Klassik als Lebensphilosophie

05.01.2010
Don Otto, ein Musikforscher aus Kolumbien, hat einen Plattenladen in Bogotá. Passend zur Tagesstimmung legt er sich ein Stück Klassik auf. Er lauscht - und schon philosophiert und assoziiert er. Der Laden wird zum Refugium eines Denkers in einer lärmenden, gewalttätigen Welt.
Eine Warnung: Dieses Buch narrt den Leser. Gefällig will es wirken, mainstream-tauglich - Kleinformat, heller Leineneinband mit aufgedruckten Noten, ein verspielter Titel, und gleich auf der ersten Seite wird der "vielbeschäftigte Leser" von einem Ich-Erzähler namens Otto begrüßt, in leicht affektiertem Tonfall. Leichte Muse, leichte Kost? Man lasse sich nicht täuschen.

Don Otto - Dr. Otto Roldán, ein passionierter Musikforscher aus Kolumbien – hat einen Plattenladen in Bogotá. Passend zur Tagesstimmung legt er sich ein Stück Klassik auf: von Bach, Bartók oder Beethoven, Tschaikowski oder Prokofjew, von Schumann, Schubert, Richard Strauss. Er lauscht - und schon philosophiert und assoziiert er. Der Leser hört Erbauliches oder Tragisches aus dem Leben des Komponisten. Gelehrtenstube ist der Plattenladen, Refugium eines Denkers in einer lärmenden, gewalttätigen Welt.

Ach ja, Kunden gibt es auch, "schweigsame, harmonische, atonale oder mißtönende Menschen", wie sie die "Partitur des Lebens" bevölkern: Rocker und Rebellen, Choleriker und Melancholiker, Exzentriker und Spießer. Ein Guerillachef schaut vorbei, ein hoher Politiker, ein Pulk Punks; eine Selbstmörderin; ein Mathematiker, der als Partisan einst gegen die Nazis kämpfte; ein Schwulenpaar (jüdisch-arabisch) und ein Paar Girlies in knappen Röcken. Die Kunden suchen - was suchen sie? "Etwas mit klassischer Musik. Aber es soll schön sein." Oder sie benötigen Rat in einer Daseinskrise. Und Don Otto, der Eremit mit feinem Gehör, hört und erfüllt selbst geheime Wünsche.

Rasch wandelt sich das Verkaufsgespräch: zum Schlagabtausch über Existentielles, zu einem Dialog mit Tiefgang, beflügelt von der Musik im Hintergrund. Der Laden wird zur Bühne, Agora, zum epikureischen Garten. Stets aufs Neue überrascht Don Otto (alias Mauricio Botero) den Leser mit Bonmots und Reflexionen zu Politik und Geschichte. Er erinnert an die Vorliebe der Naziführung für Bruckner und an Prokofjews Stalin-Kritik. Er sagt: "Nichts fürchte ich mehr als den Wahn von Leuten, die ihren Argumenten mit einem Stein in der Hand Nachdruck verleihen wollen."

In rund 30 kleinen Szenen – bisweilen sind es Kurz-Essays – porträtiert der Kolumbianer Botero eine Gesellschaft skurriler Charaktere. Jeden Charakter konfrontiert der Verfasser mit der immer gleichen Passion: Klassik. (Und mit "Klassik" meint Botero anderes - Kunst und Bildung, Humanismus.) Das Buch lebt von der taktvollen Weisheit, auch von der Ironie des Protagonisten. Und von der Vorliebe des Verfassers für Kontraste. In der letzten Szene berichtet Feingeist Otto, er habe geträumt, einen Unbekannten erwürgt zu haben. Scheußlich. Den Musiknarren kann nur Beethoven trösten, ein "Tanz entfesselter Kräfte". Der Philosoph Otto hilft sich mit einer Plato-Sentenz: "Der Tugendhafte begnügt sich, von dem zu träumen, was der Böse im Leben verwirklicht."

Mauricio Botero schreibt bildhaft, eingängig; noch das Schwere, Dramatische notiert er mit leichter Hand. Sein Buch hat Charme, Witz und Poesie. In Richtung Verlag möchte man rufen: Bitte mehr von diesem Mann!

Besprochen von Uwe Stolzmann

Mauricio Botero: Don Ottos Klassikkabinett
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Unionsverlag, Zürich 2009
192 Seiten, 12,90 Euro