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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.03.2014

KinderbuchWenn das Dunkel spricht

Lemony Snicket/Jon Klassen: "Dunkel"

Von Sylvia Schwab

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Schlaflos - das Photo zeigt zwei erleuchtete Fenster bei Nacht. (dpa)
Angstmacher Nummer eins für Kinder: die Dunkelheit (dpa)

Im Buch des Autors Lemony Snicket und des Illustrators Jon Klassen erwacht die Dunkelheit zum Leben. Ein Bilderbuch-Ereignis mit tollen Illustrationen und einem klaren, kurzen und tiefgründigen Text.

"Leo fürchtete sich vor dem Dunkel. Das Dunkel wohnte im selben Haus wie Leo, einem großen Haus mit einem knarrenden Dach, glatten, kalten Fensterscheiben und allerlei Treppen."

Tagsüber sitzt das Dunkel nur in ein paar abgelegenen Ecken und unten im Keller, aber nachts verteilt es sich im ganzen Haus. Und eines Nachts kommt das bedrohliche Dunkel sogar in Leos Zimmer und spricht den Jungen mit einer knarrenden, kalten Stimme an. Es führt Leo durch das ganze dunkle Haus, bis in die hinterste Kellerecke und zur untersten Schublade der alten Kommode. Und Leo begreift, dass das Dunkel nicht gefährlich, sondern nur das notwendige Gegenteil des Lichts ist. Dass es schützt und behütet. Und so hat der Junge von nun an keine Angst mehr vor dem Dunkel.

Unnötiger Zwischenruf 

Eine einfache Geschichte, die nur einen Fehler hat: Dass sich der Text, der ansonsten so schön klar, kurz und tiefgründig ist, an einem Punkt die Bilderbuch-Fiktion durchbricht. Da wendet er sich direkt an den kleinen Betrachter und erklärt ihm, dass das Dunkel überall und ohne Dunkel alles hell ist.

"Und dann wüsstest du nie, ob du eine Glühbirne brauchst."

Dieser Zwischenruf ist total unnötig und störend, er zeigt, dass Lemony Snicket seiner Geschichte und Jon Klassens Bildern nicht ganz vertraut.

Es geht in "Dunkel" um Angst und Mut, Bedrohung und Phantasie. Diese Begriffe kommen aber im Text nicht vor, und das macht ihn so stark. Leo stellt sich seiner Angst und geht nachts hinunter in den Keller. Nicht die Schublade mit den Glühbirnen "rettet" ihn, sondern seine Selbstüberwindung. Weil seine Gefühle nicht benannt werden, kann und muss sie sich jedes Kind selbst vorstellen oder deuten.

Dunkler geht nicht

Ein Bilderbuch-Ereignis wird "Dunkel" durch die Bilder von Jon Klassen. Sie sind flächig, verhalten in den Farben und von linearen Formen. Treppe oder Bodendielen deutlich strukturiert. Großartig und bestimmend sind die Hell-Dunkel-Kontraste. Ganz scharf sind die beiden Bereiche voneinander getrennt, wie Schlaglichter fallen die letzten Sonnenstrahlen, das Licht von Leos Taschenlampe oder die Helligkeit der Glühbirne ins tiefe Dunkel des Hauses. Auf einigen Seiten ist der Text weiß auf Schwarz gesetzt – dunkler geht nicht.

Jon Klassen hält in seinen Bilderbüchern seine Figuren so klein, dass sie aus dem Fokus der Geschichten herausrutschen und dem wirklichen Protagonisten Raum lassen. War das in "Das Haus in den Bäumen" das alte Holzhaus, so ist es hier das Dunkel selbst, das im Mittelpunkt steht. Indem es mit Leo spricht, wird es zum Lebewesen – ganz dem magischen Denken von Kindern entsprechend. Zum Lebewesen, das gut oder böse, Beschützer oder Gefahr sein kann. Vergleicht man das erste und das letzte Bild – Leo in seinem Zimmer, die Sonne geht unter, scharfe Schatten – deuten nur winzige Unterschiede an, welche Entwicklung stattgefunden hat: Leo steht am Schluss keine Angst mehr ins Gesicht geschrieben und die Taschenlampe braucht er auch nicht mehr. Eine eindrückliche Geschichte in klaren Bildern und leisen Tönen.

Lemony Snicket/Jon Klassen: Dunkel
Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Bodmer
NordSüd Verlag, Zürich 2014
48 Seiten, 14,95 Euro, ab 4 Jahren

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