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Studio 9 | Beitrag vom 05.03.2020

Kirill Serebrennikovs „Decamerone“Theater nach dem Hausarrest

Von Tom Mustroph

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Ein Mann und eine Frau umarmen sich im Hintergrund, vorne sitzt ein Mann im Bürostuhl mit ausgebreiteten Armen. (Ira Polyarnaya/Deutsches Theater)
Georgiy Kudrenko, Regine Zimmermann und Marcel Kohler bei den Proben zu Kirill Serebrennikovs "Decamerone" am Deutschen Theater. (Ira Polyarnaya/Deutsches Theater)

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow stand 20 Monate lang unter Hausarrest. Künstlerisch blieb er aktiv: In Moskau inszeniert er gerade „Decamerone“ nach Giovanni Boccaccio, eine Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin.

Das "Decamerone" ist ein dickes Buch über die Liebe. Sieben Frauen und drei Männer erzählen sich an zehn Tagen und Nächten insgesamt 100 Geschichten. Sie haben sich im Florenz des 14. Jahrhunderts vor der Pest in Sicherheit gebracht.

"Es ist ein Liebesbuch", sagt Kirill Serebrennikow. "Es ist aber auch voll von Gewalt, von anderen Dimensionen zwischen Mann und Frau. Viel Herzschlag steckt auch drin, viel Blutdruck, Testostern und Adrenalin. Ich liebe diesen vitalen Geist des Buches."

Auf die Idee, das "Decamerone" als Theaterstück umzusetzen, kam Serebrennikow ausgerechnet während seines Hausarrests. Eigentlich hatte er vor, mit berühmten alten deutschen Schauspielern zu arbeiten.

"Sie sollten ihre Geschichten erzählen und junge Schauspieler sollten diese Geschichten spielen. Traurigerweise hatte ich keine Gelegenheit, mit realen Menschen zu arbeiten. Aber ich hatte Boccaccio zu Hause, und so entschied ich mich, es zu Hause zu schreiben und die Geschichten von Boccaccio zu benutzen."

Serebrennikow inszenierte über Video

Das Haus nicht verlassen zu dürfen, erinnert stark an die Rahmenhandlung des "Decamerone", wobei sich die Figuren hier aber freiwillig in Quarantäne begaben. Serebrennikow hingegen wurde im August 2017 von der Polizei verhaftet. Vorwurf: Unterschlagung von Fördergeldern in Höhe von 133 Millionen Rubel, knapp zwei Millionen Euro.

Das Gericht stellte mittlerweile fest: Mit einer Förderung von insgesamt 214 Millionen Rubel erarbeitete das Theater künstlerische Werke im Wert von mehr als 300 Millionen Rubel. Es war also wirtschaftlich erfolgreich. Die Verteidiger bezeichneten gegenüber russischen Medien die Anklage als absurd. Der Prozess läuft noch. Deshalb will sich niemand offiziell äußern.

Während des 20-monatigen Hausarrests blieb Serebrennikow als Künstler aktiv. Er inszenierte mehrere Theaterstücke. Yang Ge ist Schauspielerin des Ensembles: "Wir probten. Und er bekam die Videoaufzeichnungen und die schaute er sich die ganze Nacht an. Am Morgen holte der Assistent die Dokumente, in denen stand, was er gut fand und was nicht. Wir probten wieder, zeichneten erneut auf und schickten es ihm."

Ein Mann mit schwarzer Mütze und schwarzer Brille. (dpa/picture alliance/Vladimir Astapkovich/Sputnik)Darf zur Premiere von "Decamerone" in Berlin am 8. März nicht ausreisen: Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov. (dpa/picture alliance/Vladimir Astapkovich/Sputnik)
Jetzt können Yang Ge und Kirill Serebrennikow in einem Raum proben, zusammen mit den Schauspielerinnen und Schauspielern aus Berlin. Die Probenarbeit allerdings ist komplex. Die russischen Schauspieler sprechen Russisch und die deutschen Deutsch. Eine Live-Dolmetscherin übersetzt. Und nebenbei verständigen sich manche untereinander auch noch auf Englisch. Die Stimmung aber ist ausgesprochen gut.

Aus der Ferne Freunde werden

"Ich bin total beseelt im Moment. Deshalb kann ich nur schwärmen. Für mich ist es so ein Geschenk", sagt Regine Zimmermann, Schauspielerin am Deutschen Theater. Sie ist auch beeindruckt von den handwerklichen Fähigkeiten ihrer russischen Kollegen:

"Was ich mir auf jeden Fall von den russischen Schauspielern abgucken werde: Die können erst einmal sehr viel mit ihrem Körper und ihrer Stimme. Und die machen einfach. Die hinterfragen und zweifeln erst mal weniger als wir Deutschen, und das ist manchmal ganz angenehm, weil man nicht so viel redet, sondern ins Machen kommt."

Auf den Proben sind auch ältere Laienschauspielerinnen. Sie erzählen von ihren Liebesabenteuern. Das blieb von der ursprünglichen Projektidee übrig. Die Frauen sind nur bei den Moskauer Aufführungen dabei. In Berlin wird es andere Laienschauspielerinnen geben. Ihnen schicken sie einen Gruß. Swetlana Danilowa:

"Wir wünschen ihnen viel Glück, dass sie auch so aktiv proben können wie wir, und dass sie gesund bleiben. Wir haben Fotos von ihnen gesehen, und ich denke, ihnen wurden auch Fotos von uns gezeigt. Vielleicht können wir aus der Ferne Freunde werden."

"Decamerone" ist ein Stück über die Kraft der Liebe und auch heute noch aktuell. Und: Die Inszenierung ist ein Beispiel für die verbindende Kraft des Theaters – über Ländergrenzen hinweg.

Am 8. März hat "Decamerone" Premiere am Deutschen Theater in Berlin. Fünf Tage später folgt als Gastspiel an der Schaubühne Serebrennikovs Stück "Outside".

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