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Im Gespräch | Beitrag vom 25.05.2020

Kinder- und Jugendbuchautorin Nasrin Siege "Ich bin eine Reisende zwischen Kulturen"

Moderation: Tim Wiese

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Nasrin Siege schaut freundlich in die Kamera. (picture alliance / Rolf Vennenbernd)
Die Autorin Nasrin Siege (picture alliance / Rolf Vennenbernd)

Die Autorin Nasrin Siege hat viele Jahre in Afrika gelebt, hat sich dort um Straßenkinder und Blinde gekümmert und ist so auch auf die Idee zu ihrem neuen Buch gekommen: "Asni" erzählt von der Zwangsheirat junger Mädchen in Äthiopien.

Asni ist ein 13-jähriges äthiopisches Mädchen von der Straße. Sie soll als Zweitfrau verheiratet werden, dabei will sie eigentlich nur in die Schule gehen. "Asnis" Geschichte erzählt Nasrin Siege in ihrem neuen Jugendbuch.

Seit 1983 hat die Kinder- und Jugendbuchautorin in verschiedenen afrikanischen Ländern gelebt und in Projekten gearbeitet, darunter in Tansania, Sambia, Madagaskar und zuletzt in Äthiopien. 1996 gründete sie den Verein "Hilfe für Afrika".

Auch wenn es sich bei "Asni" um eine fiktive Erzählung handelt, Mädchen wie Asni sind Nasrin Siege immer wieder begegnet.

Die Idee für das Buch "habe ich bekommen von den Frauen und Mädchen in einem Blindenprojekt. Und in einem anderen Projekt, das ist ein Straßenkinderprojekt."

"Kinderehen sind ein offenes Geheimnis"

Kinder, die verheiratet werden: "In Äthiopien ist das ein offenes Geheimnis", erzählt Nasrin Siege, obwohl es verboten sei. "Das ist so tief verankert in der Kultur, dass man im Grunde gar nicht dagegen argumentieren kann."

Als Psychologin und Pädagogin hätte sie gerade mit den Kindern versucht, "therapeutisch vorzugehen".

Viele würden ihr Leben auf der Straße oder eine Zwangsverheiratung als ihr Schicksal begreifen: "Ich habe mit Straßenkindern gearbeitet, die gesagt haben: 'Weil ich böse bin, ist mir das passiert, ein böser Zauberer hat das gemacht.'"

Allein schon mit Mädchen und jungen Frauen über Zwangsheirat zu sprechen, erscheint als eine besondere Herausforderung. Aber wie kommt man als Zugezogene ins Gespräch mit den Kindern und Jugendlichen?

"Ich selbst bin ja auch eine Reisende zwischen Kulturen. Ich bin zwischen Kulturen aufgewachsen, und so fällt es mir leichter, einen Zugang zu kriegen, weil ich sehr vieles einfach schon kenne durch mein eigenes Aufwachsen."

Von Teheran nach Hamburg

Geboren wurde Nasrin Siege 1950 in Teheran, acht Jahre lebte sie im Iran. Warum die Eltern nach Deutschland gingen? Viel will die heute 70-Jährige nicht darüber erzählen, nur dies: "Das war keine leichte Zeit für meine Eltern. Damals war der Schah noch an der Macht. Mein Vater hatte in dieser Zeit, denke ich, Probleme mit der politischen Situation."

Nasrin Siege und die Eltern landeten in Hamburg. Für die kleine Nasrin war Deutschland zunächst "ein großes Abenteuer". Sie ging davon aus, dass die Rückkehr in den Iran nur eine Frage der Zeit wäre. 

Damals, 14 Jahre nach dem Ende des II. Weltkriegs, "war ich eine der wenigen schwarzhaarigen, ein bisschen dunkelhäutigen Kinder. Ich würde nicht sagen, dass es Diskriminierung war, sondern eher so diese Ausgrenzung, die ich erlebt habe."

Die "dreckige Hautfarbe" mit Seife waschen

Diese Erfahrungen hat Nasrin Siege in einem früheren Buch verarbeitet. In "Shirin" beschreibt sie den Weg eines iranischen Mädchens nach Deutschland.

In der autobiografischen Erzählung bekommt das Mädchen Shirin ein Stück Seife von einer Mitschülerin, sie solle sich damit die "dreckige Hautfarbe" abwaschen.

"Das ist eine authentische Szene, das ist mir passiert. Bestimmte Dinge, die mich damals verletzt hatten, da hab ich gedacht: 'Ich muss das schon bringen!'. Das ist auch ganz wichtig, auch heute wieder, für Mädchen und Jungs, die neu nach Deutschland kommen und ähnliche Situationen erleben, damit sie auch sehen können: Das hat es auch vorher gegeben."

Die Eltern wurden immer fremder

Nasrin Siege konnte sich in Deutschland zunächst kaum verständigen. Wie auch, im Iran hatte sie Farsi gesprochen. Die Kontakte in der Schule halfen ihr, führten aber auch zu Problemen mit den Eltern.

"Mein Deutsch wurde immer besser, aber mein Farsi blieb auf dem Stand der Achtjährigen. Wir Kinder, also ich mit meinen Geschwistern, wir unterhielten uns nur noch auf Deutsch. Mit unserer Mutter sprachen wir Farsi, oft auch mit deutschen Worten, die wir gar nicht mehr kannten in Farsi. Diese sprachliche Entfremdung verstärkte natürlich auch die Beziehungsentfremdung, also die Entfremdung zu den Eltern."

Nach all den Jahren in Deutschland, den langen Aufenthalten in Tansania oder Äthiopien, "ist Deutschland für mich Heimat geworden, ich fühle mich aber auch zugehörig zu Afrika", erzählt Nasrin Siege.

Mit Deutschland verbinde sie vor allem "die Landschaft, ich bin unheimlich gerne im Wald. Ich mag die Jahreszeiten. Die Sprache ist für mich auch ganz wichtig. Ich fühle mich einfach wohl in Deutschland".

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