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Religionen / Archiv | Beitrag vom 16.12.2018

Kirche für alle im Guthrie Center"Bring your own God"

Von Klaus Martin Höfer

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Ein Schild auf dem "Guthrie Center" steht vor blauem Himmel (Klaus Martin Höfer)
Hier finden interreligiöse Andachten statt: Das Guthrie Center (Klaus Martin Höfer)

Der Hippie-Kultfilm "Alice's Restaurant" von 1969 spielt zu großen Teilen in einer ehemaligen Kirche. 12 Jahre später kaufte der Hauptdarsteller und Musiker Arlo Guthrie das Gebäude. Heute finden dort interreligiöse Andachten statt.

Neben der Kirche, direkt an der Straße, steht ein roter VW-Bus – ein Hinweis auf die Geschichte von "Alice's Restaurant". Mit einem roten VW-Bus, allerdings einem älteren Modell, hatten Arlo Guthrie und seine Freunde die illegale Müllentsorgung erledigt, die im Zentrum des Liedes und des Films "Alice's Restaurant" steht.

In einem der hohen Kirchenfenster findet sich ein weiterer Verweis auf die Geschichte, eine Huldigung an Arlos Vater Woody, die Folk-Legende: Ein Bild von Woody Guthrie mit seiner Gitarre, auf der der Spruch steht: "This machine kills fascists" – Dieser Apparat tötet Faschisten.

An diesem Sonntagmorgen sind in der Kirche bereits etliche freiwillige Helfer aktiv. Im Eingangsbereich wird Kaffee ausgeschenkt und selbstgebackener Kuchen angeboten. Die Wände sind voll mit Fotos der Guthrie-Familie. George Laye ist der Manager und künstlerische Leiter des Guthrie Centers.

Laye: "Das sind Erinnerungsstücke. Als Arlo bekanntgab, er wolle die Kirche kaufen und um Hilfe bat, schickten Freunde und Fans ihm Geld, einige fünf Dollar, andere 5000 Dollar, was sie halt übrig hatten. Und das sind Bilder dieser Menschen. Auf den anderen sieht man Arlo und seine Kinder, Arlo und seine verstorbene Frau Jackie. Und dann natürlich hier drüben Woody mit seiner Frau Marjorie und Arlo als Teenager."

Offen für viele Glaubensformen

Joni Carron leitet den "interfaith service". Jeden ersten Sonntag im Monat bietet sie eine Andacht an mit dem Motto "Bring your own God" – bringe deinen eigenen Gott mit, oder auch gar keinen.

Carron: "Nehmt euch einen Kaffee. Ihr könnt ruhig während der Andacht essen. Das bringt uns dieses heimelige, nun, Guthrie Center Cabaret-Gefühl."

Ein gutes Dutzend Besucher sind es an diesem Sonntagmorgen. Bill zum Beispiel kommt mit seinen zwei Töchtern aus dem Nachbarstaat Connecticut, etwa eineinhalb Fahrstunden entfernt. Er selbst ist katholisch erzogen worden, seine Frau und seine Töchter besuchen die protestantische United Church of Christ.

Bill: "Ich sehe dies hier nicht als Konkurrenz. Es ist eine Ergänzung, hier kann man spirituelle Erfahrungen auf verschiedene Arten machen. Sie laden hier Gast-Prediger mit unterschiedlichem Glauben ein. Wir hatten sogar mal einen, man nennt das wohl einen Medizinmann, in der Tradition der amerikanischen Ureinwohner. Er vollzog eine Wasserzeremonie. Hier kann man sehen, dass Spiritualität vieles umfassen kann, ohne dass man darüber in Streit geraten muss."

Gegen den Alltagsstress

Steve spielt heute die Gitarre, wie so oft. Joni wird in ihrer Andacht über Gelassenheit und Zeitmanagement reden, über den Stress des Alltags.
 
Carron: "Guten Morgen allerseits. Ich bin Reverend Joni Carron. Ich möchte Euch willkommen heißen zu unserer Sonntagsandacht hier im Guthrie Center. Wir sind eine interreligiöse Gemeinschaft, die die Lehren aller spirituellen Pfade umfasst, die uns zu einem mitfühlenden, handelnden Leben führen. Wir bezeichnen uns liebevoll als die 'Bring deinen eigenen Gott'-Kirche. Also: Herzlich willkommen!"

In ihrer Predigt spricht Joni vom Zeitdruck, über den eng durchgetakteten Alltag und wie er wenig Raum für Abweichungen und Ungewöhnliches lässt.

Wann hast du zum letzten Mal ohne Voranmeldung einen Freund besucht, fragt sie. Wie würdest du dich verhalten, wenn bei dir einfach jemand vorbekäme? Wann bist du zum letzten Mal ohne konkretes Ziel spazieren gegangen?

Umarme den Nachbarn

Und wann hast du zum letzten Mal gepfiffen, einfach so, fragt Joni. Zum Schluss der Andacht fordert sie alle auf, den Nachbarn zu begrüßen, zu umarmen. Den Besuchern gefällt das, was Joni erzählt, wie sie die Andacht gestaltet. Rita zum Beispiel:

"Es ist so unterschiedlich zu dem, was ich sonst mache. Ich war heute schon in der Frühmesse, und dies hier ist ganz anders. Es ergänzt sich einfach, die Frühmesse und dies hier."

David aus Boston stammt aus einer jüdischen Familie. Er war zu Besuch im Nachbarort und neugierig:

"Ich habe meinen eigenen Glauben. Ich bin jüdisch erzogen worden, praktiziere aber unterschiedliche spirituelle Ansätze, wobei der Schwerpunkt auf Meditation liegt."

Gezähmte Melancholie

Zum Abschluss der Andacht spielt Steve noch einmal Gitarre. "Will the Circle be Unbroken" ist ein Klassiker der Folk- und Country-Musik. Den Text hat Joni ein wenig positiver gestaltet, denn eigentlich geht es um ein Begräbnis.

Joni Carron: "Das Original ist doch sehr morbide. Ich wollte es ein bisschen weniger trostlos machen."

Kleine Hilfestellungen fürs tägliche Leben. Nachdenken, Innehalten – dazu will Joni die Teilnehmer ihrer "Bring your own God"-Andachten anleiten. Das passt zu den anderen Aktivitäten im Guthrie Center. Manager George Laye:

"Unser Leitspruch ist aufpassen und kümmern. Und das funktioniert tatsächlich. Wir passen auf uns auf, damit wir uns um andere kümmern können."

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