Klangkunst

Die Tonalität des Raums

Der österreichische Klangkünstler Bernhard Leitner zwischen zwei großen aufgehängten Walzblechen im Fischerhaus in Donaueschingen.
Der österreichische Klangkünstler Bernhard Leitner © dpa / picture alliance / Rolf Haid
Von Paul Paulun · 16.09.2014
Seit 30 Jahren wird der Lichthof der Technischen Universität Berlin mit Klängen bespielt. Das Konzept stammt vom Künstler Bernhard Leitner. Der ist überzeugt: Architektur kann sich durch Klang verändern.
Von außen betrachtet ist das Hauptgebäude der TU Berlin ein merkwürdiger Ort. In den 60er-Jahren wurde ein zehngeschossiger Neubauriegel vor den direkt dahinterliegenden klassizistischen Altbau gesetzt.
Im Innern durchdringen sich die beiden Gebäude. Man trifft auf liebevolle Details wie silbern angesprühte Heizkörper und blau abgesetzte gewölbte Deckenteile im Altbau. Überall hängen fotokopierte Hinweisschilder für Toiletten und es gibt auch viele Treppen.
Ein Treppenabsatz unterscheidet sich von den anderen - er sieht anders aus und von Wänden und Decke kommen Klänge. Die Dauerinstallation heißt "Ton-Raum". Vor 30 Jahren wurde sie dort von Bernhard Leitner im Rahmen eines Kunst-am-Bau-Wettbewerbs realisiert:
"Man kann bestehende architektonische Räume durch eine Überlagerung mit gestalteten tonarchitektonischen Räumen verändern. Das interessante an der Arbeit, die ich mache, ist, dass ich den entscheidenden Parameter der Klangwelt, die Zeit, mit dem entscheidenden Parameter der Architektur, dem Raum, mische. Dadurch entsteht eine neue Sprache und auch eine neue Wahrnehmung."
Eintauchen in eine andere Welt
Beim Betreten des "Ton-Raums" taucht man tatsächlich in eine andere Welt ein - es eröffnet sich ein Ort für Kontemplation. Da der Raum nach drei Seiten offen ist, geht das Leben um einen herum natürlich weiter. Es dringt aber nur noch wie durch einen Schleier zu einem durch.
Das liegt daran, dass die Aufmerksamkeit auf den Bewegungen der Töne im Raum liegt. Die kommen aus 42 unsichtbar angebrachten Lautsprechern und sorgen dafür, dass sich die Erscheinung des Raums permanent ändert. Ohne Absicht klingt das oft sehr sinnlich:
"Ich glaube, dass das Gehirn nicht verführt werden darf, sofort Musik hören zu wollen. Man muss dem Gehirn beibringen, Raum zu hören. Deswegen sind auch die Materialien, die ich verwende, relativ reduziert und haben keinen per se musikalischen Inhalt, also keine Melodie, keinen Rhythmus, schon verschiedene Frequenzen und Klangfarben - aber nicht als musikalischen Inhalt."
Mit Material meint Leitner die Töne, die er auf die Lautsprecher im Raum verteilt. Sie sind einfach gehalten, damit sich das Gehirn auf den Raum konzentrieren kann und fast immer mit einem Mikrofon aufgenommen. Meist stammen sie von klassischen Musikinstrumenten, man kann aber auch verfremdete Naturgeräusche wie Wasser oder Wind hören.
Bernhard Leitner begann seine Ausdrucksform ab den späten 60er-Jahren zu entwickeln. In New York entstand 1969 ein erster, begehbarer Klangwürfel mit 384 Lautsprechern. Und in den 70ern experimentierte er mit Anordnungen von Lautsprechern an selbst gebauten Toren, Schleusen und Röhren. Zu dieser Zeit entwickelte Leitner auch eine Ton-Liege und sogar einen Ton-Anzug, auf dem Lautsprecher befestigt werden können. Die Töne verteilen sich dadurch auf dem Körper, dringen aber auch in ihn ein.
Neutrale Architektur mit schwarzem Naturstein
Für den "Ton-Raum" wählte Leitner eine neutrale Architektur. Die Wände sind von mattsilbernen Blechen mit einer feinen Lochmaske überzogen. Im Verbund mit dem schwarzen Naturstein des Bodens sieht das nicht nur zeitlos und elegant aus, sondern erfüllt auch eine Funktion.
"Beim Entwurf von Tonarchitekturen ist es entscheidend, dass man die Fähigkeit des Hörens versteht und auch herausfordert. Hier habe ich das durch eine Reduktion der Nachhallzeit gemacht. Das heißt, der Raum ist relativ stumpf im Vergleich zu dem halligen Treppenhaus. Und wenn ich von dem halligen Treppenhaus in den stumpfen Raum komme, dann werde ich schon sehr neugierig. Das gleiche habe ich mit Licht gemacht. Ich habe das Licht zurückgenommen, sodass ich in einen etwas verdunkelten Raum gehe. Das steigert unsere Hörneugierde."
Ein Dauerbetrieb, wie er anlässlich des 30-jährigen Bestehens vom Ton-Raum noch bis zum 25. September stattfindet, wirkt der Hörneugierde entgegen. Deswegen wird üblicherweise jede Woche eine andere von Leitners mittlerweile 35 Kompositionen für die Installation gespielt. Und das auch nur zu bestimmten Uhrzeiten, damit keine Gewöhnung an den Ort eintritt.
"Unsere akustische Neugierde wird in der normalen Architektur überhaupt nicht herausgefordert, die schläft ja meistens - und das ist natürlich schade. Das Gehirn ist immer neugierig, und das Gehirn muss diese Neugierde bewahren. Und das tut es, indem man es auf diese Möglichkeiten hinweist. Nicht nur im musikalischen Sinne, dass man an einen Ort geht, an dem Musik aufgeführt wird, sondern in unserem Alltag, dass man mit dieser Akustik gewisse Qualitäten in den Alltag einführen kann."
In einigen Gängen des Hauptgebäudes der TU hat sich die akustische Situation nach der Inbetriebnahme des "Ton-Raums" stark verbessert. Und zwar dort, wo die auch von Leitner verwendeten schallschluckende Lochbleche nachträglich an den Wänden angebracht wurden.
Im Hörsaal, in dem anlässlich des Jubiläums Konstruktionspläne, Notationen und anderes Material zum "Ton-Raum" ausgestellt sind, ist das allerdings nicht der Fall. Hier ist man von der Leere eines Hallraums umgeben. Und Studierende dürften dort nach wie vor einen Großteil ihrer Konzentration lediglich auf das rein akustische Verstehen des Vorgetragenen verwenden.
Es bleibt also noch einiges zu tun an der TU, bis Leitners Anliegen, dass man sich über die Akustik in einem Raum wohlfühlt, erfüllt ist.