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Weltzeit | Beitrag vom 12.02.2020

Kinderarbeit in IndienUnicef soll bei Vertuschung geholfen haben

Von Bhavya Dore, Ankush Kumar, Ajachi Chakrabarti und Petra Sorge

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Ruby webt mit anderen Mädchen Teppiche. (Deutschlandradio)
Diese Mädchen müssen Teppiche weben, um den Lebensunterhalt für die Familie mit zu bestreiten. (Deutschlandradio)

Unicef kämpft für Kinderrechte, muss dabei aber mit nationalen Regierungen zusammenarbeiten. In Indien wurde die Organisation vom Staat und der Industrie zu Berichten hinzugezogen, die die Wahrheit über Kinderarbeit verschleiern sollten.

Eine knappe Stunde entfernt von der Touristenstadt Agra, wo das weltberühmte Taj Mahal steht, liegt das Dorf Suraj Malkapura. Die meisten Familien hier haben weder fließend Wasser noch Toiletten, manchmal auch keinen Strom. Im Hof eines Hauses steht ein großer Webstuhl. Dahinter kauern fünf Mädchen. Sie knüpfen einen Teppich - einen der vielen, die nach Deutschland, Europa oder Amerika exportiert werden. Der Kinderrechtsaktivist Dilip Sevarthi von der Hilfsorganisation Vikas Sansthan ist gekommen, um sich nach den Kindern zu erkundigen.

Kinderarbeit, weil das Einkommen nicht reicht

Er spricht mit Ruby, die neun Jahre alt ist. Vor einem Jahr hat sie mit Teppichknüpfen angefangen, zusammen mit ihrer Schwester Rinky. Ihr Vater hat sie angelernt.

"Ich arbeite hier und viele andere Mädchen wie ich arbeiten auch."

Ruby und ihre Schwester Rinky gehen seit kurzem wenigstens in der Mittagspause für drei Stunden zum Unterricht. Sevarthis Nichtregierungsorganisation ermöglicht das. Beide würden gerne mehr lernen. Doch ihre Mutter Usha, selbst Hausfrau, erklärt, dass das Geld einfach nicht reicht.

"Wenn sie lernen möchten, können sie lernen. Aber wer macht dann die Arbeit? Deswegen sage ich: Wenn die Kinder nicht gehen, woher kommt dann das Geld?"

Der Menschenrechtler Sevarthi bestätigt, dass Kinderarbeit hier ein weit verbreitetes Problem ist.

"Viele Kinder arbeiten im Teppichsektor. Sie sind sehr jung und gehören zu sehr armen Teilen der Gesellschaft. Die Familien brauchen das Geld. Ihre Väter sind Analphabeten, haben kein Geld, keinen Job und müssen im unorganisierten Sektor arbeiten. Sie brauchen mehr Einkommen für die Haushaltsausgaben, für die Kinder. Darum arbeiten alle Kinder, Mutter, Vater, jeder hier. Denn schließlich müssen sie ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Teppichreport von Regierung und Unicef: Keine Kinderarbeit!

Vor einem Jahr hat Sevarthi das auch einem Filmteam der ARD-Sendung Plusminus erzählt. Doch seine Aussage ist bei den Behörden in Indien umstritten. Denn eine Studie der staatlichen indischen Kinderrechtsorganisation NCPCR behauptet, dass es im Teppichsektor keine Kinderarbeit gibt.

Deutschlandradio liegt eine zwölfseitige Zusammenfassung vor. Demnach hat die Behörde mit dem Verband der indischen Teppichexporteure und mit der Kinderrechtsorganisation Unicef zusammengearbeitet, Anlass war die ARD-Dokumentation. Unicef habe an einem Auditing, an vier Fragebögen und einem technischen Treffen in Agra mitgewirkt, heißt es in dem Bericht. Als Ergebnis wird festgehalten:

"Alle Kinder zwischen sechs und 16 Jahre aus den Arbeiterfamilien und Heimstätten sind in anerkannten staatlichen oder privaten Schulen registriert. Das wurde durch die Umfrage sichergestellt."

Die Gutachter haben möglicherweise Kinder an Webstühlen in Privathäusern – also den Heimstätten – gesehen. Das ist aber seit 2016 legal – damals wurde das Gesetz zur Kinderarbeit novelliert: Wenn ein Kind seiner Familie hilft oder in einem Familienunternehmen arbeitet, gilt es nicht als Kinderarbeit, sofern dies nach der Schule oder in den Ferien geschieht. Dazu heißt es in der Studie:

"Es wurde kein Kind gefunden, dass arbeitete, um damit zum Familieneinkommen beizutragen und dabei Unterrichtsstunden oder Spielzeit versäumte."

Leere Klassen in einer Grundschule

Eine Grundschule in Suraj Malkapura, elf Uhr morgens, ein normaler Schultag. Wir finden nur einen einzigen Schüler. Lehrerin Aisha Sabreen sagt, eigentlich müssten 75 Kinder kommen. Aber meistens laufe es anders:

"Sie kommen nie regelmäßig zur Schule, vielleicht an jedem zweiten Tag. Sie sehen hier zwei Schüler anwesend, und am nächsten Tag fehlen sie wieder – sie bringen keine Stifte, keine Kopien, es gibt keine Pünktlichkeit, nichts. Das ist heute ein besonderer Zustand, weil hier Ernte ist. Ich glaube, das ganze Dorf ist damit beschäftigt."

Die Mutter, der Menschenrechtler, die Lehrerin: Alle bestätigen, dass es in Suraj Malkapura Kinderarbeit gibt. Auch die Menschenrechtsorganisation Terre des Hommes hat 2019 im gleichen Bundesstaat – Uttar Pradesh – Kinder an Webstühlen dokumentiert. Warum also bestreitet das der Teppichreport der indischen Regierung und von Unicef? Auf Nachfrage teilt eine Pressesprecherin der Unicef-Zentrale in New York mit:

"Unicef war nicht an der Entstehung dieses Berichts beteiligt. Wir haben mit der indischen Kinderrechtskommission gesprochen, um sicherzustellen, dass unser Logo auf keinem Material verwendet wird, das wir nicht geprüft haben."

Spurensuche: Rolle der Unicef

Uns jedoch liegen Sitzungsprotokolle vor, die beweisen, dass Mitarbeiter von Unicef sehr wohl an der Vorbereitung der Teppichstudie beteiligt waren. Demnach war am 11. November 2018 eine Unicef-Kinderschutzspezialistin aus Delhi dabei, als der kritische Dokumentarfilm der ARD und der Rechercheplan für die Feldstudie diskutiert wurden.

Eine Konvention über die Rechte des Kindes von Unicef liegt auf einem blauen Untergrund. (imago images/Steinach)Unicef selbst hat sich der Einhaltung von Kinderrechten verschrieben. Einschätzungen zum Thema Kinderarbeit in Indien werfen aber Fragen auf. (imago images/Steinach)
Laut Unicef in New York informierte die Mitarbeiterin die Regierungskommission hinterher, dass das Kinderhilfswerk an der Studie nicht mitwirken werde. Weitere Quellen belegen jedoch, dass später auch noch zwei weitere Unicef-Berater an der Feldstudie beteiligt waren. Die Unicef-Sprecherin in New York erklärt, diese seien von der Distriktverwaltung und dem Arbeitsministerium des Bundesstaats hinzu gebeten worden.

"Mitarbeiter oder Berater von Unicef nehmen auf Einladung an vielen Treffen mit verschiedenen Interessenvertretern und Partnern teil. Das heißt nicht, dass Unicef an der Studie teilgenommen habe, geschweige, dass die Ergebnisse mit uns geteilt wurden."

An anderen Studien hat Unicef aber sehr wohl teilgenommen. 2017 und 2018 war das. Damals untersuchten indische Beamte Kinderarbeit im Granitbergbau. Obwohl die sogenannten Fakten-Findungs-Studien in vier verschiedenen Bundesstaaten durchgeführt wurden, sind sie identisch aufgebaut. Selbst das Fazit ist nahezu wortgleich. Darin heißt es:

"Die Granitindustrie ist komplett mechanisiert, es gibt keinen Raum für händische Arbeit, vor allem nicht für Kinderarbeit."

Kinderarbeit im Granitsektor: zwischen Studie und Wirklichkeit

Einer der Orte, an dem die Beamten waren, ist Ballikuruva im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh. Die Arbeitsbedingungen sind harsch, es fehlt oft an Schutzkleidung, riesige Sägen sind nicht abgesichert. Obwohl hier laut Granitbericht alles in Ordnung sein soll, finden wir einige Jugendliche. Zum Beispiel Bandi Venkatesh, 15. Er ist im Granittagebau "Sri Sreenivasa" als Hilfsarbeiter tätig, sagt, dass die Schulbildung nichts genützt habe und er noch immer nicht Zeitung lesen könne.

"Bildung bringt nichts, ich kann nichts lernen. Was auch immer meine Eltern in Bildung investiert haben, war überflüssig."

Ein Steinbruch in Indien, in dem Kinder arbeiten. (Deutschlandradio)Ein Steinbruch in Indien, in dem Kinder arbeiten. (Deutschlandradio)
2017 hat die niederländische Menschenrechtsorganisation ICN, die sich inzwischen Arisa nennt, ebenfalls die Lage im indischen Granitsektor untersucht. Die Experten fanden Minderjährige in sieben von 22 untersuchten Steinbrüchen. Die Ergebnisse waren auch der Anlass, warum die indische Regierung selbst tätig wurde. Der damalige Studienleiter Davuluri Venkateskarlu von Glocal Research räumt ein, dass Kinderarbeit deutlich zurückgegangen sei – auch dank der staatlichen Interventionen.

"Aber in der Altersgruppe zwischen 15 und 18 Jahren gibt es immer noch einige Kinder, trotz der Änderungen und Verbesserungen in den Bergbau- und Verarbeitungsaktivitäten."

Wenig glaubhafte Regierungsstudie

Die Ergebnisse der indischen Beamten und von Unicef kann Rechercheur Venkateskarlu daher nicht nachvollziehen – und übt heftige Kritik:

"Jeder Bericht, der von diesen Behörden kommt, wird als sehr glaubhaft angesehen. Deshalb hätte der Bericht eindeutig erwähnen müssen, was klar verboten ist."  

Auf Nachfrage räumt die Unicef-Studienleiterin Kandhari ein: Die beiden Berichte über Kinderarbeit im Granitsektor hätte man vielleicht doch nicht so absolut formulieren sollen.

"Ja, es besteht die Möglichkeit, dass es artverwandte und mit den Minen verbundene Arbeiten gibt, in denen Kinder möglicherweise involviert sind. Selbst wenn man die Kinder nicht direkt im Tagebau sieht, arbeiten viele Kinder zu Hause, etwa mit den  Schutt- und Abraummaterialien oder Ähnlichem."

Unterschiede zwischen Unicef Indien und Unicef-Zentrale

Die Pressestelle von Unicef Indien erklärt, sie stimme mit den Erkenntnissen der beiden Granitberichte überein. Als wir bei der Unicef-Zentrale in New York nachhaken, versucht man dort aber, die Studien kleinzureden. Die Formulierung in beiden Berichten, es gebe keinen Raum für Kinderarbeit in der Granitindustrie, sei "unglücklich". Zudem seien die Berichte "sehr klar" lokal begrenzt und deckten nicht den gesamten Bergbausektor Indiens ab.

Lokal sind sie nicht geblieben – sie zirkulieren längst unter deutschen Steinimporteuren, und sind ein weiteres Argument für diejenigen, die die Ausbeutung von Minderjährigen in Indien kleinreden wollen. Dabei hilft auch die Teppichstudie, an der Unicef-Mitarbeiter beteiligt waren. Denn Händler und indische Diplomaten beziehen sich auf die indische Kinderrechtskommission, wenn sie in ihrer Pressemitteilung verbreiten:

"Wir beabsichtigen, strenge rechtliche Schritte gegen Organisationen oder Einrichtungen oder Filmproduzenten zu unternehmen, die falsche, aus der Luft gegriffene, grundlose, einseitige und bösartige Behauptungen aus Eigennutz in die Welt setzen und so das Image einer Industrie und eines ganzen Landes verderben."

Die Recherche wurde ermöglicht durch die Unterstützung von Netzwerk Recherche.

Es gibt auch positive Entwicklungen: In der nordindischen Bergstadt Kalimpong konnten in den vergangenen zehn Jahren 500 Kinder von Kinderarbeit befreit werden. Ein Vorzeigeprojekt, das längst über die Distriktgrenzen hinaus bekannt ist, wie Susanne Arlt herausfand.

Die Recherche wurde ermöglicht durch die Unterstützung von Caritas International.
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