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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.04.2009

Kleines Buch ganz groß

José Saramago: "Kleine Erinnerungen", Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009, 160 Seiten

José Saramago  (AP)
José Saramago (AP)

In dem schmalen Bändchen "Kleine Erinnerungen" erzählt der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago von seiner Kindheit und Jugend. Das Skizzenbuch ist vor allem eine Liebeserklärung an sein Heimatdorf, an Weggefährten und Verwandte. Dank dieser Porträts ist das kleine Opus ein großes Buch geworden.

Allegorische Texte haben den Portugiesen berühmt gemacht, Lehrstücke, die an Kafka erinnern. In diesen Gleichnissen artikulierte José Saramago, Nobelpreisträger von 1998, sein Unbehagen an unserer Zivilisation. Erinnert sei an "Die Stadt der Blinden" und "Die Stadt der Sehenden". Im Zentrum der Parabeln steht ein "Unfall" im Gefüge des modernen Staates – etwa: keiner geht mehr zur Wahl –, ein Unfall, der den alten Konflikt wieder beschwört: Gesellschaft contra Individuum.

Parallel zu diesen düsteren Utopien wuchs im Lauf der Zeit ein anderes Werk, bestehend aus betont persönlichen Prosatexten. Hier, in Reiseberichten und autobiographischen Erkundungen, zeigt der Autor ein fast naives Weltbild. Das neue Buch gehört zu dieser Gruppe.

"Kleine Erinnerungen", das sind Mosaiksteinchen für ein Selbstporträt. "Klein", weil es ein schmales Opus geworden ist und weil Saramago nur seine frühe Zeit beschreibt – Kindheit und Jugend. Geboren wurde er 1922 im Dörfchen Azinhaga, nordöstlich von Lissabon. Knapp zwei Jahre hat er hier gelebt. Der Vater war Landarbeiter, die Familie arm. Die Not, sagt Saramago, habe sie 1924 in die Hauptstadt getrieben, wo der Vater Polizist wurde. Die Sommer aber verbrachte der Junge weiter auf dem Dorf, bei den Großeltern.

In der Stadt nahm Saramago später einen ungewöhnlichen Weg. Er arbeitete als Schlosser, dann in einem Verlag, wurde Kommunist und nach der "Nelkenrevolution" Vize-Direktor einer Zeitung. Seit 1980 ist er freier Schriftsteller, er wohnt auf Lanzarote. Doch trotz der Entfernung zu Azinhaga – in seinem Werk ist er immer wieder zurückgekehrt, zurück zu den Sorgen der einfachen Leute.

Seit dem frühen Prosastück "Hoffnung im Alentejo" von 1980 zeigt Saramago eine stilistische Eigenheit, die im jüngsten Buch nun besonders deutlich hervortritt: distanzierte Trauer. Das Haus der Großeltern – es ist längst niedergerissen. Die Olivenhaine – abgeholzt. Aber: "Ich weine nicht einer Sache nach, die gar nicht mein Eigen war, versuche nur zu erklären, daß diese Landschaft nicht mehr die meine ist..."

Die großen Romane Saramagos, seine Parabeln, wirken streng durchkomponiert. Und ihre Sprache fällt auf, verdichtet, stark stilisiert, oft sarkastisch. Die "Kleinen Erinnerungen" sind von anderer Art. Scheinbar unsortiert reiht der Autor Episoden aneinander. "Einmal wurde ein Nachbar von uns wahnsinnig", so beginnt eine Szene. Der Meister erzählt im Plauderton, anrührend erzählt er: von frühpubertären Affären und kleinen Abenteuern am Fluss. Wir erfahren auch, wie der Junge, geboren als José de Sousa, zu seinem Namen kam. Saramago, das ist Hederich, eine Wildpflanze, die den Armen als Nahrung diente. Saramago war der Spitzname der Familie im Ort; ein betrunkener Beamter verewigte ihn auf der Geburtsurkunde.

Bedauerlich, aber typisch für die persönlichen Texte des Portugiesen: Geschehnisse der politischen Welt, etwa der Bürgerkrieg im Nachbarland Spanien, dienen nur als Zeitmarke für Anekdoten.

Der schmale Band, heiter und melancholisch, will vor allem eines sein – Liebeserklärung an das Heimatdorf, an Weggefährten und Verwandte. Ein Skizzenbuch. Und dank dieser Porträts ist die kleine Autobiographie ein großes Buch geworden.

Rezensiert von Uwe Stolzmann

José Saramago: Kleine Erinnerungen.
Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009. 160 Seiten, 16,90 Euro.

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