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Religionen | Beitrag vom 31.05.2020

Kirchliche ForstarbeitDer Kirche sterben die Bäume weg

Von Blanka Weber

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Gottesdienst an der kleinen Kapelle auf dem Eulenberg unter freiem Himmel. (imago/ Manngold)
Die Lourdeskapelle auf dem Eulenberg in Zülpich-Sinzenich liegt noch im Grünen. (imago/ Manngold)

Der Wald in Deutschland ist krank – und das betrifft auch die Kirchen. Denn Bistümer, Landeskirchen und Gemeinden sind selbst Waldbesitzerinnen. Und Waldgottesdienste sind eine beliebte Form, Menschen mit der Natur zusammenzubringen.

Hans Fiedler ist Revierleiter im Forstamt Bad Berka, im Revier Nauendorf:

"Wir laufen jetzt im Revier in eine Ecke, wo Kleinstprivatwald ist. Das ist vom Standort her alles Muschelkalk, junge und flache Böden, die vom Nährstoffgehalt gut sind. Das Problem ist, es sind relativ junge Böden, ein poröses Grundgestein, so dass es schlecht wasserversorgte Böden sind. Und wir sind hier in einer Region, wo wir in guten Jahren zwischen 500-550 ml Niederschlag haben. In den letzten Jahren ist es deutlich trockener geworden."

Zeit seines Lebens war Fiedler im Wald unterwegs. Was er jetzt erlebt, ist neu und alles andere als schön: 

"Ich habe immer gesagt, ich würde mir einen irischen Sommer wünschen für dieses Jahr. Selbst wenn wir den hätten, würden wir damit die Käfer-Population, so wie sie jetzt ist, auch nicht einfangen können."

Viele Baumarten sind gefährdet

Der Borkenkäfer ist in diesem Jahr in der dritten oder gar vierten Generation am Start, und sein Flug hat gerade erst begonnen. Hans Fiedler bleibt vor einer Reihe abgestorbener, dürrer, grauer Bäume stehen: 

"Es ist noch ein bisschen schlimmer, es sind mehr Baumarten. Die Fichte fällt uns als Nadelbaum aus – durch den Borkenkäfer. Die Lärche fällt uns aus. Da gibt es ganz aggressive Borkenkäfer. Die Tanne – da wird’s hier in der Region auch schwierig aufgrund der Trockenheit. Bei der Esche als Laubbaum gibts das Eschentriebsterben. Wir haben im Bergahorn ganz massive Probleme mit der Rußrinden-Krankheit - das ist ein verrückter Pilz, der mag es warm und trocken, also relativ widersinnig. Der wird uns im Verlauf des Klimawandels auch mehr beschäftigen."

Kahle Wälder, klamme Kassen

"Menschen, Kirche, Wald - für mich Beruf, Berufung, das war also mein Traum und Wunsch bis heute", sagt Susann Biehl. Sie ist Oberforsträtin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Schon als Kind wollte sie Försterin werden und hat den Beruf als Facharbeiterin von der Pike auf gelernt und später studiert. 

Heute ist sie für 13.000 Hektar Wald im Besitz von etwa 1.000 Gemeinden und der Landeskirche zuständig. 

"Also wir denken ja wirklich im Zeitraum über 100, 150 Jahre", erklärt Biehl. "Wenn wir eine Eiche pflanzen, rechnen wir damit, dass die mal in 160 Jahren geerntet wird und wir hatten gedacht, wenn wir nach und nach auf den Flächen, wo wir Störungen haben, dass wir innerhalb der nächsten Waldgeneration diesen Waldumbau schaffen. Wir sind selber total überrascht."

Das bedeutet: Einnahmen brechen weg. Stattdessen stehen Ausgaben an - für Neupflanzungen, Schutzzäune und allerhand Pflege, um junge Bäume groß zu ziehen. Biehl erklärt:

"Also wir rechnen, dass ein Hektar Aufforstung mit der Pflege und mit dem Einzelschutz in den ersten fünf bis zehn Jahren um die 8.000 bis 10.000 Euro kostet. Und wir rechnen auch damit, dass etwa fünf Prozent unserer Waldflächen jetzt dauerhaft kahl sind. Das wären also 650 Hektar, die wir rechnen, in zehn Jahren aufzuforsten."

Eine lächelnde Frau mit Brille und blauem Blazer vor bewaldetem Hintergrund. (privat)Susann Biehl ist leidenschaftliche Försterin - und sorgt sich um die Zukunft des Waldes. (privat)

Wenn Susann Biehl durch die kirchlichen Wälder streift, so tut sie das mit gemischten Gefühlen. Einerseits freut sie sich, dass jetzt so langsam wieder Waldgottesdienste gefeiert werden können, andererseits bedrücken sie die ökonomische Last und die ökologischen Sorgen: 

"Die größten Herausforderungen sind für mich - eir haben eine große Palette an Waldeigentümern -, dass sie in Lage sind, die Waldfunktionen zu erhalten. Dass sie nicht aufgeben, sondern wieder daran arbeiten, dass Wald überhaupt Wald bleibt. Ein Drittel Deutschlands ist Wald und ein großer Anteil davon ist Privatwald, sehr viel auch Kommunal- und Staatswald - und ich denke, wir werden noch ganz andere Themen haben, die Wasserkapazität, die Wasserqualität, dass die gesichert sind - als wichtige Lebensfunktion für uns."

Waldgottesdienste verbinden Mensch und Natur

Auch Tobias Krüger macht sich Sorgen. Er ist Pfarrer der Petrigemeinde im thüringischen Mühlhausen. Jahrelang hat er in Tansania gelebt und gearbeitet, wo Wald und Trockenheit ein Dauerthema waren. Wie sieht er den Zustand des Waldes hierzulande? 

"Wenn man durch den Wald geht und die Schäden sieht, da ist schon eine Sensibilität da. Und unsere Kirche – die Petrikirche – wir gucken auch, was wir tun können für die Insekten und was wir tun können, dass wir mitten in der Stadt ein bisschen Natur haben."

Erst kürzlich lud er zu einem Gartengottesdienst ein – wenn auch anders in diesen Zeiten des Abstandes. Ende Juni soll es endlich wieder einen Waldgottesdienst geben, denn – so Pfarrer Krüger: 

"Hier erleben wir uns anders als hinter den Mauern der Kirchen, hinter den Steinen, als Teil des Ganzen. Und da kann man auch das Menschsein ein bisschen einordnen. Dass wir zwar die Krone der Schöpfung, aber ein Teil davon sind und durch unser Verhalten, unsere Art zu leben, auch an der Zerstörung unserer eigenen Lebenswirklichkeit teilhaben."

Bewusstsein für Wald als Gemeinwohl

Geht es nach den Wissenschaftlern, so müssen jetzt dringend die Konsequenzen gezogen werden.  

"Es gibt sehr viele gute Ansätze. Wir wissen zum Teil, was man machen kann und sollte. Aber das in die Praxis zu bringen, ist trotzdem keine triviale Aufgabe", sagt Andreas Marx vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Auch die Ansiedelung von Eichensorten von der französischen Atlantikküste, wie derzeit diskutiert, ist für ihn keine Lösung: 

"Wir haben Fröste – Spätfröste in Deutschland – die werden wir auch in Zukunft haben. Letztlich brauchen wir Baumarten, die im Sommer mit trockenen und sehr heißen Situation zurechtkommen, gleichzeitig aber auch winterhart sind und das ist die spezielle Herausforderung."

Ob das, was heute in den Wäldern als neuer Baumbestand getestet wird, gut oder schlecht ist – das weiß man frühestens in zehn bis 15 Jahren. Susann Biehl, von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, wünscht sich mehr Bewusstsein in der Gesellschaft. Denn schließlich sei der Wald zum Gemeinwohl aller da. Doch ihn zu erhalten, sei gerade jetzt eine teure Aufgabe.

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