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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 21.11.2007

Kino-Krieg der Kulturen

Neu im Kino: "Machtlos", "Across the Universe"

Von Hans-Ulrich Pönack

Der Anschlag auf das World Trade Center 2001 wird in zahlreichen Hollywoodfilmen thematisiert. (AP)
Der Anschlag auf das World Trade Center 2001 wird in zahlreichen Hollywoodfilmen thematisiert. (AP)

Der Film "Machtlos" greift die Debatte über den Kampf der Kulturen auf. Er schildert das Vorgehen der CIA nach dem elften September 2001, die Folter- und Verhörmethoden des Geheimdienstes. Auf die Spuren der Beatles begibt sich dagegen "Across the Universe", ein Musikfilm jenseits der Genregrenzen. Größen wie Bono, Joe Cocker, Salma Hayek und Eddie Izzard gastieren in der Pilzkopf-Hommage.

"Machtlos"
USA/Südamerika 2007, Regie: Gavin Hood, Hauptdarsteller: Jake Gyllenhaal, Reese Witherspoon, Meryl Streep, ab zwölf Jahren

Der Film "Machtlos" ist von Gavin Hood, einem südafrikanischer Drehbuch-Autor, Schauspieler und Regisseur. Der am 12. Mai 1963 in Johannisburg geborene Sohn eines bekannten Naturfotografen wurde international 2005 durch seinen Film "Tsotsi" bekannt. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Athol Fugard gewann mehrere international anerkannte Preise sowie den Oscar als "Bester fremdsprachiger Film".

"Rendition", so der Originaltitel, ist sein erster Hollywood-Film, der ein Thema aufgreift, dem wir in nächster Zeit des Öfteren im amerikanischen Kino begegnen werden: Der aktuelle "Krieg der Kulturen", ausgelöst durch die Terror-Angriffe am 11. September 2001 und den Irak-Krieg der USA, dessen Ausmaße ja inzwischen weltweit zu spüren sind: Es wird Angst geschürt und in die Daten-Privatsphäre des Bürgers wird immer tiefer eingegriffen. Hinzu kommt die Verschärfung jedweder Kontrollen und das zunehmende Aufweichen der demokratischen wie der menschlichen Grundrechte.

Aus jeder nur erdenklichen - offiziellen, gesellschaftspolitischen oder individuellen - Sicht übernimmt das amerikanische Kino jetzt Verantwortung und liefert Bilder und Geschichten zum Krieg im Irak beziehungsweise zu dessen weitreichenden Folgen. Der Film "Von Löwen und Lämmern" von und mit Robert Redford war kürzlich ein solcher Kino-Beitrag. Jetzt folgt, weitaus weniger beachtet, der Film "Machtlos", den vor allem seine Produktionsfirma und sein Verleih gerne eher verstecken denn präsentieren möchten. Der Grund dafür: "Machtlos" ist zuallererst ein Film über die Folter-Verhörmethoden von Amerikanern in außeramerikanischen Untersuchungslagern. Der Verleih über seinen Film abschwächend: Ein "emotionales und spannendes Unterhaltungsstück!" Es scheint, als hätten sie Angst vor der eigenen Courage.

Das Ende 2006, Anfang 2007 in Los Angeles und Washington D.C., Kapstadt und Marrakesch als Co-Produktion zwischen den USA und Südafrika hergestellte Thriller-Drama beginnt in einer nordafrikanischen Stadt. Dort wird ein Selbstmordanschlag verübt, bei dem auch ein CIA-Beobachter ums Leben kommt. Bei der Jagd nach den Hintermännern wird ein ägyptischstämmiger USA-Bürger, der Ingenieur Anwar El-Ibrahim, von der CIA irrtümlich für einen Terroristen gehalten und auf der Rückreise von Südafrika nach Chicago verhaftet. Das heißt, nicht offiziell, sondern heimlich. Anwar verschwindet einfach - aus der Passagierliste des Flugzeug-Unternehmens wie überhaupt: Er ist einfach weg.

Seine schwangere amerikanische Ehefrau Isabella beginnt ihn zu suchen. Sie reist nach Washington D.C., wo sie den befreundeten Mitarbeiter eines US-Senators um Hilfe bittet. Daraufhin wendet sich der Senator an die CIA. Dort gibt man ihm deutlich zu verstehen, wie er sich künftig zu verhalten hat und wie er sich offiziell dazu äußern soll, wenn er nicht seiner eigenen Karriere schaden möchte. Derweil wird Anwar El-Ibrahim in einer geheimen Anlage außerhalb der USA gefoltert. Mit ausdrücklicher amtlicher Duldung der CIA. Ein kommerzieller Film, ein Mainstream-Film, ein Hollywood-Film - aber einer, der sich thematisch wie optisch etwas traut. Der von etwas erzählt, was offiziell zumeist nur "geflüstert" wird.

Reese Witherspoon spielt eine Hauptrolle in "Machtlos" (AP Archiv)Mit Größen wie Reese Witherspoon ist "Machtlos" besetzt. (AP Archiv)Die schmutzige beziehungsweise illegale Seite einer demokratischen Politik, darum geht es hier in diesem außerordentlich aufwühlenden, betroffenen machenden, ungewöhnlichen amerikanischen Spannungs-Movie. Roger Ebert, einer der führenden amerikanischen Film-Publizisten, schrieb am 19. Oktober 2007 in der "Chicago Sun Times": Der Film, der die Theorie und die Praxis der Folter sowie die persönliche Verantwortung daran thematisiere, sei kostbar und selten. Er sein ein "intelligenter, wichtiger, souveräner und wirkungsvoller Thriller". Er ist mit Jake Gyllenhaal, bekannt aus "Brokeback Mountain", als in moralischen Zwiespalt geratener CIA-Mitarbeiter, Oscar-Preisträgerin Reese Witherspoon, die Johnny-Cash-Ehefrau June Carter Cash in "Walk The Line", sowie Meryl Streep als Anti-Terror-Chefin der CIA prominent, aber nicht aufdringlich besetzt, im Gegenteil: Sämtliche Beteiligen ordnen sich hier dem - für einen Hollywoodfilm - schockierenden Thema absolut unter. Ein für Hollywood-Verhältnisse außerordentlich mutiger, couragierter und zugleich erstaunlich politisch-wütender Unterhaltungsfilm.

"Across the Universe"
USA 2007, Regie: Julie Taymor, Hauptdarsteller: Evan Rachel Wood, Jim Sturgess, ab zwölf Jahren

Ein ebenfalls ganz und gar erstaunlicher wie begeisternder Film ist "Across the Universe" von Julie Taymor, die durch ihren Film "Frida" auch hierzulande bekannt und geschätzt ist. "Across The Universe" ist ein Song der Beatles - auf ihrem zwölften und letzten Studio-Album "Let it be" von 1970 als sechster Song zu finden. Text und Komposition stammen von John Lennon, obwohl der Song - wie zu Beatles-Zeiten üblich - Lennon und McCartney zugeschrieben wurde. Lennon schrieb dieses Lied über den kreativen und erleuchtenden Prozess des Song-Schreibens etwa Ende 1967, als sich die Beatles mit Transzendentaler Meditation und fernöstlichen Religionen auseinandersetzten. Ursprünglich wollte Lennon den Song bereits 1968 als Single veröffentlichen, stattdessen setzte sich aber McCartneys gefälligeres Lied "Lady Madonna" durch. Lennon selbst bezeichnete "Across The Universe" jedoch als eine seiner besten Kompositionen für die Beatles. Eine Cover-Version des Songs befindet sich auf dem 1975 veröffentlichten Album "Young Americans" von David Bowie. Sie entstand in einer gemeinsamen Session mit John Lennon in New York.

Der Film "Across the Universe" begibt sich nun auf die Spuren der Beatles-Songs. Weil es kein passenderes Wort gibt, muss man den Film als Musical bezeichnen, ohne dass es sich dabei eigentlich wirklich um ein Musical herkömmlicher Art handelt. Es ist etwas ganz Spezielles und Besonderes: 33 Beatles-Songs begleiten einen Trip in die Seele der Beatles, zu ihren Liedern und ihrem Ausdruck. Justin Chang schreibt in der "Variety" vom 11. September 2007, alles was man braucht, um das hier zu genießen, sei die Liebe zu den Beatles und zu den "psychodelischen visuellen Effekten der sechziger Jahre". Der Film sei "kühn" wie "eigentümlich" und mit einer solchen Überzeugung gespielt, dass man ihm nicht mit Missfallen begegnen könne.

Der Beatles-Film ohne die Beatles nimmt die Love-Story zwischen dem Liverpooler Hafernarbeiter Jude und der aus "gutem Bürger-Haus" stammenden Amerikanerin Lucy zum Anlass, die Songs - produziert von T-Bone Burnett - zu einem zeitgeschichtlichen Bild jener Jahre sich entwickeln zu lassen: Zwischen Vietnam-Krieg, Rassenunruhen und Studentenproteste.

Evan Rachel Wood spielt eine Hauptrolle in "Across the Universe" (AP)Evan Rachel Wood spielt in "Across the Universe" die aus gutem Hause stammende Lucy. (AP)Die Songs also bestimmen hier die Geschichte und sind eben nicht, wie sonst gewöhnlich, nur dazu da, um eine Geschichte zu untermalen und zu begleiten. Dabei werden die Beatles-Songs nicht einfach nur so nachgesungen, ganz im Gegenteil: Diese bekommen gerade durch diese Interpretationen neue Aussagen und neu antörnenden Charme. In den Hauptrollen überzeugen Evan Rachel Wood, gerade noch in "King Of California" neben Michael Douglas zu sehen, sowie Debütant Jim Sturgess als singende und swingende Romeo-und-Julia der Sechziger.

Geradezu sensationell sind die Auftritte von Größen wie Bono, Joe Cocker, Salma Hayek und Eddie Izzard. Die augenzwinkernden Anspielungen an Pop-Heroen wie Jimi Hendrix, Janis Joplin oder Neal Cassidy sind köstlich. "Across the Universe" wurde in Liverpool, in New York City, in New York, in Princeton und im kanadischen Winnipeg gedreht. Zu den Produktionskosten gehören zehn Millionen Dollar für die Verwertungsrechte der Beatles-Songs. Die Benutzung der Originalaufnahmen allerdings wurde nicht genehmigt. Ein fantasievoller und im "richtigen Sound-Kino" auch grandioser Film; visuell wie musikalisch-klangvoll einfach nur wunderbar irre.

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