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Studio 9 | Beitrag vom 08.12.2015

Kinderfilmklassiker neu verfilmtNostalgie und Wohlfühlgarantie

Von Anna Wollner

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Almöhi (Bruno Ganz) und Heidi (Anuk Steffen) auf dem Weg ins verschneite Dörfli. (Studiocanal)
Almöhi (Bruno Ganz) und Heidi (Anuk Steffen) auf dem Weg ins verschneite Dörfli. (Studiocanal)

In der Vorweihnachtszeit werden gerne neue Kinder- und Familienfilme lanciert. Momentan geht der Trend aber zu Neuverfilmungen berühmter Klassiker, so auch "Heidi" und "Der kleine Prinz". Doch können die Remakes den berühmten Vorbildern das Wasser reichen?

Fast jeder kennt dieses Lied und fast jeder hat dazu sofort eine Assoziation. Ein kleines Mädchen mit großen Kulleraugen und kurzen braunen Haaren tollt in einem roten Kleid über eine Wiese in den Bergen So sieht Heidi zum Beispiel in der japanischen Anime-Serie von 1974 aus.

In der Realverfilmung mit Theo Lingen von 1952 ist alles noch schwarz-weiß, das Remake 13 Jahre später erstmals in Farbe. Und so ähnlich sieht Heidi auch in der filmischen Neuauflage von 2015 aus: Heidi ist ein liebenswürdiger knopfäugiger Lockenschopf, der nach dem Tod der Eltern beim Großvater in den Bergen geparkt wird und Bekanntschaft mit dem Geißenpeter macht.

"Komm hierher, Geißengeneral! Du nimmst das Mädchen heute mit auf die Alm. Denk dran, sie kennt die Berge nicht."
"Hoi, ich heiße Heidi.
"Komm. Hüh."

Emotionale Muster bleiben sich gleich

Heidi hat 1880 das Licht der Romanwelt erblickt, die Geschichte ist heute, 135 Jahre später, kaum bis gar nicht verändert. Heidi ist eine starke Heldin, zwischen dem harten Leben in den Bergen und der Großstadt Frankfurt hin- und hergerissen.

"Adelheid, die Bediensteten werden nicht geduzt. Wir essen hier mit Besteck. Man muss ihr ja die Urbegriffe beibringen."
"Schuldigung."
" Setz dich hin, Adelheid! Silence!"

Die emotionalen Muster und Denklinien der Neuverfilmung sind die gleichen wie in den anderen Verfilmungen. Es sind das Vertraute, die Motive der Heimat, der Freundschaft, der Liebe zur Familie aber auch zum eigenständigen Denken und Handeln, die diese Neuverfilmung des Klassikers rechtfertigen - Grundwerte des menschlichen Daseins und Miteinanders letztlich.

Aber die Generation, die mit Heidi 2015 aufwächst, wird andere Assoziationen haben als die Eltern und Großeltern, die eben mit der Serie von '74 oder dem Film von '54 groß geworden sind.

Neuverfilmung hat Zeitlosigkeit verloren

So ähnlich hat das schon bei "Das fliegende Klassenzimmer" funktioniert. Erich Kästners Roman wurde '54, '73 und 2003 verfilmt und jeweils angepasst an den Zeitgeist und die veränderten Lebensbedingungen.

2003 steht Mobbing auf der Agenda und aus dem aufgeführten Theaterstück wird ganz modern ein Rap.

Dadurch hat die neueste Verfilmung allerdings ihre Zeitlosigkeit verloren – und damit das Zeug, zum Klassiker zu werden.

Ein ähnliches Schicksal wird auch dem "kleinen Prinzen" widerfahren. Denn das Buch von Antoine de Saint Exupery ist zwar ein Bestseller, aber keine Verfilmung bisher über seine Zeit hinweg erfolgreich. Hier wird jetzt versucht, dem Werk durch eine Rahmenhandlung in modernster Computeranimation einen modernen Anstrich zu verleihen.

Die Ursprungsgeschichte in Stopp-Motion-Technik ist dabei gleich geblieben, aber das Drumherum ist neu: ein kleines Mädchen, das von ihrer Mutter auf Erfolg getrimmt wird, lernt durch ihren Nachbarn, einen alten verknatterten Piloten, die Geschichte des kleinen Prinzen kennen.

"Es war einmal ein kleiner Prinz, der wohnte auf einem Planeten, der kaum größer war als er selbst. Und er brauchte einen Freund. Ich dachte, du könntest einen Freund gebrauchen. Hier bin ich. Hier oben. Ja hier."

Die Eltern entscheiden

Bei Kinderfilmen sind es oft die Eltern, die entscheiden, was der Nachwuchs zu sehen bekommt und was nicht. Dabei muss es nicht immer eine Neuverfilmung sein. "Pippi Langstrumpf", "Ronja Räubertochter" oder "Momo" funktionieren auch heute noch auf DVD. "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel", das tschechische Kindermärchen von 1973 läuft an den Weihnachtsfeiertagen über zehn Mal im Fernsehen.

Ein Stück Nostalgie muss eben dabei sein. Denn wenn sich bei den Erwachsenen nicht das vertraute Gefühl einstellt, etwas zu sehen, das positive Erinnerungen an Seherlebnisse weckt, wird auch das Kind nicht reingeschickt oder vor den Fernseher gesetzt. Wenn dieses Wohlfühlgefühl nicht weitergeben wird, hat es jeder Film schwer, ein Klassiker zu werden.

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