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Vollbild | Beitrag vom 26.10.2019

Kinofilm "Zwingli: Der Reformator"Weder Verklärung, noch Abrechnung

Stefan Haupt im Gespräch mit Susanne Burg

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Historische Kulisse (W-film / C-Films)
"Zwingli: Der Reformator" wurde an Originalschauplätzen in der Schweiz gedreht. (W-film / C-Films)

Vor 500 Jahren begann Ulrich Zwingli seine Reformation der Kirche. Zum Jubiläum erscheint ein Kinofilm, der von den letzten zwölf Jahren im Leben des Priesters erzählt. Regisseur Stefan Haupt erklärt, wie authentisch seine Inszenierung ist.

Susanne Burg: Pünktlich zum Reformationstag kommt am Donnerstag "Zwingli – der Reformator" in unsere Kinos, ein Spielfilm über den Schweizer Theologen Ulrich Zwingli, neben Martin Luther einer der wichtigsten Reformatoren der katholischen Kirche. Der Film beginnt im Jahr 1519, als der junge Priester Zwingli, gespielt von Max Simonischek, seine neue Stelle am Grossmünster in Zürich antritt und mit seinen Predigten gegen die Missstände der katholischen Kirche heftige Diskussionen entfacht.

Regisseur Stefan Haupt, neben vielen Gemeinsamkeiten gab es auch sehr deutliche Unterschiede zwischen Zwingli und Luther – und die beiden waren sich auch gar nicht unbedingt grün, Sie erwähnen das auch im Film. Worin lagen die größten Differenzen?

Stefan Haupt: Ich glaube, zum einen in der Herkunft. Martin Luther war als Mönch aus einer ganz anderen Welt. Zwinglis Vater war Gemeindevorsteher in einer kleinen Berggemeinde, Wildhaus in Toggenburg. Er erlebte dort schon ein Zusammenspiel von vordemokratischen Zuständen und war sich sehr bewusst, dass er, als er nach Zürich kam, zusammen mit dem Bürgermeister, mit dem Rat und mit der Gesellschaft Veränderungen anstreben muss und das nicht alleine durchziehen kann.

Unerhört: Bibel auf Deutsch

Burg: Das Ganze ist 500 Jahre her, seit Ulrich Zwingli nun als Leutpriester nach Zürich kam. Was hat Sie 500 Jahre später an Zwingli interessiert?

Haupt: Ich bin selbst in Zürich geboren, lebe hier, ich kenne das Grossmünster sehr gut. Ich war viel in Wildhaus in den Ferien, da steht immer noch das Geburtshaus von Zwingli. Ich war mir bewusst, dass er sehr viel an Veränderung gebracht hat und eine sehr spannende Persönlichkeit ist. Auch, weil er zum Beispiel wichtige Anstöße gegeben hat, dass das Sozialwesen, ein staatliches Fürsorgewesen überhaupt eingeführt wurde. Er hat sich sehr für Bildung eingesetzt, war ein Humanist, war gut bekannt mit Erasmus von Rotterdam, liebte dessen Schriften. Und ich war einfach interessiert an ihm und seiner Figur.

Der Regisseur Stefan Haupt steht vor einer hölzernen Wand. (Frederik Bugglin)Interesse an dem Reformator: Stefan Haupt hat Ulrich Zwingli in Szene gesetzt. (Frederik Bugglin)

Burg: Im Film kommt er nach Zürich und tritt da seine Stelle an. Womit entfacht er die erste Kontroverse?

Haupt: Eigentlich war wirklich schon die allererste Aktion, dass er nach Zürich kam und am 1. Januar 1519 damit begann, auf Deutsch zu predigen und auch die Bibelstelle zu lesen. Und nicht nur das, er begann auch, das Matthäusevangelium – Kapitel eins, Vers eins – vorzutragen. Das war überhaupt nicht gang und gäbe, weder dass man Deutsch sprach, noch dass man sich nicht daran hielt, was vorgegeben war. Für jeden Sonntag war eine fixe Textstelle irgendwo aus der Bibel vorgegeben. Dass er sich nicht daran hielt, war bereits ein erstes, deutliches Zeichen, dass er was Eigenes bringen will.

Zwölf Jahre in zwei Stunden erzählt

Burg: Er kriegt eine ganze Menge Gegenwind, es kommt zu immer mehr Streit. Wie wollten Sie genau die Sprengkraft, die Zwingli mit seinen Ideen hatte, wie viel Fokus wollten Sie darauf setzen?

Haupt: Das war natürlich eine unglaubliche Frage: Wie erzählt man zwölf Jahre in zwei Stunden? Wir mussten praktisch fast alles weglassen. Zu Beginn lief es für ihn natürlich sehr gut. Zürich war eine freie Reichsstadt, er kannte die Familie des Bürgermeisters von früher, er kannte auch die Äbtissin aus Zürich, also wusste er, dass er sich einiges leisten kann.

Aber je länger das dauerte, desto stärker wurden die Gegenkräfte, einerseits innerhalb der Kirche, andererseits gab es auch die Bewegung der Täufer, zum Teil auch als Wiedertäufer benannt, die Zwinglis Ideen und die Radikalität darin noch viel radikaler umsetzen wollten. Die befanden, wir sind nur Gott oder nur der Heiligen Schrift verpflichtet, wieso braucht es überhaupt einen Staat? Da war er plötzlich im Sandwich zwischen den konservativen, traditionell verharrenden Kräften und einer Gruppe, die fast schon anarchistisch ihn auf der anderen Seite überholen wollte. Das hat natürlich eine Verengung mit sich gebracht.

Ulrich Zwingli (Max Simonischek) (W-film / C-Films)Max Simonischek spielt Ulrich Zwingli. (W-film / C-Films)

Burg: Das wird heute auch ein bisschen als Schattenseite Zwinglis gesehen, sein Verhältnis zur Täuferbewegung, weil auf sein Drängen hin der Rat von Zürich die Täufer aus der Stadt vertreiben hat oder auch töten ließ. Wie wichtig war Ihnen, das auch zu beleuchten?

Haupt: Mir war es absolut wichtig, dass wir aus Zwingli keinen Nationalhelden machen - aber gleichzeitig auch keine Abrechnung mit ihm. Wir wissen so wenig über die Lebensumstände vor 500 Jahren. Zum Beispiel ist es uns nicht geläufig, dass zu jener Zeit absolut klar war, dass eine Gesellschaft einen Glauben hat.

Man kann auch darüber streiten, wie sehr das alles mit den Täufern eine Sache des Rats war – und Zwingli hat sich nicht dagegen gesträubt – oder wie sehr Zwingli zu Beginn der Motor war. Er kannte die Anführer, das waren Freunde zu Beginn. Je mehr sich die beiden Seiten versteiften, desto mehr wurde auch Zwingli ein entschiedener Gegner von ihnen, wobei letztlich die Machtbefugnis, sie überhaupt zu töten, die hatte der Rat, der hat das gesprochen.

Grossmünster in die Vergangenheit zurückversetzt

Burg: Sie hatten ein Budget von 5,3 Millionen Euro. Sie haben am Originalschauplatz in Zürich gedreht, im fast tausendjährigen Grossmünster – da, wo Zwingli 1519 hinkam. Welche Veränderungen waren wichtig, um die Kirche ins 16. Jahrhundert zurückzuversetzen?

Haupt: Das hat uns einen Riesenspaß gemacht, dieses fast nackte, heutige, reformierte Grossmünster zurückzuversetzen in die Zeit um 1500. Man weiß, dass da etwa 24 Altäre standen. Man weiß, dass die Wände bemalt waren. Jetzt sind sie weiß. Wir konnten natürlich nicht die weißen Wände einfach bemalen. Man weiß, dass die Leute gestanden sind, jetzt hat es Bänke drin, die mit Metallwasserleitungen untendurch fixiert sind. Das war sehr aufwendig. Wir haben rausgefunden, wie wir die Wände als bemalt erscheinen lassen können. Wir haben etliche Altäre gebaut und reingestellt. Das Grossmünster war für einen ganzen Monat geschlossen, die Gottesdienste am Sonntagmorgen wurden abgehalten, aber ansonsten stand es für uns zur Verfügung.

Ulrich Zwingli (Max Simonischek) begann 1519 als Priester am Grossmünster in Zürich - von dort aus reformierte er die Kirche. (W-film / C-Films)Nicht alles von der Stange oder dem Kostümverleih: Ulrich Zwingli (Max Simonischek) beim Anlegen des Priestergewands. (W-film / C-Films)

Burg: Wichtig im Film – meines Erachtens – ist auch das Licht. Es herrscht viel Dunkelheit im Film, viel, was als natürliche Beleuchtung wirkt. Wie sehr wollten Sie den technischen Gegebenheiten der Zeit Rechnung tragen?

Haupt: Das war uns sehr wichtig, dass es nicht einfach ein perfekt ausgeleuchteter Film mit Schattenwurf an den Wänden wird, sondern dass wir uns wirklich versucht haben, an diese Zeit anzunähern. Da waren die Nächte sehr dunkel und die Tage sehr hell und auch häufig sehr laut, aber die Nacht wieder sehr still. Dem waren wir wirklich auf der Spur, auch bei den Kleidern, dass das nicht alles pikfein wie direkt aus der Wäscherei kommt, sondern auch mal verschmutzt sein darf. Das wiederum war natürlich ein großer Aufwand. Lustigerweise ist es quasi teurer und aufwendiger, eben auch zeitlich, einen Film herzustellen, in dem man auch den Schmutz sieht. Könnte man einfach alles ab Stange oder direkt aus dem Kostümverleih übernehmen, wäre das einfacher.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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