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Vollbild | Beitrag vom 18.04.2020

Kinofilm "Mär"Eine deutsche Low-Budget-Dystopie

Katharina Mihm im Gespräch mit Patrick Wellinski

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Filmstil aus "Mär": Zwei Männer im Dunkel (Katherina Mihm)
Zwischen deutscher Romantik und postindustrieller Tristesse: Der Film "Mär" spielt in der geisterhaften Landschaft des Ruhrgebiets. (Katherina Mihm)

In "Mär" reist ein Journalist ins Ruhrgebiet: Dort sind Wölfe zurückgekehrt, üben eine verstörende Anziehungskraft aus. Legenden und Wirklichkeit verschmelzen. Wie entstehen Märchen? Das habe sie nachverfolgen wollen, sagt Regisseurin Katherina Mihm.

Patrick Wellinski: Der Wolf ist wieder da, im Osten schon lange, aber nun siedelt er sich auch wieder im nördlichen Ruhrgebiet an. So beginnt jedenfalls der Spielfilm "Mär" von Katharina Mihm, der letzten Sommer auf dem Filmfest in München seine Weltpremiere feiern konnte. Im Film selbst reist der Wiener Journalist Leo Bernstein ins Ruhrgebiet, um die Wolfssehnsucht der Menschen dort zu recherchieren. Doch kaum ist er angekommen, passieren die ungewöhnlichsten Dinge.

Nach und nach verschmelzen deutsche Romantik und postindustrielle Tristesse, und irgendwann ist nicht mehr ganz klar, ob sich hier Leo etwas zusammenfantasiert oder ob er nicht doch einer gewaltigen Story auf der Spur ist, einer Story, deren Teil er selber ist. Natürlich hätte "Mär", der Spielfilm, offiziell auch ins Kino kommen sollen und vielleicht wird er das auch noch. Bis dahin hat die Regisseurin Katharina Mihm sich entschlossen, den Film als Video on Demand zur Verfügung zu stellen. Wie ist denn die Idee zu "Mär" entstanden, Frau Mihm?

Mihm: Die Idee ist im Grunde genommen so entstanden, dass ich tatsächlich den Entstehungsprozess von Märchen nachverfolgen wollte. Dabei bin ich davon ausgegangen, dass sozusagen Märchen wie auch Lieder und Legenden aus der Landschaft heraus entstehen. Und ich habe mir dann eine deutsche Landschaft ausgesucht, in dem Fall das Ruhrgebiet, die besonders spannend ist, weil die ja industriell besiedelt war und dann durch den Niedergang des industriellen Zeitalters wieder rückbesiedelt wird von der Natur. Und in dieser Landschaft habe ich mich tatsächlich aufgehalten, jahrelang. Ich bin da die Emscher entlanggegangen, in der Brache gestanden und habe gewartet, was da entsteht, was für Figuren, was für Geschichten.

Auf Inspirationssuche durch das Ruhrgebiet

Wellinski: Und wann kam der Wolf zu Ihnen?

Mihm: Der Wolf kam eigentlich gleich. Der schlich besonders gerne um diese Siedlungen herum, durch diese Reihenhäuser. Und durch diesen besonderen Kontrast, der ist einfach aufgetaucht, der passte da natürlich erst einmal überhaupt nicht hin. Ich muss dazusagen, dass das alles schon lange her ist, die Entstehung des Films liegt zehn Jahre zurück, 2010 habe ich also begonnen, da durch die Landschaft zu ziehen – und da war ja vom Wolf noch gar nicht die Rede. Insofern war ich auch etwas überrascht, als der sich da bildlich sozusagen sehr schnell eingestellt hat.

Wellinski: Jetzt ist die Hauptfigur des Films ein Journalist, ein Wiener Journalist, Leo Bernstein, der anfängt zu recherchieren. Ist er vielleicht deshalb eine sehr gute Figur, weil ein Journalist ja zunächst nach Fakten sucht?

Mihm: Genau. Ein Journalist ist immer ein Fremder sozusagen in diesem Gebiet, in dem er recherchiert, der erst einmal mit einem irgendwie neugierigen und irgendwie auch distanzierten Blick sich erst einmal einer Sache nähert und nicht selbst gleich mit betroffen ist. Umso spannender war es dann für mich eben zu erzählen, wie der doch sehr rasch immer mehr völlig erfasst wird von dem, was da vor sich geht.

Sehnsucht nach Wildnis und Ursprünglichkeit

Wellinski: Er kommt ja an in diesem Ruhrgebiet und er findet dort ja eher eine Art Willkommenskultur für den Wolf vor: also Transparente und Plakate, auf denen steht: Wir sind der Wolf. Woher kommt denn diese Sehnsucht nach dem Wolf in dieser Ecke von Deutschland?

Mihm: Ich denke, die Sehnsucht gibt es tatsächlich. Der Wolf steht natürlich auch sinnbildlich für eine Sehnsucht nach Natur, nach Wildnis, nach Ursprünglichkeit, die, denke ich, viele Menschen irgendwo haben. Der Wolf ist natürlich auch ein mythologisches Tier, da wird es da dann auch ein bisschen riskant, was im Film ja auch dargestellt wird.

Filmstil aus "Mär": Zwei Personen im Gespräch (Katharina Mihm)Während Leo Bernsteins Recherchearbeiten setzen sich Bruchstücke eines Märchens in seinem Kopf fest und lassen ihn nicht mehr los. (Katharina Mihm)

Ich denke, man sieht es ja, heutzutage ist ja der Wolf wirklich wieder da, und das ist für die Gesellschaft wirklich ziemlich polarisierend. Die einen, die das sehr begrüßen, weil der Wolf ja gefühlt auch irgendwie hier hergehört in diese Landschaft, und die anderen, die warnen, das sei ein Wildtier, mit dem könne man nicht zusammenleben als Mensch, als Zivilisation.

Wellinski: Da schwingt ja auch so eine Idee eines Horrors mit, dass die Zeit des Menschen mal vielleicht vorüber ist. Im Film heißt es einmal, dass der Wolf aus dem Ruhrgebiet verschwand, als die Industrialisierung begann, und jetzt, wo die meisten Zechen leerstehen, kommt der Wolf wieder – also zwei Welten, die eigentlich gar nicht zusammenpassen.

Ein dystopisches Deutschlandbild 

Mihm: Ja, genau. Das ist eben auch so die Frage, inwiefern wir uns heute in einer heutigen, irgendwo überzivilisierten Welt auch automatisch nach dem Gegenteil sehnen. Ich denke, das ist auch so ein natürlicher Prozess, dass man immer irgendwo gefühlt eine Art Ausgleich sucht. Und wenn die Landschaft, in der ein Wolf sich zu Hause anfühlen könnte, so gar nicht mehr existiert, dann nimmt man das vielleicht auch wie so eine Art Wunder wahr, wenn der plötzlich wiederkommt.

Wellinski: Sie zeigen diesen Teil des Ruhrgebiets, den Sie zeigen, ja auch äußerst trist oder dystopisch, müsste man fast schon sagen. Sie haben es am Anfang schon ein wenig erwähnt. Ist es, weil Sie diesen Ort oder diese Landschaft so vorgefunden haben, oder ist es, weil Sie die so für den Film gebraucht haben?

Mihm: Ja, ich habe die schon so gebraucht. Das Ruhrgebiet ist ja sehr vielschichtig. Ich bin dort sehr gerne, muss ich sagen. Im Film ist es tatsächlich eine ziemlich entleerte, etwas geisterhafte Landschaft. Das hängt aber, wie Sie sagen, mit diesem dystopischen Deutschlandbild zusammen, das ich da erschaffen wollte, was natürlich die Sehnsucht nach Wäldern, nach Wolf und so weiter noch spürbarer macht, diese doch sehr unterkühlten, leeren Stadtwüsten und Brachen. Und gleichzeitig, wo man sich vorstellen kann, wo sozusagen so eine Art Leerstelle auch spürbar wird im Bild, wo man sich vorstellen kann, dass Dinge da auch einsickern können.

Zwiespältiges Verhältnis zur deutschen Mythologie

Wellinski: Die Frage ist ja auch, wenn Sie sagen, an einem Deutschlandbild arbeiten, ist es ja ein Deutschlandbild, in dem Mythen wieder anders gelesen werden. Man muss natürlich an eine gewisse Radikalisierung denken, an ein Erstarken des Nationalismus, der uns ja direkt reinführt in diese deutschen Mythen, Wald, Wolf.

Mihm: Ich denke, man muss das sehr differenzieren. Im Film selber kommen politische Tendenzen gar nicht vor. Die Figuren mit ihren Zielsetzungen, ihren Bestrebungen sind immer janusköpfig. Also da gibt es keine Guten und Bösen und auch keine Linken und Rechten. Meine Motivation, den Film zu machen, war aber durchaus so motiviert, weil ich davon ausgehe, dass die ganze, ich sage mal ganz grob, deutsche Mythologie, da kann man an Lieder, an Tänze, an Märchen denken, was auch immer da gelebt hat jahrhundertelang, jahrtausendelang vielleicht, durch den fürchterlichen Missbrauch, der ja während des Dritten Reichs passiert ist, quasi amputiert und abgeschnitten werden musste dann in den 50er-Jahren.

Um irgendwie weiterzumachen, hat man ja einen ziemlichen Widerstand in Deutschland entwickelt, jedenfalls die nachfolgenden Generationen und die meisten, eben auch nicht alle, einen ziemlichen Widerstand – und eigentlich auch den Zugang völlig verloren zu diesen Dingen. Und ich denke, dass überall da, wo Leerstellen entstehen, weil natürlich ein radikales Abscheiden dieser Dinge einfach eine Leerstelle erzeugt, diese Leerstellen immer auch eine Gefahr darstellen, weil die besetzbar sind oder wieder besetzt werden können zum Beispiel von aktuellen nationalistischen Tendenzen oder rechtsradikalen Gruppierungen.

Wegen Corona zum Download statt im Kino

Wellinski: Bernsteins Recherchen laufen ja mit der Zeit langsam ins Leere. Aber er klammert sich dann irgendwann wahnhaft fast schon eben an ein Märchen, das er irgendwann mal gehört hat. Dieses Märchen handelt von einer jungen Magd, die ein Wolfsjunges geboren hat. Ist das jetzt ein Märchen, das Sie gefunden haben und auch nutzen für Ihre Geschichte, oder haben Sie sich das Märchen selber ausgedacht?

Mihm: Das habe ich mir tatsächlich selber ausgedacht, das ist ja auch nur bruchstückhaft vorhanden, das wird nie von Anfang bis Ende erzählt. Natürlich sind viele Elemente darin, die ich so als märchentypisch empfinde, wir haben ja auch in der Rhön gedreht, das war mir auch ganz wichtig. Der Ursprung dieser Märchenhandlung im Film kommt aus der Rhön. Das ist ja tatsächlich die Landschaft, in der die Gebrüder Grimm ihre Märchen auch gesammelt haben.

Wellinski: Jetzt ist "Mär" erst mal als Video on Demand erschienen, wir wissen natürlich alle, warum. Die Kinos sind derzeit zu. Am liebsten würden Sie den Film aber dennoch im Kino zeigen, oder?

Mihm: Ja, das hatte ich auf jeden Fall vor. Der Film, man muss sagen, ist ja eigentlich ein sehr kleiner Film, ist ja sehr unabhängig entstanden, ohne jegliche Fördergelder, nur mit dem ungeheuren Einsatz von allen, die da mitgearbeitet haben, hat auch noch keinen Verleih. Aber ich hatte auf jeden Fall vor, den auch in einigen dann ausgewählten Kinos zu zeigen. Aber da muss man ja jetzt erst mal abwarten.

Wellinski: Bis dahin kann man den Film aber schon sehen. Zu finden ist er auf Vimeo, bei dem Onlinevideodienst kann man ihn für 24 Stunden für 2,95 Euro leihen. Für 8,86 Euro können Sie "Mär" dann jederzeit streamen und sogar herunterladen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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