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Interview | Beitrag vom 13.10.2018

Kinderwunsch-MessenEthikerin: "Mit dem unerfüllten Kinderwunsch viel Geld verdienen"

Sigrid Graumann im Gespräch mit Dieter Kassel

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Der Kinderwunsch ist groß bei vielen italienischen Paaren, statt moderne Reproduktionsmedizin setzen einige auf Fruchtbarkeitsrituale (picture-alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
Die Nachfrage nach sogenannten "Fertility Solutions" auf Kinderwunsch-Messen ist groß. (picture-alliance / dpa / Sebastian Kahnert)

Angebote auf Kinderwunsch-Messen hält Ethik-Professorin Sigrid Graumann für problematisch. Denn anders als etwa bei der Befruchtung im Reagenzglas (In-Vitro) nutze man hier die Ressourcen Dritter. Außerdem gebe es kein Recht auf ein eigenes Kind.

Dieter Kassel: Auf der Internetseite der Kinderwunschtage, einer Publikumsmesse, die jetzt an diesem Wochenende in Köln stattfindet, werden so gut 20 Expertinnen und Experten präsentiert, und mehr als Dreiviertel davon kommen aus dem Ausland und betreiben meist in Südeuropa oder in den USA Firmen, in deren Namen der Begriff "Fertility Solutions" vorkommt. Sie bieten also Hilfe bei Fruchtbarkeitsproblemen, und das, deshalb sind sie aus dem Ausland, auch mit Methoden, die in Deutschland so nicht legal sind.

Das ist nicht alles, was auf der Messe stattfindet. Aber grundsätzlich geht es einfach darum, Menschen zu zeigen, was man alles so machen kann, wenn man auf natürlichem Wege kein Kind bekommen kann, aus welchen Gründen auch immer. Eine Veranstaltung, über die wir jetzt mit Sigrid Graumann reden wollen. Sie ist Ethik-Professorin im Fachbereich Heilpädagogik und Pflege an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, und sie ist auch seit gut zwei Jahren Mitglied des Deutschen Ethikrats. Schönen guten Morgen, Frau Graumann!

Sigrid Graumann: Morgen, Herr Kassel!

Kassel: Eine Verkaufsmesse, die über Möglichkeiten informiert, sich den Kinderwunsch zu erfüllen – die Nachfrage danach ist offenbar groß. Es gab vor Köln auch schon eine in Berlin, soll es nächstes Jahr auch wieder geben. Aber sollte man die Nachfrage auf diese Art und Weise bedienen?

Graumann: Ich meine, nein. Es handelt sich hier um eine Publikumsmesse, auf der medizinische Angebote gemacht werden, die ethisch problematisch sind und die in Deutschland verboten sind (…). Und wenn Sie sich mal überlegen, wir haben ja auch keine Publikumsmessen beispielsweise für Hüftoperationen. Wenn es um seriöse medizinische Angebote geht, haben wir so was normalerweise nicht. Ich denke, daran wird schon sehr ungeschminkt deutlich, dass man mit dem unerfüllten Kinderwunsch von Paaren sehr viel Geld verdienen kann, und dass es auch genau darum geht.

Investitionen in Kinderwunsch kann man versicherin lassen

Kassel: Es geht auch darum, zu suggerieren – ich hab es nirgendwo wörtlich gefunden im Zusammenhang mit der Messe, aber ich finde, man suggeriert schon, es gebe so eine Art Menschenrecht oder Grundrecht darauf, ein Kind zu bekommen. Juristisch ist das eindeutig nicht so. Wie sehen Sie es denn ethisch-moralisch? Gibt es ein solches Recht?

Graumann: Elternschaft bedeutet, eine Beziehung zu einem Kind einzugehen und auf eine Beziehung besteht jetzt erst mal grundsätzlich kein Recht. Es gibt kein Anspruchsrecht auf ein eigenes Kind. Wenn man sich die Angebote auf der Kinderwunschmesse so anguckt oder die Angebote, die da im Internet gemacht werden, da wird zum Teil von Erfolgsgarantien geredet, da werden Erfolgsraten in Aussicht gestellt. Man kann da sogar Versicherungen abschließen für die Beträge, die man hier investiert. Ich halte das schon für ziemlich schwierig.

Kassel: Diese "Fertility Solutions"-Firmen, die da auch aktiv sind, bieten meistens – es gibt auch noch ganz anderes – aber meistens Lösungen, die etwas mit Eizellenspenden und Leihmutterschaft zu tun haben. Das ist in Deutschland ja sehr kompliziert. Es ist schon richtig, wenn man sagt, das ist bei uns nicht erlaubt. Aber es ist ja zum Beispiel nicht illegal, im Ausland so etwas zu machen. Die Paare, die es tun, machen sich nicht strafbar, und die Mütter im Ausland, die sich zur Verfügung stellen, nicht, nur die Vermittler. So habe ich es zumindest bisher verstanden. Ist das nicht auch irgendwie gefährlich, dass wir da so eine rechtliche Grauzone haben?

Graumann: Ich halte die Gesetzgebung schon für richtig so. Dass die Kinderwunschpaare nicht bestraft werden für das, was sie in Anspruch nehmen, aber dass Ärztinnen und Ärzte, Mediziner diese Dinge bei uns nicht anbieten dürfen. Ich würde auch an den gesetzlichen Verboten, die ja durchaus auch kritisch diskutiert werden, ich würde daran festhalten wollen, vor allem aber, um potenzielle Eizellspenderinnen und Leihmütter vor Ausbeutung zu schützen.

Wohlstandgefälle zwischen Kinderwunschpaaren und Eizellspenderinnen

Kassel: Das kann ich verstehen. Aber so entsteht natürlich bei vielen, die den Kinderwunsch haben in Deutschland, der Eindruck, na ja, was nicht ausdrücklich verboten wird, ist erlaubt. Und strenggenommen ist es ja in dem Fall nicht so.

Graumann: Ja, und das ist auch problematisch. Das ist auch an den Kinderwunschtagen problematisch, dass hier eine Anspruchshaltung vermittelt wird, bei der eben die Frauen, die die Rohstoffe dafür liefern, die die Dienste liefern, die die Belastung und die Risiken auf sich nehmen, aus dem Blick geraten.

Kassel: Nun kann man natürlich argumentieren, wäre die Lage in Deutschland juristisch anders, dann hätte so eine Messe weniger zu tun. Wenn jede Ärztin, jeder Arzt in diesem Fachbereich das gesamte Spektrum anbieten könnte, die Krankenkassen mehr bezahlen würden, dann gäbe es diesen Markt gar nicht mehr, um den es da in Köln heute geht.

Graumann: Ich glaube, das wäre eine Scheinlösung. Man muss einfach sehen, dass die Angebote in den Ländern, in denen sie gemacht werden, wie die Ukraine für die Leihmütter, Tschechien, Spanien für die Eizellspenden, dass da zwei ganz wichtige Voraussetzungen, die wir nicht akzeptieren würden, gelten. Nämlich zum einen, dass es ein erhebliches Wohlstandsgefälle gibt zwischen den Kinderwunschpaaren auf der einen Seite und den Eizellspenderinnen und den Leihmüttern auf der anderen Seite. Sonst würden Frauen sich solchen belastenden und risikoreichen Prozeduren auch nicht unterziehen.

Und zum anderen, dass die Anonymität gewahrt bleibt. Das würden wir in Deutschland auch nicht akzeptieren. Und, was vielleicht auch noch wichtig ist, die Länder, in denen diese Angebote gemacht werden, verletzen auch europäische Regelungen. Nach europäischem Recht haben die Kinder ein Recht auf Kenntnis ihrer eigenen Herkunft, und diese Kenntnis wird ihnen vorenthalten, wenn den Eizellspenderinnen und auch den Samenspendern übrigens Anonymität zugesichert wird.

Krankenkassen sollten drei bis vier In-Vitro-Behandlungen bezahlen

Kassel: Es gibt auch das Argument, die Situation, die wir jetzt haben, sei sozial ungerecht. Denn wenn man eine Methode probieren möchte – das muss man vielleicht auch mal benutzen, dieses Verb "probieren", auch das muss ja nicht in jedem Fall funktionieren. Aber wenn man diese Methoden probieren möchte, dann wird das natürlich teuer, weil es auch grundsätzlich nicht von deutschen Krankenkassen bezahlt wird. Das heißt, das können sich dann nur besser Betuchte leisten. Das sei sozial ungerecht, habe ich nun auch mehrfach gehört.

Graumann: Ja, auch das wird diskutiert. Wir haben in Deutschland ja vor längerer Zeit mal die Situation gehabt, dass vier In-Vitro-Fertilisationszyklen bezahlt worden sind plus eben die gesamte Begleitbehandlung. Das ist nicht mehr so. Heute wird nur die Hälfte der Kosten übernommen. Das halte ich auch für problematisch. Ich fände es richtig, wenn die fortpflanzungsmedizinischen Behandlungen von den Krankenkassen getragen werden, zumindest, solange sie halbwegs erfolgversprechend sind.

Nach drei, vier Versuchen lassen die Erfolgsraten so nach, dass man das, denke ich, nicht mehr vertreten kann, das als Versicherungsleistung anzubieten. Aber wir haben es ja hier mit Behandlungen zu tun, wo auf die Ressourcen Dritter zurückgegriffen wird. Wir haben es mit ethisch problematischen Methoden zu tun bei der Eizellspende und bei der Leihmutterschaft. Und das, würde ich denken, dass es überhaupt nicht in der Diskussion ist, es auch noch über die Krankenkassen zu bezahlen.

Trotz Kritik den Kinderwunsch der Eltern sehr ernst nehmen

Kassel: Nun habe ich gerade gesagt, das und das, im Moment, habe ich schon gehört. Es gibt etwas, was mir dabei immer persönlich durch den Kopf geht. Wenn ein Kinderwunsch so stark ist, dass ich ihn fast schon als pathologisch bezeichnen möchte, also wenn man sagt, wir machen alles, ob seriös oder nicht, teuer, legal, alles egal, weil wir unbedingt ein leibliches Kind wollen – oder ich, es sind ja manchmal auch Einzelpersonen. Ist das nicht schon so extrem, dass man eigentlich auch ethisch-moralisch fast gehalten ist, eine ganz andere Hilfe anzubieten, eine eher psychotherapeutische?

Graumann: Die gibt es auch, die Hilfen. Durch Beratungsstellen, durch therapeutische Angebote. Aber ich denke trotzdem, bei aller Kritik, die ich eben auch geäußert habe, ich denke schon, dass man den Kinderwunsch der Eltern auch sehr ernst nehmen muss. Die Paare leiden schon sehr darunter, wenn sie kein eigenes Kind bekommen dürfen. Trotzdem, denke ich, muss man einfach auch die andere Seite sehen, nämlich diejenigen, die in Anspruch genommen werden, um diese Wünsche dann auch zu erfüllen.

Kassel: Die Ethikerin Sigrid Graumann über unerfüllte Kinderwünsche und eine Messe, die versucht, damit so viel Geld wie möglich zu verdienen. Frau Graumann, herzlichen Dank für das Gespräch!

Graumann: Danke Ihnen, Herr Kassel, und schönen Tag noch!

Kassel: Schönen Tag auch Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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