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Vollbild | Beitrag vom 18.06.2016

Kinodebüt "Treppe aufwärts"Spiel, Sucht, Schuldenberg

Regisseurin Mia Maariel Meyer im Gespräch mit Patrick Wellinski

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Blick in eine Spielhalle. (dpa / Federico Gambarini)
Der Film "Treppe aufwärts" taucht ein in die Welt der Spielotheken. (dpa / Federico Gambarini)

Großvater, Vater und Sohn, verbunden durch ein Problem: Spielsucht. In ihrem Spielfilmdebüt "Treppe aufwärts" begibt sich Regisseurin Mia Maariel Meyer in die Welt der Spielotheken - und zeigt, wie das Suchtproblem durch die Schulden über Generationen weitergegeben wird.

Patrick Wellinski: Ein kurzer Ausschnitt aus dem deutschen Spielfilmdebüt "Treppe aufwärts" der Regisseurin Mia Maariel Meyer, die ich vor der Sendung sprechen konnte. Herzlich Willkommen, Frau Meyer!

Mia Maariel Meyer: Hallo, ich freue mich, hier zu sein!

Wellinski: Wann waren Sie denn das letzte Mal an einem Spielautomaten?

Meyer: Während der Recherche. Auf jeden Fall, da habe ich definitiv einige Kasinos frequentiert und auch die ein oder andere Münze reingeworfen, na klar, um das Gefühl auch einfach zu bekommen.

Wellinski: Und gewonnen?

Meyer: Zum Glück verloren. In der Tat ist das auch das Beste, was einem passieren kann, denn wenn man gewinnt, dann zieht das einen schon ziemlich schnell rein, und daher war ich zum Glück … Ich habe ein schlechtes Händchen im Spiel.

Spielsucht beeinflusst über Generationen

Wellinski: Aber dafür ein besseres hinter der Kamera. Ihr Film ist ja ein Generationenporträt eigentlich, und es spielt in diesem Milieu der Spielsüchtigen, aber wenn wir an Spielsüchtige im Kino denken, dann führt uns der Film meistens ins Kasino - großes Geld, Poker, Roulette-Tische. In Ihrem Film sind wir aber in so Berliner Eckkneipen, Spelunken - wieso gerade dieses Milieu?

Meyer: Na ja, das ist einfach so ein Milieu, das wir einfach - also die Produzenten Patrick Wolff und Marco Braun -, wir haben einfach das Gefühl gehabt, dass dieses Milieu per se noch nicht so behandelt wurde, und es ist sehr präsent. Also, wenn man in Berlin durch die Straßen geht, dann merkt man einfach, an jeder Ecke schließt ein Bäcker, und da ist auf einmal eine Spielothek, und dann haben wir uns die Frage gestellt - und ich vor allen Dingen -, wer geht denn dahin, und was sind das eigentlich für Leute. Ich fand dann im Endeffekt die Leute, die dort hingehen, sehr spannend.

Wellinski: "Treppe aufwärts" ist ja jetzt nicht das, was man so problematisieren könnte als Spielfilm über Spielsucht. Es ist ja wirklich eher ein Blick auf eine Familie, vor allem auf drei Männer. Da ist Adam der Taxifahrer, da ist sein Sohn Ben, da ist Adams Vater wiederum. Wieso haben Sie einen Film über diese drei Männer gemacht, und jetzt nicht über diese großen Verläufe einer Sucht?

Meyer: Weil es tatsächlich - das hat sich auch bei der Recherche so herausgestellt: Das Interessante an der Spielsucht oder das wirklich ergreifende ist eigentlich, dass es so große Kreise zieht. Der Süchtige beeinflusst einfach über Generationen hinaus durch die Schulden, die er macht, auch durch das Verhalten, das er an den Tag legt, nicht nur sich selber, sein eigenes Leben, sondern auch die Familie und die Menschen in seinem Umfeld. Darum ging es mir so ein bisschen, zu zeigen, dass eine Sucht, die mal vor langer, langer Zeit - also in diesem Sinne der Großvater - angefangen hat, bis hin in die Generation des Enkels noch auswuchert. Das hat einfach so große Kreise, und dass man mal darüber nachdenkt und sich damit befasst.

"Jeder hat ein Doppelleben"

Wellinski: Also Spielsucht quasi vererbbar – wie der Vater so der Sohn?

Meyer: Im Sinne. Also die sind ja nicht süchtig, aber im Prinzip: Die Folgen der Spielsucht lassen sich vererben.

Wellinski: Ist "Treppe aufwärts" vielleicht auch ein Film über das Vatersein letztendlich?

Meyer: Absolut. Es ist ein Familienfilm. Also natürlich, das Thema Spielsucht ist dabei, aber es geht zentral natürlich auch um die Konflikte zwischen Vater und Sohn in dem bestimmten Umfeld und eigentlich auch um das: wie wird man eigentlich Vater, also das Vaterwerden und da reinwachsen in die Rolle, und was gibt man seinem Kind mit und wann hört man auf, Sohn zu sein nur, und man darf Vater sein.

Wellinski: Ist es auch vielleicht ein Grund, weshalb Sie den Blick nicht auf die Industrie richten, auf die Spielindustrie? Die Automaten sind irgendwie da, die blinken im Hintergrund oder auch mal im Vordergrund, aber Sie bleiben bei diesen drei Männern, und Sie bleiben bei der Dynamik zwischen ihnen.

Meyer: Absolut. Also, es ist vor allen Dingen einfach, wie ich auch schon sagte, es geht wirklich für mich darum, die Familie zu zeigen, also das, was so eine Sucht mit einer Familie machen kann. Dabei ist für mich der wirklich innerfamiliäre Kontext interessanter gewesen als jetzt wirklich immer nur vor Ort in den Kasinos zu sein. Die sind natürlich auch Teilaspekt, und man sieht ihn ja auch in den Kasinos, und man sieht ihn auch beim Hacken und bei seiner großen Mission, aber es geht vor allen Dingen auch … Was bedeutet das geheime Leben, das er außerhalb führt, für die Familie im inneren des Hauses, also wenn sie aufeinandertreffen, wie sie sich belügen. In dem Film wird ja auch Wahnsinn … Also eigentlich belügt ja jeder jeden so ein bisschen, und jeder hat so ein bisschen ein Doppelleben, und das wollte ich einfach mal erörtern.

Wellinski: Ist die Sprache des Spielers vielleicht immer auch eine Sprache des Lügners so ein bisschen? Sie müssen drum herum reden.

Meyer: Das berühmte Pokerface. Ja. Absolut, also das ist auch eine Sache bei der Recherche, die immer wieder aufgekommen ist mit den Leuten, mit denen ich geredet habe. Es ist so ein bisschen dieses Thema, das die … Zum Beispiel, ein ganz gängiges Ding ist, dass die Leute sagen, also die Spielsüchtigen oder die Spieler sagen zu ihren Familien, ich gehe heute zur Arbeit, aber in Wirklichkeit gehen sie direkt ins Kasino, und da verbringen sie den ganzen Tag und kommen abends wieder, und die Frau wundert sich dann, hm, wieso wird denn unser Konto immer leerer. Irgendwann erfahren sie dann auch, dass der Job sowieso schon seit Monaten weg ist. Dieses Doppelleben führen die für eine sehr lange Zeit, also halten die aufrecht, und das kommt natürlich alles mit da rein, also dieses Lügen, um dieses doppelte Leben aufrecht zu erhalten.

Eine Männergeschichte, eine Vätergeschichte

Wellinski: Wenn wir immer sagen Familiengeschichte, könnte man ja präzisieren: Eigentlich ist es ja eine Männergeschichte.

Meyer: Ja, das ist richtig. Es ist schon so, dass es mehr Männer … Also ich habe persönlich mehr Männer als Frauen angetroffen, ich habe aber auch Frauen angetroffen, aber das war nicht der zentrale Grund. Ich glaube, es war wirklich einfach … während der Recherche kam die Figur des Adam einfach irgendwann zu mir. Es ist einfach, was dann einfach passiert. Man hat das Gefühl, das ist mein zentraler Charakter. Jetzt habe ich ihn, und dann entspinnt sich die Geschichte. Daher, ich habe mir jetzt nicht vorher vorgenommen, ich mach jetzt einen Film über drei Männer oder drei Frauen oder wie auch immer. Es hat sich organisch ergeben.

Wellinski: Da will ich noch mal nachfragen wegen dem Milieu. Wir haben das Spielmilieu beschrieben, die Spelunken. Ist das auch der Grund, warum das ja auf eine gewisse Hinsicht alles so Arbeiterklassefiguren sind? Ich will nicht Unterklasse sagen – das stimmt in der Hinsicht gar nicht –, aber es ist schon, sagen wir mal, ein Arbeiterklassedrama, ein Film über Arbeiterklassemenschen.

Meyer: Ja … Also das muss ich differenzieren, weil auf der einen Seite ist es mir wirklich sehr wichtig, auch zu erzählen, dass bei Spielsucht ist es nicht nur so, dass es eine bestimmte Klasse betrifft. Es betrifft wirklich … Es reicht vom Juristen bis zum Hartz-IV-Empfänger. Viele Menschen werden in diese Spielsucht hineingesogen. Das Milieu, das ich zeichnen wollte, ist eigentlich … da habe ich mich jetzt nicht darum bemüht, zu sagen, oh, das ist ein Arbeiterklassefilm, sondern im Gegenteil, ich habe eigentlich geguckt, das Haus zum Beispiel, das war ein wirklich sehr schönes Haus vor langer, langer Zeit. Das war ein geliebtes Familienhaus, das haben die mit sehr viel Mühe und auch einem gewissen Erfolg aufgebaut, und jetzt ist es einfach in die Jahre gekommen und hat nicht mehr die Eleganz von damals und verwest wie der gesamte Familiengedanke in der Familie.

Daher würde ich mich gerne so ein bisschen davon distanzieren, zu sagen, nee, ich wollte jetzt einen Film machen in dieser Arbeiterklasse. Klar, das geht so ein bisschen einher. Obwohl man auch sagen muss, Adam ist zwar Taxifahrer, aber das ist eigentlich eine Front, also in Wirklichkeit ist er natürlich primär damit befasst, den ganzen Tag Automaten leer zu zocken, und die Front des Taxifahrers bietet sich an, weil sie eine gewisse Flexibilität hat. Hätte er jetzt nicht sich zum Ziel seines Lebens nehmen müssen, eine Mission zu haben, das Geld zurück zu spielen, vielleicht hätte er studiert, vielleicht wäre er Mathematiker geworden, weil er hat ja ein großes Geschick da drin. Darum, also für mich sind das eher Umstände, die auch ein Resultat der Spielsucht des Großvaters sind.

Kein Arbeiterklassefilm

Wellinski: Ich frage ja auch, weil das deutsche Kino gerne einen Bogen um diese Gesellschaftsschicht macht. Ich frage auch, weil auch die Ästhetik des Films erinnert mich an den Kitchen-Sink-Realismus des englischen Kinos, wo das ja gang und gäbe ist, dass man eben diese Geschichten erzählt, und das ist sehr wichtig, dass diese Geschichten erzählt werden. Das war jetzt gar kein Vorwurf.

Meyer: Nee, nee. Das ist total schön, weil Kitchen-Sink-Realism … ich habe ja auch in England studiert, und ich bin sehr beeinflusst vom Kitchen-Sink-Realism. Das ist auf jeden Fall …

Wellinski: Also Ken Loach müssen wir erwähnen, Mike Leigh, der frühe Mike Leigh vor allem.

Meyer: Ja. Also es ist für mich natürlich ganz klar. Das ist auch ein Anliegen, das ich habe, aber ich glaube, ich habe oft das Gefühl, wenn man sagt, ja, das ist jetzt ein Arbeiterklassefilm, das wird in so eine Nische gedrängt, und ich finde, das ist mir zu eng. Klar ist das ein Milieu, aber nein, es geht jetzt nicht nur darum, dass wir hier zeigen wollen, dass Menschen in so einem Milieu leben, und es betrifft nur die. Darum weigere ich mich da immer so ein bisschen zu sagen, ich mache jetzt nur einen Film über die. Klar, es spielt in einem Milieu, aber es geht nicht um das Milieu. Das ist mir wichtig zu sagen. Es ist ein bisschen weiter als das.

Es ist eine interessante Sache, die ich auch festgestellt habe bei den Festivals. Es waren bei uns immer sehr rege Gespräche nach dem Film, und da habe ich einfach gemerkt, das Ziel, was ich da hatte, dass auch Leute, die wirklich so gar nichts mit Spielen zu tun hatten, die auch gar nichts mit dem Milieu zu tun hatten, die konnten diskutieren über den Film. Die konnten was damit anfangen. Der Film hat die berührt. Ich habe immer so ein bisschen Angst, wenn man vorher sagt, es spielt in einem Arbeiterklassenmilieu, dass Leute gleich sagen, oh, nee, das ist mir zu anstrengend.

Wellinski: Sie haben schon erwähnt, Sie haben Film in London studiert. Wenn Sie dann Kollegen haben, die in Deutschland studiert haben - das finde ich interessant -, merken Sie, dass Sie in anderes Bild von Kino vermittelt bekommen haben durch Ihre Ausbildung in London? Denken Sie Film vielleicht anders oder sehen Sie da überhaupt Unterschiede oder ist das eher nicht so?

Suche nach einer universellen Filmsprache

Meyer: Ich sehe natürlich Unterschiede, weil ich ganz klar mit einem Ziel auch nach London gegangen bin, weil ich dort Film lernen muss. Muss ich auch zugeben: Also ich habe mich immer nach einer sehr europäischen Ausbildung auch gesehnt und hatte das Gefühl, ich muss ein bisschen erst mal rausbrechen aus Deutschland. Mir war immer klar, ich komme zurück, aber ich wollte noch mal ein bisschen mehr Aufsaugen, ein bisschen mehr europäisches und vor allen Dingen auch britisches Kino, was mich immer sehr beeinflusst hat als Heranwachsende. Daher glaube ich, natürlich, mein Blick auf Film, das, was Filme für mich transportieren, ist ein bisschen anders vermutlich, aber ich glaube, dass es sehr individuell ist.

Also ich glaube, dass man Leute mit einer ähnlichen Sprache oder so sicherlich auch in Deutschland finden kann. Ich glaube, das europäische Kino wächst gerade auch ein bisschen mehr zusammen, und viele junge Filmemacher haben das Gefühl, sie wollen mehr was schaffen, was über die Grenzen auch hinauswächst, was sich auch in anderen Ländern besser transportiert. Alle suchen so ein bisschen auch nach einer Sprache, nach einer Filmsprache, die universeller ist. Ich glaube, da befinden wir uns gerade auf einem spannenden Weg, und deswegen würde ich sagen, nee, wir sind da alle ein bisschen auf der Suche.

Wellinski: Aber Sie haben bislang sehr tolle Bilder zumindest für Ihr Spielfilmdebüt gefunden. Wir warten natürlich auf das nächste Werk, aber dieses Spielfilmdebüt "Treppe aufwärts" kommt dann Donnerstag in unsere Kinos. Die Regisseurin Mia Maariel Meyer war bei uns zu Gast. Vielen Dank für den Besuch!

Meyer: Danke sehr!

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