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Kompressor | Beitrag vom 04.08.2014

KinoErst belächelt, dann bewundert

Serie - Die Kunst des Krieges (2/5)

Von Christian Berndt

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Die Filme des deutsch-amerikanischen Regisseurs Ernst Lubitsch wurden in den vergangenen Jahren wiederentdeckt und neu bewertet. (dpa / picture alliance / UPI)
Die Filme des deutsch-amerikanischen Regisseurs Ernst Lubitsch wurden in den vergangenen Jahren wiederentdeckt und neu bewertet. (dpa / picture alliance / UPI)

Die 1920er-Jahre gelten bis heute als Höhepunkt der deutschen Filmkunst. Dabei erlebte das Kino schon während des Ersten Weltkriegs den Aufstieg von einer Unterhaltungsware zum wirkungsvollsten Massenmedium Deutschlands.

"Ich habe ja von jung auf - als die Leute, die ins Kino gingen, sich noch genierten, es zu sagen: 'Ich geh heut Abend ins Kino.' Dann stellten sie den Kragen hoch, zogen sich den Hut ins Gesicht - als ganz junger Mensch habe ich schon daran geglaubt, diese Volksbelustigung wird und muss eines Tages eine große Kunst werden."

Henny Porten hat Recht behalten. Als der neben Asta Nielsen größte Star des frühen deutschen Kinos seine Karriere um 1905 beginnt, ist Film noch ein Jahrmarktsvergnügen. Aber bereits wenige Jahre später beginnt man mit dem Bau eigener Filmtheater. Ab 1910 werden vermehrt abendfüllende Filme gedreht und Produzenten engagieren Theaterautoren wie Gerhart Hauptmann - der sogenannte Autorenfilm wird geboren. Aber im Kino laufen größtenteils ausländische Filme, vor allem aus Frankreich. Der Filmwissenschaftler Martin Koerber von der Deutschen Kinemathek Berlin:

"Es gibt einzelne Autoren im deutschen Film, die interessantes Material produzieren, aber die Masse ist noch nicht sehr weit entwickelt 1914. Es gibt in Deutschland, genau wie heute, eigentlich keine Filmindustrie, sondern es gibt kleine Produktionsfirmen. In Frankreich dagegen gibt es Pathé und Gaumont, das sind weltumspannende Konzerne, die produzieren Tausende von Filmen jedes Jahr, und die produzieren Filme, die einen Wiedererkennungseffekt haben."

Krieg - ein Schock für die Filmindustrie

Der Kriegsausbruch 1914 ist für die Filmindustrie ein Schock. Der international vernetzte deutsche Film ist jetzt abgeschnitten vom Markt der westlichen Feindstaaten. Dafür fällt aber auch die Konkurrenz weg. Und es gibt einen Kinoboom, die Menschen dürsten nach den Kriegsberichten der Wochenschauen. Auch patriotische Filme sind anfangs gefragt, mit zunehmender Kriegsdauer lässt das Interesse nach. Die Deutschen wollen rührselige Melodramen, Detektivfilme und Stars sehen. Aber es werden auch ambitionierte Filme gedreht, etwa von Paul Wegener. Sein 1913 entstandener Film "Der Student von Prag", in dem ein junger Mann das eigene Spiegelbild an einen teuflischen Fremden verkauft, gilt als Initialzündung deutscher Filmkunst. Im Kino sieht der Theaterschauspieler Wegener eine eigene Kunstform, wie er später erzählt:

"Dieses Filmes halber bin ich zum Film gegangen. Denn hier waren Dinge, die sich von der Bühne eben einfach unterschieden. Durch den Trick konnte der Film das Doppelgängertum, das auf der Bühne an sich unmöglich war, wirklich wahrheitsgetreu bringen, durch das Prinzip der Bildteilung."

Wegener führt diese Techniken auch im "Golem" und "Rübezahls Hochzeit" von 1916 weiter. In diesen Filmen sind schon Merkmale des expressionistischen Films der 20er-Jahre vorauszuahnen - das Sujet des Schauermärchens, die Hell-Dunkel-Zeichnung bis hin zur Verkörperung des Unterbewussten durch Tricktechnik. Völlig neuartig wirkt 1916 Wegeners Forderung nach einer genuinen Filmsprache, die sich von den literarischen Vorlagen emanzipiert und nicht – wie im Autorenfilm üblich – nur Theater nachstellt. Gerade im Bereich des Fantastischen Films passiert viel in der Kriegszeit, wie die innovative "Homunculus"-Reihe zeigt. Hier geht es um eine Art Frankenstein-Wesen, das in seinem Ausdruck Murnaus "Nosferatu" vorwegzunehmen scheint. Auch in der extremen Stilisierung erinnern diese fantastischen Filme an den Expressionismus. Und seiner Zeit voraus ist das Konventionen sprengende Spiel des Kinostars Asta Nielsen, die in ihren Filmen munter mit den Geschlechterrollen experimentiert. Das zeigt: Auch wenn die Masse der Filme im Krieg Dutzendware darstellt, der Stil-Reichtum ist verblüffend.

Kino als Propagandainstrument

1916 dreht Ernst Lubitsch "Schuhhaus Pinkus", in dem ein cleverer Taugenichts erst von der Schule fliegt und es dann trickreich schafft, ein Schuhgeschäft zu eröffnen. Es ist typisch für die doppelbödigen Komödien Lubitschs, die bestehende Ordnung auf grotesk-entlarvende Weise auf den Kopf zu stellen. "Schuhhaus Pinkus" wird 1916 ein riesiger Erfolg, mittlerweile ist das Kino zum anerkannten Massenmedium geworden. Deshalb regt General Ludendorff 1917 an, das Kino für Propaganda zu nutzen.

Martin Koerber: "Ich würde sagen, dass es erstaunlich ist, wie wenig nationalistisch das Kino wird. Dass das eine Propagandamaschine sein könnte, das dämmert ja dem Generalstab erst im Laufe des Krieges. Und dann ändert sich das, indem der Generalstab zusammen mit den deutschen Banken und der Regierung sozusagen einen eigenen Filmkonzern aus der Taufe hebt, es kommt aber dazwischen, dass 1918 die Kapitulation kommt, und die Ufa wird dann erst wirksam in den 20er-Jahren."

1917 wird die UFA als Propagandainstrument gegründet, in der Weimarer Republik wird sie zum beherrschenden deutschen Filmkonzern mit weltweiter Ausstrahlung. Vieles, was sich im Kino der Kriegsjahre entwickelt, kommt nach Kriegsende erst richtig zum Ausbruch. Nur der Publikumsgeschmack bleibt der gleiche.

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