Kleine und große Gehässigkeiten
Quim Monzós auf den ersten Blick banalen Alltagsgeschichten entpuppen sich beim zweiten Hinsehen als feine Beobachtungen existentieller Tragödien. Da gerät das Aufräumen einer Wohnung zu einer destruktiven Lebensabrechnung, die sich bis zur Selbstverstümmelung steigert.
Die Geschichten des Quim Monzó kommen daher wie kleine banale Skizzen, die der Alltag so hergibt. Ein Mann besucht seine Eltern im Seniorenheim, ein anderer heiratet seine Ex-Freundin, nachdem er sie fünf Jahre lang nicht gesehen hat, eine Witwe räumt ihre Wohnung auf und trennt sich von den Sachen ihres verstorbenen Mannes, ein bekannter Schriftsteller wird von einem jungen Debütanten mit einer etwas aggressiven Freundlichkeit bedrängt. Es sind Szenen von großer Beliebigkeit, an denen so gar nichts Erzählenswertes zu sein scheint. Und doch handeln sie von den letzten Dingen, zum Beispiel vom Tod.
Jene Eltern im Seniorenheim konfrontieren ihren Sohn mit ihrem Wunsch, aus dem Leben zu scheiden. Die Ehe mit der Ex-Freundin wird geschlossen, weil der Mann der Meinung ist, sie habe nur noch wenig Zeit zu leben, allerdings tritt der Tod nicht ein. Das Aufräumen der Wohnung gerät in den Sog einer destruktiven Lebensabrechnung, die sich bis zur Selbstverstümmelung steigert. Und die freundlichen Einladungen des jungen Debütanten schlagen, da sie nicht wahrgenommen werden, um in eine vernichtende Kritik.
Mit scharfer Beobachtungsgabe und einer fein justierten Erzähltechnik legt Monzó die existentiellen Tragödien, die Lebens- und Beziehungsgefechte seiner Helden frei. Der Akzent liegt dabei meist auf der zeitlichen Akkumulation dieser Konflikte, nicht so sehr auf dem plötzlichen Ereignis, das dem Geschehen eine Wendung gibt.
Jene Frau, die ihrem Mann Jahr für Jahr Pullover schenkt, die er nicht tragen mag, oder Musik-CDs, die er nie hört, befindet sich in einem lang währenden Zurichtungskampf, von dem sie nicht lassen kann. Das exzessive Wohnungsausräumen der Witwe endet im Versuch, sich selbst aus dem eigenen Leben zu räumen. Und die kurzen Rückblicke des Sohnes auf das Leben seiner selbstmordwilligen Eltern bringen ihn zu dem Schluss, es sei am besten für alle Beteiligten, er würde die Tötung seiner Eltern übernehmen.
Und noch in der kleinsten und unscheinbarsten Episode, in der eine Frau in einem Restaurant unbemerkt ihre vom Tisch gefallene Gabel ihrem Mann unterschiebt, deutet hin auf einen leisen zähen Stellungskrieg, der nicht erst in diesem Moment begonnen hat.
Quim Monzós Kunst besteht nicht zuletzt darin, solche Geschichten nicht in einen depressiven Abgrund fallen zu lassen. Aus all den kleinen und großen Lebenslügen, aus all den kleinen und großen Gehässigkeiten, Nachlässigkeiten und Irrtümern formt er immer wieder Situationen, in denen ein absurder Humor aufscheint. Die alltäglichen Tragödien sind in diesen Geschichten immer auch schrille Komödien, in denen tausend Trottel einander so etwas wie ein Zusammenleben vorspielen.
Besprochen von Gregor Ziolkowski
Quim Monzó: Tausend Trottel
Aus dem Katalanischen von Monika Lübcke
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2009
142 Seiten, 17,90 Euro
Jene Eltern im Seniorenheim konfrontieren ihren Sohn mit ihrem Wunsch, aus dem Leben zu scheiden. Die Ehe mit der Ex-Freundin wird geschlossen, weil der Mann der Meinung ist, sie habe nur noch wenig Zeit zu leben, allerdings tritt der Tod nicht ein. Das Aufräumen der Wohnung gerät in den Sog einer destruktiven Lebensabrechnung, die sich bis zur Selbstverstümmelung steigert. Und die freundlichen Einladungen des jungen Debütanten schlagen, da sie nicht wahrgenommen werden, um in eine vernichtende Kritik.
Mit scharfer Beobachtungsgabe und einer fein justierten Erzähltechnik legt Monzó die existentiellen Tragödien, die Lebens- und Beziehungsgefechte seiner Helden frei. Der Akzent liegt dabei meist auf der zeitlichen Akkumulation dieser Konflikte, nicht so sehr auf dem plötzlichen Ereignis, das dem Geschehen eine Wendung gibt.
Jene Frau, die ihrem Mann Jahr für Jahr Pullover schenkt, die er nicht tragen mag, oder Musik-CDs, die er nie hört, befindet sich in einem lang währenden Zurichtungskampf, von dem sie nicht lassen kann. Das exzessive Wohnungsausräumen der Witwe endet im Versuch, sich selbst aus dem eigenen Leben zu räumen. Und die kurzen Rückblicke des Sohnes auf das Leben seiner selbstmordwilligen Eltern bringen ihn zu dem Schluss, es sei am besten für alle Beteiligten, er würde die Tötung seiner Eltern übernehmen.
Und noch in der kleinsten und unscheinbarsten Episode, in der eine Frau in einem Restaurant unbemerkt ihre vom Tisch gefallene Gabel ihrem Mann unterschiebt, deutet hin auf einen leisen zähen Stellungskrieg, der nicht erst in diesem Moment begonnen hat.
Quim Monzós Kunst besteht nicht zuletzt darin, solche Geschichten nicht in einen depressiven Abgrund fallen zu lassen. Aus all den kleinen und großen Lebenslügen, aus all den kleinen und großen Gehässigkeiten, Nachlässigkeiten und Irrtümern formt er immer wieder Situationen, in denen ein absurder Humor aufscheint. Die alltäglichen Tragödien sind in diesen Geschichten immer auch schrille Komödien, in denen tausend Trottel einander so etwas wie ein Zusammenleben vorspielen.
Besprochen von Gregor Ziolkowski
Quim Monzó: Tausend Trottel
Aus dem Katalanischen von Monika Lübcke
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2009
142 Seiten, 17,90 Euro
