Kirche und soziale Medien

Onlinebeichte und Sündenstolz

04:40 Minuten
Blick auf einen aufwendig verzierten Beichtstuhl in der katholischen Kirche Notre-Dame de Montréal in Kanada
Sünden werden heutzutage nicht nur im Beichtstuhl gestanden: Online wird daraus ein performativer Akt der Erlösung, meint Roberto Simanowski. © Unsplash / Annie Spratt
Beobachtungen von Roberto Simanowski · 27.05.2022
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Kirche und Internet stehen in einem ambivalenten Verhältnis. Das zeigt sich auf frappierende Weise, wenn die zutiefst katholische Praxis der Beichte plötzlich online und öffentlich passiert, meint der Medienphilosoph Roberto Simanowski.
Die Botschaft Benedikt XVI. zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel 2012 trägt den Titel „Stille und Wort“. Beides, so die Klage, komme im Internet zu kurz. Das Wort Gottes wird in der Kontemplation geboren, die aber sei im kreischenden Kommunikationskarussell der Online-Welt kaum zu finden.
Diese Einsicht hinderte den Papst allerdings nicht daran, noch im gleichen Jahr sich einen Twitteraccount einzurichten. Kann man das Wort Gottes in 140 Zeichen pressen? Eine christliche Sentenz passt immer rein.
Aber schon der Vergleich der Follower-Zahlen – der Papst kommt auf 50 Millionen, Justin Bieber hat 114 – zeigt: Das Internet ist kein vorrangig religiöses Medium.

Das Internet – ein Werk des Teufels

Im Gegenteil, in vielerlei Hinsicht ist es ein Werk des Teufels. Und zwar nicht nur, weil es eine kriminelle und pornografische Seite hat. Das Internet verhöhnt auch die Kirche: Wenn es die päpstlichen Tweets respektlos kommentiert oder sich ein sakrales Ritual wie die Beichte aneignet.
„Beichten und die Sünden anderer lesen“ – so wirbt das 2004 gegründete Online-Portal Beichthaus.com und verspricht damit eine Unterhaltung, die bisher dem Beichtvater vorbehalten war.
Und in der Tat: Es gibt viel mehr Nutzer:innen als Beichten auf dem Portal. Aber es wird nicht nur der Voyeurismus demokratisiert. Auch die Vergebung geht nun vom Publikum aus, das im schlimmsten Falle noch sündiger ist als die Beichtenden selbst.

Wenn Vergehen transparent werden

Die Öffentlichkeit der Beichte und die Demokratisierung der Bewertung ändern zugleich, was als normal und demzufolge als Norm angesehen wird. Je mehr Menschen zum Beispiel einen Ehebruch beichten, umso mehr mutiert dieser aus einer sündigen Tat zu einer sozialen Praxis.
Die Transparenz des Vergehens ändert dessen Status, wenn es die Mehrzahl auf seiner Seite hat. Man nennt es auch „die normative Kraft des Faktischen“.
So wird die Beichte zum performativen Akt der Erlösung: Nicht weil sie als Bekenntnis einer Schuld schon Sühne ist, sondern weil sie als Update der Statistik den Grund der Sühne tilgt. Damit nicht genug. Die Sünden, die online gestanden werden, erfahren etwas, was in der klassischen Beichte undenkbar wäre: Applaus und Neid.

Jede Menge Zuspruch und Likes

Es ist nicht auszuschließen, dass auch Priester neidisch auf die Sünden ihrer Beichtkinder sind. Das wird jedoch nicht dazu führen, dass sie den Ehebruch, statt ihn zu verdammen, klein- oder gar schönreden, wie es oft der Fall ist in den sozialen Medien.
Dort erhalten die gebeichteten Sünden – ob sexuelle Abenteuer oder Eiscreamvöllerei – jede Menge an Zuspruch und Likes, weswegen viele einen Seitensprung oder Gruppensex beichten, der gar nicht stattgefunden hat.
Die Logik der Beichtportale folgt den Gesetzen des Internets: Man begehrt den Blick der anderen und tut fast alles dafür, von möglichst vielen beobachtet zu werden. Das Verlangen, geliked zu sein, scheut dann selbst davor nicht zurück, sich eine Sünde anzudichten.
Wird auf diese Weise der gebeichtete Ehebruch, der den Ehebruch als moralische Verfehlung relativiert, zur bloßen Fantasie, entpuppt sich die normative Kraft des Faktischen als eine der Fiktion.
Die Beichte kommt so am Gegenteil ihrer ursprünglichen Funktion an. Sie geht nicht von einer Einsicht aus, die zu Reue und Buße führt. Vielmehr resultiert sie aus dem Verlangen, mit einem Vergehen Aufmerksamkeit zu generieren. Es ist die Wollust des Blicks, den man exhibitionistisch generiert. Eine Wollust, die für ihre Zwecke sogar zur Lüge greift. Eine Wollust von teuflischer Gestalt.

Das Beichten wird zur Sünde

Denn wie fiktional oder übertrieben auch das gebeichtete Vergehen sein mag, es verändert das Moralverständnis der Gesellschaft zu seinen Gunsten. Im Internet dient die Beichte nicht länger der Kontrolle geltender Normen, sondern stellt diese infrage. Die Beichte wird selbst zur Sünde.
So wird es wenig überraschen, wenn zu einem künftigen Welttag der sozialen Kommunikationsmittel der Papst nicht mehr dazu ermuntert, die Frohe Botschaft im Internet zu verbreiten, sondern vor der dunklen Botschaft des Internets warnt.
Denn bei aller Technophilie des Vatikans: Wenn die Kirche ins Netz geht, denkt man weniger an Petrus, den Fischer, der im Cyberspace neue Anhänger rekrutiert als an das bedauerliche Insekt.

Roberto Simanowski ist Kultur- und Medienwissenschaftler und lebt nach Professuren an der Brown University in Providence, der Universität Basel und der City University of Hong Kong als Medienberater und Buchautor in Berlin und Rio de Janeiro. Zu seinen Veröffentlichungen zum Digitalisierungsprozess gehören „Facebook-Gesellschaft“ (Matthes & Seitz 2016) und „The Death Algorithm and Other Digital Dilemmas“ (MIT Press 2018).

Roberto Simanowski
© privat
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