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Vollbild | Beitrag vom 03.08.2019

Kinokolumne Top FiveDie besten Filme: Das Lob der Provinz

Von Hartwig Tegeler

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Anthony Quinn in einer Filmszene aus dem griechischen Spielfilm Alexis Zorbas aka. Zorba the Greek von 1964. Regie führte Michael Cacoyannis.  (imago images / United Archives)
Wo du bist, egal, ob in der Metropole oder der Provinz, tanzen kannst du, tanzen musst du an jedem Ort, an dem du bist. (imago images / United Archives)

Spießig, verkrustet und muffig. Oder sorgend, herzerwärmend und liebevoll. Die Provinz zeigt sich für den einen von der ganz harten Seite, für den anderen ist es der Hort der Liebe. Und genau diese Vielfalt repräsentieren unsere Filme über die Provinz.

Platz 5: "The Last Stand" von Kim Jee-woon (2013)

Diese Stadt scheint unfassbar spießig, miefig, tumb, provinziell. Da ruft die Diner-Frau frühmorgens beim Sheriff an, weil die Milch noch nicht geliefert wurde. Aber in jedem Fall hätte der mexikanische Kartellboss, der mit dem Auto unbedingt durch Sommerton, Arizona, nach Mexiko fliehen will, doch ein wenig mehr die Kinogeschichte studieren sollen. Howard Hawks "El Dorado" und "Rio Bravo" zum Beispiel. Dann wüsste er, das diese Kategorisierung  "Blöder Provinz-Sheriff!" nach hinten losgeht. Denn in der Situation äußerer Bedrohung entwickeln die Kleinstädter eine extreme Kraft. Kurzum, dem Gangster nützen all seine Killer nichts gegen die glorreichen Sechs aus der Kleinstadt. Der siebte, der junge Hilfssheriff, hingegen stirbt. Wen wundert´s, wenn er gegenüber Sheriff Ray alias Arnold Schwarzenegger seinen Wunsch zum Ausdruck bringt, dass er hier weg will. Abhauen? Nein, nein, da kennt der Provinzfilm keine Gnade.

Platz 4: "Schiffsmeldungen" von Lasse Hallström (2001)

Ein vom Leben, seiner Ehe, von allem sozusagen tief enttäuschter Mann – Kevin Spacey – fährt zurück nach Neufundland, dahin, wo seine Familie herstammt. Und nach dem großen Sturm am Ende, wenn das von Drahtseilen auf den Klippen gehaltene jahrhundertealte Familienhaus versunken ist, kann das Neue beginnen. Im Brennglas des einsamen Dorfes hat Quolye alle Leiden, die ihm das Schicksal für ihn bereit hielt, durchschritten, transzendiert, er hat sich mit seiner Tochter versöhnt, die Witwe und Kindergärtnerin aus dem Dorf – Julianne Moore – liebt ihn. Metamorphose eines Lebens durch die Kraft der Einöde. Landflucht? Auch!

Platz 3: "Local Hero" von Bill Forsyth (1983)

Auch hier funktioniert die Therapie. Macintyre auf Einkaufstour für den texanischen Ölkonzern in der tiefsten schottischen Provinz. Für eine Raffinerie will er den ganzen Ort kaufen. Aber natürlich kommt es anders. Am Ende der Gehirnwäsche oder besser: Nachdem Macintyre durch die Dörfler und das Nordlicht ein anderer worden ist, muss er zurück nach Texas. Unglücklich ist er nun, er sehnt sich zurück nach dem einfachen, authentischen Leben der Provinz.

Platz 2: "Sommer in Orange" von Marcus H. Rosenmüller (2011)

Als Amrita, die Baghwan-Jüngerin Sex mit dem Postboten aus dem Dorf hat, sind die anderen Sannyasins empört. Erstaunlicherweise ist der therapeutische Effekt für die Kommune aus Berlin, die es mit ihrem Therapiezentrum in die oberbayerische Provinz verschlägt, und die "Eingeborenen" durchaus spiegelbildlich. Während Letztere am Anfang erstaunt bis empört auf die freizügigen, nackt tanzenden und schnaufend, brüllend dynamische Meditation betreibenden Leute in ihrer orangefarbenen Kluft reagieren, sind die Dörfler für die Baghwan-Anhänger genauso Exoten. Dass jedoch Spießigkeit auf beiden Seiten herrscht und Lebensfreude und Kommunikation erstarren lässt – egal, ob in der dörflich-provinziellen Enge oder in der einer spirituellen Kommune – ist eine schöne Differenzierung des kinoüblichen Lobes auf die Provinz. Am Ende versteht man sich deutlich besser.

Platz 1: "Alexis Sorbas" von Michael Cacoyannis (1964)

Der Sirtaki am Ende in diesem Klassiker, dieser Tanz, an diesem Strand, ist Verdichtung von Lebensenergie. Alexis Sorbas – Anthony Quinn -, der ehemalige Soldat und Bergmann, und Basil wollten das Bergwerk in dem abgelegenen Dorf in Kreta wieder in Betrieb nehmen. Sich hier, in die Provinz, die Einöde, zurückzuziehen, das hat nichts mit Idylle zu tun. Die Witwe Sumelina gar wird ermordet, weil sie angeblich für den Selbstmord des Sohns des Bürgermeister verantwortlich ist. Eher also ein Bild über den Albtraum der Provinz? Diese Frage löst sich am Ende auf, wenn Basil seinen Freund Alexis bittet, ihm den Tanz beizubringen und dem grausamen Schicksal tanzend ins Auge zu schauen. Wo du bist, egal, ob in der Metropole oder der Provinz, tanzen kannst du, tanzen musst du an jedem Ort, an dem du bist.

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