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Vollbild | Beitrag vom 09.01.2021

Kinokolumne Top FiveDie Verbeugung des Kinos vor dem Kino

Von Hartwig Tegeler

Ein Mann fährt ein Taxi in New York. (picture alliance/dpa/United Archives/kpa Publicity)
"Na ja, ich schlafe schlecht, da kenne ich aber härtere Filme": Robert De Niro 1976 in „Taxi Driver“. (picture alliance/dpa/United Archives/kpa Publicity)

Wenn man etwas nicht hat, kann das Begehren heftig werden. Kino ist in der Pandemie für viele ein Sehnsuchtsort geworden. Deshalb schauen wir auf Filme wie „Taxi Driver“ und „Inglourious Basterds“, die das Kino selbst in Bilder gefasst haben.

Platz 5 – "The Purple Rose of Cairo" von Woody Allen (1985)

Kino als Eskapismus in seiner reinsten Form. New Jersey während der großen Depression: Die Geschichten auf der Leinwand bilden für Cecilia – Mia Farrow – den Fluchtpunkt in ihrem tristen Leben als Ehefrau und Kellnerin. Dann tritt eines Tages der Hauptdarsteller ihres Lieblingsfilms aus der Leinwand heraus – Kino kann alles! –, und direkt auf sie zu.

Die große Liebe beginnt; tritt hinein in die Realität. Der Traum scheint wahr zu werden. Solange aber nur, bis sich alles als Lug und Trug herausstellt und Cecilia allein, ohne Mann, ohne Job und ohne Wohnung zurückbleibt … und wieder in den dunklen Kinoraum flüchtet. Der träumende und gleichzeitig traurige Ausdruck in Cecilias Blick, er ist allerdings geblieben.

Platz 4 – "Taxi Driver" von Martin Scorsese (1976)

Travis will der Einsamkeit im Schmelztiegel New York entfliehen. Er ist Vietnam-Veteran, Taxifahrer, der nicht schlafen kann. Als Robert de Niro – Travis – die Wahlkampfhelferin – Cybill Shepherd – zum ersten Mal ausführt, geht er mit ihr in ein großes Pornokino.

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Sie sitzt vor der Leinwand, ist immer mehr angewidert, kann nicht fassen, was sie sieht, während Travis ihre Reaktion nicht versteht: "Das tut mir leid, ich kenn' mich bei Filmen nicht so aus. – Sie kennen nur solche Filme, was? – Na ja, ich schlafe schlecht, da kenne ich aber härtere Filme." Das Spiel von Licht und Schatten, im magischen Raum auf der Leinwand, enthüllt in dieser Szene die Seite, die das Kino auch immer hat: die rohe und verschlingende, die schmutzige und dämonische. Mithin: Abgründe stehen zur Öffnung immer bereit.

Platz 3 – "Roma" von Alfonso Cuarón (2018)

Cleo, das Kindermädchen der reichen Familie, mit ihrem Liebhaber ganz in der hinteren Reihe in einem riesigen Kino in Mexiko-Stadt. Doch während auf der Leinwand die Komiker Louis de Funès, Bourvil und Terry-Thomas in der Komödie "Die große Sause" die Nazis im besetzten Frankreich an der Nase herumführen, gibt es für die junge Frau keinen Raum für Freude oder Magie.

Cleo ist schwanger; als sie das dem Erzeuger neben ihr im Kinosessel mitteilt, ist der schnell auf der Toilette und schließlich ganz auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Ein Bild für Cleos Leben, ihre Realität, das zum brüllend-komischen Kino-Abspann der "großen Sause" wie ein bitterböser, ja, zynischer Kontrapunkt wirkt.

Platz 2 – "Inglourious Basterds" von Quentin Tarantino (2009)

Oder vielleicht einfach die Realität umschreiben. Die Nazigrößen Hitler, Goebbels und Konsorten im Kino im besetzten Paris. Feixend, grinsend, wenn der deutsche Landser im Film, der hier Premiere feiert, alliierte Soldaten einen nach dem anderen abknallt. Plötzlich ein harter Schnitt, und auf der riesigen Leinwand erscheint das Gesicht von Mélanie Laurent als Jüdin Shoshanna mit ihrer Verkündung, alle im Saal zu töten.

Das Kino als mächtiges Werkzeug, mit dem dem Nazispuk actionreich in einem Lichtspielhaus in Paris ein Ende bereitet wird. Das Beharren darauf, dass der Film ein magisches Instrument ist, und wir nur dasitzen müssen, im Kinoraum, vor der Leinwand, um eine andere Realität zu erleben … und zu beschwören.

Platz 1 – "Die Geschichte der Nana S." von Jean-Luc Godard (1962)

Nana, Gelegenheitsprostituierte, will nicht mit ihrem Freund / Zuhälter essen gehen. Möchte lieber ins Kino. Es läuft Carl Theodor Dreyers "Die Passion der Jungfrau von Orléans" von 1928.

Anna Karina im fast leeren Kinoraum. Großaufnahme. Im Gegenschnitt auf der Leinwand die Großaufnahme von Maria Falconetti, Dreyers Jeanne d´Arc. Ihre Verstörung angesichts der drohenden Hinrichtung. Tränen.

Wieder Gegenschnitt. Die Tränen von Nana, die von Anna Karina, werden zu denen von Jeanne. "Vivre sa vie" heißt Godards Film im Original – "Lebe dein Leben!". Also schließlich – vielleicht ging es immer darum – die Auflösung in der vollkommenen Verschmelzung mit der Leinwand in diesem dunklen Raum.

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