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Länderreport | Beitrag vom 14.09.2018

Keyenberg muss weichenDie Tagebau-Bagger rücken näher

Von Manfred Götzke

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Tiefe Senke des Braunkohletagebaus "Garzweiler 2" bei Holz in Nordrhein-Westfalen: Der Kirchturm von Keyenberg und Windkraftanlagen sind im Hintergrund zu sehen; Aufnahme vom Oktober 2014 (picture alliance / dpa)
Tiefe Senke des Braunkohletagebaus "Garzweiler 2" bei Holz in Nordrhein-Westfalen: Der Kirchturm von Keyenberg und Windkraftanlagen sind im Hintergrund zu sehen; Aufnahme vom Oktober 2014 (picture alliance / dpa)

Schnell wegbaggern, was Probleme macht: Mit dieser Haltung treibe der Energiekonzern RWE den Braunkohle-Tagebau weiter voran - obwohl dieser keine Zukunft habe, klagen Dorfbewohner. Das Schicksal des Ortes Keyenberg bei Erkelenz ist derzeit ungewiss.

Von der engen Holzweiler Straße aus ist nicht sofort zu erkennen, warum Norbert Winzen sein Zuhause ein Paradies nennt. Es sieht aus wie ein altes, langes Reihenhaus, das sich wie jedes andere im Dorf zwischen die Backsteinfassaden rechts und links zwängt. Dann öffnet er mir das alte Holztor.

"Wir stehen hier mitten auf dem Hof meiner Familie, ich bin einer von elf Winzen, die hier leben. Der Hof ist 150 Jahre alt, denkmalgeschützt, wir durften hier in der Vergangenheit nichts dran verändern. Das wird sich in den nächsten Jahren dramatisch verändern, weil er wohl abgerissen wird, aufgrund des Tagebaus."

Es ein großer quadratischer Hof, auf dem wir stehen, rechts, links und hinter uns die Wohngebäude aus altem Backstein, vor uns eine Scheune mit offenem Portal in der Mitte. Ein kleiner Pferdestall mit drei Ponys. Dahinter das Grün der Wiesen.

"Das hat so ein bisschen was von einer Burg, so hab ich das als Kind auch immer empfunden, das war auch immer traumhaft geschützt, das hat schon was. Das werden wir verlieren und werden wir auch nie mehr so wieder finden. Wir werden zwar entschädigt von RWE. Das was uns im ersten Angebot geboten wurde, war ein Achtel der Fläche, die wir jetzt hier haben."

Aus dem Loch ragt ein Bagger

Wir gehen durch die Scheune, treten auf den Kiesweg der hier die Wiesen und Rapsfelder teilt.

"Also wenn man mit der Großfamilie weiterleben will, dann wird's schwierig. Wir haben selbstbestimmt gewählt, dass wir so leben wollen - und das wird uns genommen."

Dann zeigt mir der 54-Jährige, was seinen Lebensraum bedroht. 600 Meter vor uns enden die Felder. Aus dem Loch ragt die Spitze eines Braunkohlebaggers.

Keyenberg ist das letzte noch bewohnte Dorf vor dem Braunkohletagebau Garzweiler.

"Wir werden vertrieben von einer Technologie, die nachweislich keine Zukunft hat. Es geht nur noch um Jahre. Nicht umsonst tagt ja gerade die Kohlekommission. Das ist emotional 'ne Achterbahn, weil man seit 30 Jahren immer wieder hört: 'Die kommen gar nicht mehr bis hierhin.' Und jetzt stehen die Bagger aber da und man sieht jeden Tag, wie es näher kommt. Und man hört seit Jahren nur dieses eine Thema im Dorf: 'Hast du schon verkauft, was machst du, wo gehst du hin?'. Und man weiß ja aus anderen umgesiedelten Dörfern, dass längst nicht alle mitziehen. Die Gemeinschaft ist so oder so zerrissen."

Hinten im Hof winkt uns Winzens Mutter zu, 73 ist sie jetzt. Sie ist hier geboren, hat ihr ganzes Leben hier verbracht, hat so gut wie nie das Dorf verlassen.

"Für sie ist es unvorstellbar hier wegzugehen und in eine retortenmäßig hochgezogene Vorstadt zu ziehen."

Letzte Bastion des Widerstands

Draußen auf der Straße treffen wir Winzens Nachbarn und Freund Ingo Bajahke. Die beiden sind so was wie die letzte Bastion des Widerstands von Keyenberg. Sie versuchen, andere zu überzeugen ihr Haus noch nicht an RWE zu verkaufen – und machen historische Führungen durch ihr Dorf. 893 wurde es gegründet, fast 400 Jahre älter als Berlin, sagt Bajahke stolz. 

"Wir hoffen natürlich, dass wir noch was erreichen können. Dass dieser Ort noch erhalten bleibt. 60 Prozent haben schon Verträge mit RWE abgeschlossen und wandern jetzt Richtung Kernstadt von Erkelenz ab. Da ist so eine Trabantenstadt entstanden. Hier sind wir ja auf einem schönen Dorf, wir haben Wald, wir haben Felder. Ich glaube viele wissen nicht, was ihnen verloren geht an Lebensqualität, an dörflichem Charakter."

Wir gehen die Holzweiler Straße hinunter, in jedem zweiten Haus sind die Rollos runter gezogen. Vor manchen wurden auf dem Bürgersteig Löcher ausgehoben. Da wurden schon mal Strom und Wasser abgeklemmt, sagt Bajahke.

"Und da hinten wohnt ein Mann, der ist 91 Jahre alt, der sagt mir neulich: 'Ich bin zu alt, ich kann doch nicht mehr bauen. Aber es ist ja nicht mehr lang, vielleicht sterbe ich ja vorher.' Und ganz kurios, mein Vater, dem habe ich gesagt: 'Du musst dir mal überlegen, wo du hin willst, im neuen Dorf.' Da sagt der: 'Ich zieh da nicht hin, ich zieh unter die Erde.' Und vier Wochen später hat der das wahr gemacht – und ist gestorben."

Fakten schaffen, solange es noch geht

Ein Geisterdorf wie das benachbarte Immerath, wo bis auf eine Familie schon alle weggezogen sind, ist Keyenberg noch nicht. Wir kommen an der Kirche vorbei, dann an der Sparkasse. Die Mitarbeiter wurden schon abgezogen, der Geldautomat geht noch. Es wird immer weniger, sagt Winzen.

"Täglich. Meine Mutter kriegt das noch besser mit, sie kennt auch viele Ältere aus ihrer Schulzeit noch und weiß immer, wer wann wegzieht und weiß dann auch, jetzt ist da das Haus nicht mehr bewohnt – und das ist für sie dann immer ein weiterer Schritt weg vom gesunden Dorf."

Wir sind zurück auf dem Feldweg vor dem Hof. Norbert Winzen zeigt auf den Bagger – dann auf Felder südlich vom Baggerloch. Dutzende Hektar Land, weit vom Dorf entfernt.

"Dahinten ist noch ganz viel Fläche, die nicht bebaut ist."

Doch dahin bewegt sich der Bagger nicht, sagt Winzen. Für ihn steht fest: RWE will Fakten schaffen, solange es noch geht. Möglichst schnell wegbaggern, was Probleme macht. Sei es der Hambacher Forst oder das letzte bewohnte Dorf.

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