Ostsee-Restaurants

Kinder müssen draußen bleiben

10:18 Minuten
Das Foto zeigt zwei kleine Kinder in Rückenansicht:. Sie  sitzen auf Holzpfählen am Strand. Ein Kind trägt einen Sonnenhut. Strand und Meer sind leer.
Einige Ostsee-Restaurants in Mecklenburg-Vorpommern haben kleinen Kindern ein Zutrittsverbot erteilt: Sie würden Lärm und Stress in den Gastraum bringen, so das Argument. © picture alliance / Andreas Gora
Von Silke Hasselmann · 17.08.2022
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Ein Restaurantbesitzerpaar im Ostseebad Dierhagen hat die Nase voll: Künftig bewirten sie keine Kinder unter zwölf Jahren mehr. Die Kleinen seien laut, ungezogen und eine Zumutung fürs Servicepersonal. Der Kurdirektor bemüht sich um Schadensbegrenzung.
Ostseebad Dierhagen am Eingang zur Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Strandstraße, Restaurant "Schipperhus" in einem schilfgedeckten Bauernhaus. Schon diese kurze Beschreibung klingt nach Sommer, Sonne und Entspannung. So soll es bleiben, denkt sich Ricarda Biebl im Frühjahr dieses Jahres und hängt nach reiflicher Überlegung ein DIN-A4-Blatt an die Scheibe der gläsernen Eingangstür.
"Liebe Gäste", steht da zu lesen. "Aufgrund vieler unschöner Ereignisse in der Vergangenheit haben wir uns dazu entschlossen, keine Familien mit Kindern unter 12 Jahren mehr zu bewirten. Das Team vom Schipperhus."

Zu laut für das Erholungsambiente

Das Servicepersonal und sie selbst seien nicht für die Beschäftigung der Kinder zuständig, sagt die Eigentümerin und Gastronomin Ricarda Biebl auf die Frage nach dem Warum. Sie und ihr Mann haben das ehemalige Bauernhaus vor einigen Jahren erworben, saniert und im Mai 2018 als Restaurant "Schipperhus" an den Start gebracht.
Hinter den weißgetünchten Lehmwänden im schwarzbraunen Holzfachwerk erwartet die Gäste ein erholsamer Aufenthalt bei gutbürgerlicher, fischbetonter Küche. Doch schon längere Zeit beobachtet die erfahrene Gastronomin, dass sich immer mehr Eltern in Gasthäusern schlichtweg nicht mehr oder nicht genügend um ihren minderjährigen Anhang kümmern.

Das Maß ist voll

Zu Beginn der Hochsaison 2022 findet sie: Das Maß ist voll, ab jetzt nur noch mit der Zutrittsbeschränkung. "Weil es mir einfach massiv auffällt, dass allgemein die Wertschätzung der Gastronomie nicht mehr gegeben ist. Dass einfach nicht mehr Obacht gegeben wird. Dass jeder sich selbst der Nächste ist. Dass vorzugsweise die Eltern mehr mit sich selbst beschäftigt sind als mit den Kindern."

Immer wieder werden wir auch beschimpft, wenn wir zum Tisch gehen und sagen: 'Du musst ein bisschen leiser sein. Wir sind ein ganz kleines Restaurant.'

Kellnerin im Ostseebad Dierhagen

Nun ist Ricarda Biebl seit knapp 30 Jahren im Gastronomiegeschäft unterwegs und weiß, dass gerade jüngere Kinder schnell ungeduldig werden. Erst recht, wenn sie müde, hungrig, gelangweilt sind. Doch es geht ihr entschieden zu weit, dass immer mehr Erziehungsberechtigte auch dann noch unentwegt auf ihren Smartphones herumspielen, wenn das Essen serviert ist. Dass sie nicht einschreiten, wenn ihre Kinder ein Restaurant zum Ersatzspielplatz machen, auf dem das Recht der Lautesten und Quengeligsten gilt.
"Wenn was passiert im Geschäft. Meine Bedienungen sind im Stress. Die laufen mit heißen Tellern, kommen durch die Schwingtüren aus der Küche, mit heißen Saucieren. Und dann passiert etwas. Das wollen wir nicht. Das wollen wir vermeiden."

Unschöne Erlebnisse im Gastraum

Brenda Zimnitzki, eine brünette Kellnerin von Anfang 40, hat schon etliche "unschöne Vorfälle" im Gastraum miterlebt und beschreibt sie lebhaft.
"Es kann halt nicht sein, dass, wenn wir arbeiten, wir fremde Kinder erziehen müssen. Immer wieder werden wir auch beschimpft, wenn wir zum Tisch gehen und sagen: 'Du musst ein bisschen leiser sein. Wir sind ein ganz kleines Restaurant'", erzählt sie.
"Sieben Tische haben wir nur. Und wenn dann die Eltern aber sagen: 'Ja, mein Kind muss sich entfalten.' Das geht nicht.  Das funktioniert nicht. Ein bisschen Ruhe, Atmosphäre muss schon sein. Es funktioniert nicht, wenn Kinder hier herumlaufen und schreien. Wir sind kein McDonald´s, sondern ein kleines Restaurant. Ein Familienbetrieb."
Auch auf der Internetseite des Restaurants "Schipperhus" findet sich etwas versteckt neben Hausgeschichte, Speisekarte, Öffnungszeiten der Hinweis: "Familien mit Kindern unter 12 Jahren werden bei uns nicht mehr bewirtet." Eine bewusste Diskriminierung nach Alter. Verständlich oder überflüssig?

Wie sehen das Einheimische und Urlauber?

Einheimische und Urlauber in Dierhagen sehen das unterschiedlich. Einige zeigen Verständnis und können die Bedenken der „Schipperhus“-Belegschaft verstehen – und sehen die Eltern in der Pflicht, ihren Kindern beizubringen, dass man auch mal zehn Minuten ruhig sitzen kann. Andere finden: Geht gar nicht, das passt nicht in unsere heutige Zeit!
Eine junge Mutter meint: „Es ist wirklich traurig. Kinder sind das Leben. Kinder sind die Zukunft. Und die haben genauso Rechte wie die Erwachsenen."
Doch auch Erwachsene hätten nun mal kein Recht auf Rücksichtslosigkeit gegenüber Personal und anderen Gästen. Das findet jedenfalls mit Rudolf Markl ein weiterer Gastronom an der vorpommerschen Ostseeküste.

"Wenn das Kind einen Kloß vom Teller nimmt, auf der weißen Stoffdecke hin und her rollt, die Eltern sitzen daneben und amüsieren sich darüber, dass sich das Kind 'entfalten' kann. - Kann es gern machen. Aber nicht bei uns."

Gute Manieren, Toleranz und Rücksichtnahme

Rudolf Markl ist ein ideenreicher Bayer, den es auf die Insel Rügen gezogen hat. 2006 gründet er im Ostseebad Binz "Oma‘s Küche". Und zwar lange vor dem deutschen Nichtrauchergesetz als nikotinfreies Café und Restaurant.
Der Mann mit dem Schnauzbart legt viel Wert auf Gastlichkeit, wozu er gute Manieren aller Beteiligten zählt, Kinderfreundlichkeit und ein ausgewogenes Verhältnis von Toleranz und gegenseitiger Rücksichtnahme.

Die eigentlichen Verursacher sind die Eltern, die nicht mehr in der Lage sind, ihre Kinder zu erziehen.

Rudolf Markl, Gastwirt auf Rügen

Doch weil Letzteres in einem bestimmten Altersbereich mittlerweile zu selten funktioniert, ist "Oma´s Küche" seit exakt vier Jahren ab 17 Uhr für Kinder unter 14 Jahren tabu.

Das bedauern ein Urlauber und sein 13-jähriger Sohn. "Wir sind Familienmenschen, und dann gehört das auch irgendwo dazu, dass Kinder dabei sind, und dass ganz normales Familienleben auch gelebt werden kann“, sagt der Vater. Und der Sohn ergänzt: "Ich finde das unfair. Warum dürfen da keine Kinder hin? Ich würde gern was mit meinen Eltern zusammen machen und nicht irgendwo zu Hause rumsitzen."

"Eltern geben ihre Verantwortung ab"

Gastwirt Rudolf Markl versteht den Jungen. Aber: "Die eigentlichen Verursacher sind die Eltern, die nicht mehr in der Lage sind, ihre Kinder zu erziehen. Oder die so ignorant sind, dass es ihnen egal ist. Die geben ihre Verantwortung an der Eingangstür ab. Die Kinder können machen, was sie wollen. Hauptsache die Eltern haben ihren Frieden. Und das kann´s nicht sein."
Fragen verwunderter, manchmal verärgerter Familien nach dem Grund dafür, dass "Oma's Küche" das Geschäftsmodell in diesem Punkt nicht wieder zurückdrehen mag, beantwortet eine der Kellnerinnen, selbst Mutter zweier Kinder.
"Ich empfange sehr gern den ganzen Tag Familien bis 17 Uhr. Ich habe Spaß daran. Ich habe gar kein Problem, muss aber wiederum auch sagen: Wir bitten die Eltern schon in ganz ruhigem Ton 'Mensch, könnten Sie nicht mal in vernünftigem Ton…?' Wir bitten wirklich ganz freundlich: 'Würden Sie vielleicht einmal ein bisschen aufpassen oder Ihr Kind an die Hand nehmen?' Und mussten zu oft die Erfahrung machen, dass das ignoriert wurde."

Man sei nicht kinderfeindlich, sagt der Kurdirektor

Zurück ins Ostseebad Dierhagen, wo Familien mit Kindern unter 12 Jahren im „Schipperhus“ zu keiner Zeit mehr bewirtet werden. Als die Entscheidung der Eigentümer überregional bekannt wurde, fürchtete Kurdirektor Stephan Fellmann ein wenig um das Image der Tourismusregion Mecklenburg-Vorpommern.
Kinderfeindlich sei man auf keinen Fall, erklärte er in einem Gespräch mit dem Lokalsender MV-TV. Zugleich ließ er Verständnis dafür anklingen, dass Restauranteigentümer wie Ricarda Biebl von ihrem Hausrecht Gebrauch machen. Denn die wollen damit nicht zuletzt ihr ohnehin strapaziertes Personal schützen statt es zu verlieren.   
"Ich hoffe natürlich auf jedes Restaurant, was am Markt bestehen bleibt. Das ist eigentlich unser Hauptproblem: Dass wir zu wenige Gastronomiemitarbeiter haben, dass wir zu wenig Restaurants im Ort haben. Auch durch diese frühzeitige Saison-Abnutzung. Aber ich hoffe natürlich, dass unsere Gäste trotzdem gerne zu uns kommen und unsere familienfreundlichen Angebote wahrnehmen."

Shitstorm in den sozialen Medien

Das ist der Fall in diesem aus touristischer Sicht bislang grandiosen Sommer 2022. Alle sind sie bestens gebucht – sowohl die vielen Hotels, Pensionen und Gasthäuser, die ausdrücklich mit ihrer Kinderfreundlichkeit werben, also auch jene mit nur noch beschränktem Zutritt für die lieben Kleinen. Die Gastronomin Ricarda Biebl verteidigt ihre Entscheidung, obwohl sie in den sozialen Medien dafür angegriffen wird. Mit Twitter-Einträgen der Art: „Wie ist da das Essen, wenn sogar hungrige Kinder das lieber wegwerfen?“ Andere hofften auf Biebls baldige Pleite.

Sie aber sagt: "Ich stehe voll dahinter. Definitiv. Das bleibt so, egal, wie sehr ich jetzt beschimpft werde im Netz. Meistens ist es ja anonym. Mittlerweile ist es so, dass das positive Feedback überwiegt. Ich oder mein Servicepersonal - wir sind nicht für die Beschäftigung der Kinder zuständig."

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