Kinderbuch

Wahrheiten über die Giraffe und den Truthahn

Eine Giraffe © picture alliance / dpa
Von Eva Hepper · 04.06.2014
Ein Klassiker in der Neuauflage: der Kinderbuchklassiker "Drôles de bêtes" mit den Tierillustrationen aus der Feder von André Hellé. Es ist ein Werk mit charmanten Bildern und vor Esprit und Humor sprühendem Text.
Das Schaf hat er nur als Umriss gemalt, eine hellblaue Linie markiert seinen Körper. Den Affen legte er als flächige braune Silhouette an mit einem weit über den Bildrand hinausragenden Schwanz. Und das Krokodil setzte er auf einem tiefschwarzen Hintergrund allein aus grünen und gelben Strichen zusammen, die zum Schwanzende hin immer dünner werden.
Die fantasievollen Tierillustrationen stammen aus dem Kinderbuchklassiker "Drôles de bêtes" von André Hellé. 1911 hatte der französische Künstler zwanzig Tiere in Bild und Text porträtiert; darunter Exoten wie den Tiger, die Giraffe oder den Marabu und mit dem Hund, dem Frosch oder der Gans auch einheimische Vertreter. Über 100 Jahre später erscheint Hellés Werk jetzt als Faksimile im Großformat erstmals auf Deutsch.
Jedem Tier widmet André Hellé zwei Seiten. Einer Überschrift gleich, erscheint es zunächst als zart koloriertes Bild. Wie beschrieben, wählt der Illustrator dafür einfache Mittel und Formen. Akzente setzt er durch seine pastellene Farbgestaltung und die Betonung typischer Merkmale wie etwa der Löwenmähne oder dem Schwanzgefieder des Paradiesvogels. In der Originalausgabe waren diese Porträtbilder eingeklebt, im Faksimile sind sie dick schwarz umrandet und geben so die ursprüngliche Optik überzeugend wieder. Für ihre Zeit waren die Illustrationen erstaunlich revolutionär und von Künstlerkollegen wie etwa Apollinaire viel bewundert. Und auch noch heute wirken sie verblüffend modern.
Dem jeweiligen Porträtbild folgen ein handschriftlicher Text (Hellés Originalhandschrift) und liebevoll gestaltete Zeichnungen. Hier werden die Tiere innerhalb kleiner Geschichten und in ihrer Nähe zum Menschen gezeigt; nicht in naturgetreuer Darstellung, sondern in der Anmutung von kleinen Spielzeugfiguren. Tatsächlich war der 1871 als André Laclôrte geborene Illustrator - Hellé war sein Künstlername - auch als Holzspielzeug- und Kindermöbeldesigner erfolgreich. Inspiriert wurde er von dem naiven Stil des damals weltbekannten Nürnberger Tands, dem ersten industriell hergestellten Kinderspielzeug.
Wunderbar passt zu diesen charmanten Bildern Hellés vor Esprit und Humor sprühender Text. Den Marabu etwa beschreibt er als Griesgram, der "von vorn wie ein alter Mann in einem schäbigen Anzug" aussehe. Die Giraffe befragt er nach ihren Erfahrungen mit Schwindel, und den Stolz des Truthahns glaubt er in dessen Wissen auszumachen, einmal als stattlicher Braten zu enden.
Ob man das Kindern erklären muss? Problematischer als manches Finale der porträtierten Tiere im Kochtopf erweist sich der verlegerische Verzicht auf jegliche Kommentierung des zeitgeschichtlichen Kontextes. Dass in Hellés Bildern immer wieder dunkelhäutige Menschen im Bastrock erscheinen, die vor wilden Tieren Reißaus nehmen, während die Hellhäutigen stets auf der Siegerseite stehen, ist einordnungsbedürftig. Der Verzicht darauf ist ein kleiner Wermutstropfen in der sonst so außerordentlich schönen Faksimile-Ausgabe, die es endlich ermöglicht, den Kinderbuchklassiker auch auf Deutsch zu entdecken.

André Hellé: Meine große Tiermenagerie
Aus dem Französischen von Susanne Schmidt-Wussow,
Knesebeck Verlag, München 2014, 48 Seiten, 22 Euro

Mehr zum Thema