege drinnen, nur der Oberkörper rausgereckt.

Im Süden ist der Berliner Fernsehturm zu sehen. Im Nordosten verläuft die Autobahn 11 Richtung Stettin. Felder, Wald, Felder – dort irgendwo daneben, Wandlitz, Lanke, Ützdorf und der Liepnitzsee.    

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