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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 30.09.2014

Kiel gegen PlastikmüllOhne Tüte

Die Stadt Kiel will Plastik im Einzelhandel reduzieren

Von Dietrich Mohaupt

Mehr als 5000 gebrauchte Plastiktüten am Strand von Niendorf in Schleswig-Holstein, Aufnahme vom Juli 2013 (picture alliance / dpa)
Mehr als 5000 gebrauchte Plastiktüten am Strand von Niendorf in Schleswig-Holstein, Aufnahme vom Juli 2013 (picture alliance / dpa)

Keine Tüten mehr, keine Verpackungen aus Plastik. Die Stadtversammlung in Kiel hat mehrheitlich beschlossen, dass die Kommune plastikfrei werden soll. Wie stehen die Chancen? Werden die Supermärkte mitziehen?

Oh – oh, nicht gut, gar nicht gut sieht das aus in meinem Küchenschrank. Jede Menge Plastiktüten – dabei nehme ich doch eigentlich zum Einkaufen fast immer einen Jute-Beutel mit. Eben – fast immer, und wenn ich – ausnahmsweise – mal keinen dabei habe, dann greife ich doch wieder zur Plastiktüte.

Damit bin ich für Martina Baum von den Kieler Grünen ein klassischer Fall, nicht sonderlich konsequent, aber auch nicht völlig hoffnungslos. Die Biologin hat in der Ratsversammlung die Initiative ergriffen – und für ihre Idee von einer plastiktütenfreien Stadt Kiel die Unterstützung von SPD und SSW erhalten.

"Ich denke das ist ein Ziel, was absolut erreichbar sein kann, weil es einfach nicht so ist, dass unser Alltag zum Stillstand kommt wenn wir keine Plastiktüten mehr haben – das ist einfach nicht so, das würde, glaube ich, auch niemand in Frage stellen." 

Stimmt das – oder ist das eher ein frommer Wunsche einer engagierten grünen Kommunalpolitikerin? Nachgefragt in einem Kieler Supermarkt: Muss es immer die Plastiktüte sein – oder ist der Griff zur Papiertüte oder zum eigenen Jutebeutel schon in Fleisch und Blut übergegangen?

"Nein, leider noch nicht automatisiert – ich muss schon dran denken, dass ich eine Tüte mitnehme. Wenn Spontaneinkäufe anstehen habe ich sie manchmal auch nicht dabei / Ich weiß nicht wo wir das reintun sollen. Wenn wir es in einfache Papiertüten tun – das fällt durch, das reißt, deshalb – es müsste vielleicht andere Plastiktüten geben die sich auflösen. / Ich bin schon seit vier Jahren auf Jute umgestiegen – also ich habe alles von Jute, und Plastik mache ich meistens wenn ich beim Bäcker bin, oder wie hier – man bekommt es mit, so wie jetzt auch mit dem Stück Fleisch." 

Kunden wird die Plastiktüte häufig aufgedrängt

Genau darum geht es Martina Baum – Alternativen müssen her, betont sie. Im Alltag in den Geschäften werde den Kunden noch zu häufig ungefragt die Plastiktüte geradezu aufgedrängt – zum Beispiel:

"Wenn man im Kaufhaus Dinge einkauft, die überhaupt nicht empfindlich sind – und man steht an der Kasse, man sammelt sein Geld raus, und währenddessen werden die Sachen eigentlich schon in eine Tüte gesteckt. Und dann sage ich jedes Mal: Nee – danke, ohne Tüte. Ganz oft wird das so als ein Standard-Service empfunden, aber ich als Kunde fühle mich da manchmal eher belästigt dadurch."  

Diese Art der Belästigung führt dann bundesweit zu recht erschreckenden Zahlen: Laut Naturschutzbund NABU greift im Schnitt jeder Deutsche pro Jahr etwa 70 Mal zu einer neuen Plastiktüte. Viele davon landen auch im Meer – und die können dann für  für Meeresschildkröten zu einer ernsten Bedrohung werden, erläutert Natascha Spreen, Chefin des Meeresaquariums Sealife Center in Timmendorfer Strand an der Ostsee.

"Wenn eine Plastiktüte im Meer länger schwimmt, dann sieht die für eine Schildkröte aus wie eine Qualle. Die Schildkröte frisst dann halt die Plastiktüten und diese Plastiktüten verstopfen ihren gesamten Verdauungsapparat – und die wird dann qualvoll verenden. Sie verspürt dann auch kein Hungergefühl mehr, weil sie ja was im Magen hat – kann aber diese Plastiktüte nicht verdauen, und das ist die große Gefahr."  

Über viele andere Meeresbewohner gelangt der Plastikmüll auch in den Nahrungskreislauf des Menschen – deshalb sei es so wichtig, das Konsumverhalten möglichst vieler Kunden zu beeinflussen, meint die Kieler Ratsfrau Martina Baum. Ein simples Verbot von Plastiktüten hält sie für den falschen Weg – das würde nur Widerstand hervorrufen, glaubt sie.

"Das Erkennen eines Problems, das Verstehen eines Problems und basierend darauf dann zu handeln – das ist der Weg, den ich mir wünsche. Dass einfach durch Aufklärung der Kunden – aber auch der Händler – was bewegt werden kann, dass  die Konsumenten einfach mehr sensibilisiert werden. Das ist vielleicht auch ein Stück weit eine Idealvorstellung, dass man hier rein über Einsicht und Vernunft etwas bewegen kann."

Geht es auch ohne Plastiktüte?

Sie will es aber versuchen, und deshalb soll jetzt ein "runder Tisch" Möglichkeiten des freiwilligen Verzichts auf Plastiktüten und –verpackungen erörtern – unter anderem auch mit den Einzelhändlern in Kiel. Warum nicht – meint dazu Marten Freund, Inhaber eines großen Supermarkts in Kiel. Er hat in seinem Geschäft ohnehin schon seit ein paar Jahren einen Trend in diese Richtung festgestellt.

"Wir stellen eben fest, dass wir deutlich weniger Plastiktüten in den letzten zehn Jahren verkaufen. Viele Verbraucher nehmen selber ihre Einkaufstüten mit, oder sie nehmen eben Papiertüten bei uns oder sie kaufen sich eben solche Pergamenttaschen, die sie öfter benutzen können – also, wir merken, dass sich einfach der Verbraucher schon bewusst geworden ist, dass er da für die Umwelt auch selber was tun muss."  

Gar keine Plastiktüten mehr anzubieten – das hält Marten Freund allerdings für keine gute Idee. Die Politiker sollten sich lieber Gedanken über die Verpackung vieler Waren machen, da falle viel mehr Müll an. Genau das hat Martina Baum gerade in einem Selbstversuch am eigenen Leib erfahren – ein Woche lang wollte sie auf möglichst alle Plastikverpackungen verzichten, und hat dabei recht ernüchternde Erfahrungen gemacht.

"Das bedeutet, dass man im Supermarkt sehr interesselos an der Käsetheke vorbeigeht, weil alles in Plastik eingepackt ist. Man sucht sich dann die Milch in Glasflaschen – die gibt es dann noch – aber im normalen Supermarkt bekommt man schon keine Sahne mehr in Glasflaschen, das kann man dann im Bio-Supermarkt kaufen. Es ist insgesamt sehr, sehr schwierig – vor allem was Kosmetika und Hygieneartikel anbetrifft ist es quasi hoffnungslos."  

Im Vergleich dazu – meint die Biologin – ist es fast schon ein Kinderspiel, im Alltag  zumindest auf Plastiktüten weitgehend zu verzichten.

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