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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.12.2018

"Kill the audience" in den Münchner KammerspielenWenn Publikum auf Publikum trifft

Sven Ricklefs im Gespräch mit Eckhard Roelcke

Schauspielerinnen Zeynep Bozbay und Eva Löbau stehen im Hintergrund an Mikrofonpulten im Scheinwerferlicht des dunklen Theatersaals vor mit Stoff bedeckten Sitzreihen, auf dem das Foto eines Publikums gedruckt ist. (Judith Buss 2018, Münchner  Kammerspiele)
Verschiedene Varianten des Publikums werden dem Zuschauer in "Kill the audience" geboten (Judith Buss 2018, Münchner Kammerspiele)

Was bedeutet es, Zuschauer in einem Stück mit Publikumsbeteiligung zu sein? Der Regisseur Rabih Mroué mit libanesischen Wurzeln geht dieser Frage in "Kill the audience" in den Münchner Kammerspielen nach. Einige Zuschauer verließen vorzeitig den Saal.

1968 inszenierten Wolfgang Schwiedrzik und Peter Stein an den Münchner Kammerspielen den "Viet Nam Diskurs" von Peter Weiss. Am Ende sammelten die Schauspieler Geld für den Vietcong, um Waffen zu kaufen. Am Beispiel dieser Aktion spürt der Regisseur Rabih Mroué in seinem neuen Stück "Kill the audience", das an den Münchner Kammerspielen Premiere hatte, der Rolle des Publikums im politischen Theater nach. "Dafür setzt er das Publikum auf die Bühne und lässt die beiden Schauspielerinnen im Zuschauerraum agieren", erklärt Fazit-Kritiker Sven Ricklefs. 

Lachen, Klatschen oder Buhen

Dann kommt ein weiteres Publikum hinzu, "das auf eine Plane projiziert wird, die über dieser Zuschauertribüne liegt, wo man normalerweise sitzt". Dieses Publikum reagiere dann auf die von den Schauspielerinnen vorgetragenen Texte mit Reaktionsvarianten wie Lachen, Klatschen oder Buhen, erklärt Ricklefs. Das werde dem eigentlichen Theaterzuschauer vorgeführt. Am Schluss müsse dann das zahlende Publikum des Abends wiederum ein drittes Publikum bespaßen. "Das ist schon ganz interessant."

Allerdings wären nicht alle Premierenzuschauer begeistert gewesen. Einige hätten darauf etwas angefressen reagiert und die Vorstellung frühzeitig verlassen, so Ricklefs. Das sei auch die Problematik des Abends, dass es keine Auflösung gebe. Ricklefs Fazit: "Ein nicht uninteressantes Denkexperiment", aber "theatralisch keine ganz große Bedeutung".

(kpa)


Ausführliche Theaterkritik 

Ausgangspunkt ist der "Viet Nam Diskurs" von Peter Weiss an den Kammerspielen vor 50 Jahren: dieses Stück, das nicht nur – ganz im besserwisserischen Stil der 68er – sein Publikum belehren wollte, sondern dieses Publikum in der Inszenierung von Peter Stein und Wolfgang Schwiedrzik agitierend zum Handeln aufrief, indem es real Geld für den Vietcong spenden sollte. Was aber passiert mit einem Publikum, das in eine Handlung gedrängt wird? Und: Was bedeutet es eigentlich überhaupt Publikum und Zuschauer zu sein und was würde passieren, würden sich die Rollen vertauschen. Das sind die Fragen, die der libanesische Künstler und Theatermacher Rabih Mroué mit seinem Stück "Kill the audience" vermitteln will.

Kaum mehr als eine Stunde dauert Rabih Mroués "Kill the audience", mal fragen sich die zwei Schauspielerinnen Eva Löbau und Zeynep Bozbay ob für das damals gesammelte Geld wirklich Waffen gekauft wurden und gehen dabei der Frage nach, welche tatsächlichen Konsequenzen hatte das Verhalten des Publikums in der Realität. Dann wieder richten die zwei ein Massaker unter einem als Pappmaché-Silhouetten auf der Zuschauertribüne aufgestelltem Publikum an oder rezitieren im Chor Szenen aus dem "Viet Nam Diskurs" von Peter Weiss, während ein auf eine Plane projiziertes Publikum darauf reagiert.

Am Ende sitzen wir uns selbst gegenüber. Ein Publikum einem Publikum. Wir, die wir von Beginn an auf der Bühne Platz genommen haben, während das Spiel auf der Zuschauertribüne stattfand, wir sitzen nun am Ende einem Publikum aus Statisten gegenüber, das gerade erst gekommen ist und uns anschaut. Und wir? Wir stellen ein Publikum dar: eine Erfahrung, die zwar für Momente ganz erhellend und auch herausfordernd sein kann, sicherlich aber nicht abendfüllend ist. Akteur zu sein bedeutet mehr als bloße Anwesenheit. Und so franste "Kill the audience" am Schluss wohl ganz bewusst aus, stellte insgesamt viele Fragen, ohne sich anzumaßen, diese auch zu beantworten und entpuppte sich damit als kleiner, kurzer Denkraum, als der es wohl auch gedacht war.

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