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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.12.2013

KernkraftKotting-Uhl: Japan die Energiewende vormachen

Vor Ort in Fukushima: Die atompolitische Sprecherin der Grünen sieht steigende Gefahr nach Reaktorunglück

Moderation: Julius Stucke

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Mitglieder des japanischen Atomkraftregulierungsausschusses NRA inspizieren Behälter für kontaminiertes Wasser am havarierten Reaktor von Fukushima (picture alliance / dpa / NRA)
Behälter für kontaminiertes Wasser in Fukushima: "Man weißt nicht wohin am Ende mit diesem Wasser, das heißt das Endlager für dieses Tritium wird wohl der Pazifik sein.“, so Kotting-Uhl. (picture alliance / dpa / NRA)

Sylvia Kotting-Uhl hält das Beispiel Deutschland für essenziell für eine Energiewende in Japan. Wenn sie in Deutschland nicht gelänge, habe sie auch dort keine Chance. Das sogenannte "atomare Dorf“ aus Medien, Atomwirtschaft und Politik sei noch sehr stark und die Atomgegner seien zu schwach vernetzt.

Julius Stucke: Die Katastrophe, sie beginnt am Nachmittag des 11. März 2011, wann sie wirklich zu Ende ist, das ist noch offen: Erdbeben und Flutwellen lösen an jenem Tag die Katastrophe von Fukushima aus. Wochenlang schaut die ganze Welt Tag für Tag besorgt zu, sieht eine Reihe von Störfällen und sieht zu, wie Japan, genauer, wie Regierung und Betreiber des Kraftwerks versuchen, diese Katastrophe in den Griff zu bekommen. Die Gegner der Atomkraft – es sind mehr geworden nach Fukushima. Einige Länder ändern ihre Atompolitik, Japan selbst gehört nicht wirklich dazu. Heute blickt die Welt nicht mehr jeden Tag auf Fukushima, aber die Japaner haben immer noch jeden Tag damit zu tun. Das schaut sich vor Ort gerade Sylvia Kotting-Uhl an, atompolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. Guten Tag!

Sylvia Kotting-Uhl: Guten Tag, Herr Stucke!

Stucke: Frau Kotting-Uhl, es gibt eine Webcam von Tepco, vom Betreiber, da kann sich jeder im Internet einen Teil des Geländes anschauen, aber da sieht man nicht wirklich viel, gerade so ein paar angeschnittene Gebäude, ein paar Kräne, aber es passiert nichts. Sie haben sich das Gelände angesehen, vielleicht beschreiben Sie uns mal ein bisschen: Wie sieht es da aus?

Kotting-Uhl: Ja, ich war jetzt in der Tat die erste deutsche Politikerin, die auf dieses Gelände durfte, und natürlich – so weit geht die Transparenz von Tepco nicht, dass man das ins Internet stellt oder das ich hätte Fotos machen dürfen. Ich muss sagen, es sieht aus wie auf einer Großbaustelle, es wird sehr viel saniert, repariert, stabilisiert. Es macht einen fast vergessen, dass es da tatsächlich um den Ort geht, an dem drei Kernschmelzen stattgefunden haben und an dem die Gefahr noch lange nicht bewältigt ist, im Gegenteil die Gefahr eigentlich noch steigen kann, denn es sind sehr viele ungelöste Fragen dort.

Die atompolitische Sprecherin der Partei Bündnis 90/Die Grünen, Sylvia Kotting-Uhl (picture alliance / dpa / Kathrin Streckenbach)Grüne Energie-Expertin Sylvia Kotting-Uhl (picture alliance / dpa / Kathrin Streckenbach)

Stucke: Welche ungelösten Fragen sind die wichtigsten?

Kotting-Uhl: Das größte Problem derzeit ist vermutlich der Reaktor 3, an dem eine ungeheuer hohe Strahlung herrscht, Tepco redet von mehreren hundert Millisievert, genauer drücken sie sich gar nicht aus. Also da durften wir auch nicht halten mit dem Bus, sondern sind in einem etwas größeren Abstand vorbei gefahren. Dort hat man bisher den geschmolzenen Kernbrennstoff nicht lokalisieren können, das wird versucht mit Roboterkameras, aber es ist bisher nicht gelungen. Das gibt Tepco auch ganz offen zu. Und das bedeutet, dass man diesen geschmolzenen Brennstoff natürlich auch nicht angemessen kühlen kann, wenn man nicht weiß, wo er ist. Das heißt, die Strahlung lässt sich nicht im Griff halten.

Stucke: Höhere Strahlungswerte – das ist eine Sache, die man immer mal wieder hört. Dann ist die Rede von verseuchtem Wasser. Haben Sie hier den Eindruck, dass Politik und Betreiber gegen so etwas wie eine übermächtige Katastrophe kämpfen, oder geht man es vielleicht hier und da auch einfach nicht richtig an?

Kotting-Uhl: Nein, es ist natürlich eine noch nie da gewesene Katastrophe, die sich dort ereignet hat, und es gibt weltweit keinerlei Erfahrung in der Bewältigung einer solchen Katastrophe, und es gibt weltweit auch kein Wissen, was man da tut. Das heißt, das ist Neuland. Man muss ausprobieren, was da hilft. Die Bewältigung der Wasserproblematik, die Sie ansprachen, ist natürlich trial and error. Das kontaminierte Wasser wird versucht zu dekontaminieren, aber bei allen Versuchen – man bekommt mindestens das Tritium nie aus dem Wasser. Und das heißt: Das Wasser wird in Tanks gelagert, die mehr und mehr und mehr werden. Diese Tanks fassen 1000 Tonnen Liter, was ja nicht gerade wenig ist, die sind sehr riesig, aber so ein Tank reicht genau zweieinhalb Tage, und dann muss der nächste befüllt werden. Das heißt, diese Zahl steigert sich und steigert sich und man weiß nicht wohin am Ende mit diesem Wasser. Das heißt, das Endlager für dieses Tritium wird wohl der Pazifik sein.

Stucke: Ich habe es eingangs erwähnt: Japan hat einen Ausstieg aus der Atomenergie wieder zurückgedreht. Hat die Politik da nichts gelernt oder ist der Druck aus der Industrie und der Einfluss aus der Industrie so groß in Japan?

Kotting-Uhl: Ja, ich fürchte, das sogenannte atomare Dorf, das Nuclear Village, das in Japan herrscht und das ein Machtgeflecht ist aus Medien, Atomwirtschaft und Politik, das ist immer noch sehr stark, zu stark, das verhindert tatsächliche Reformen. Aber es gibt unter den Parlamentariern und auch in der Zivilgesellschaft immer mehr Einzelakteure, die doch sehr deutliche Worte sprechen – was in Japan ungewöhnlich ist, in dieser höflichen Konsensgesellschaft –, die sehr deutliche, sehr harsche Worte sprechen. Das Problem ist ein bisschen, dass diese einzelnen Akteure nicht vernetzt sind untereinander. Ich hatte sehr viele unterschiedliche Gespräche jetzt und dachte, bei all dem, was in dieser Gesellschaft sich tut, und bei all der Kompetenz, die da auch vorhanden ist inzwischen, da muss sich etwas bewegen! Aber, wie gesagt, die Kräfte dieses Nuclear Village sind sehr stark, und die Vernetzung unter der Gegenbewegung ist nicht vorhanden bisher.

"Riesengroßes Interesse" an deutscher Energiewende in Japan

Stucke: Sylvia Kotting-Uhl von den Grünen. Sie haben im Rahmen Ihres Fukushima-Besuchs, Sie sagen es ja auch, mit vielen Menschen darüber gesprochen, was da passiert. Ist denn auch ein Thema, was bei uns passiert, also die Energiewende, wie das hier gemacht wird? Da ist der Fall Fukushima ja nicht ganz unschuldig daran, am Atomausstieg. Ist das ein Interesse in Japan?

Kotting-Uhl: Ja, natürlich ist das ein Interesse. Es gibt auch immer wieder Interessensgruppen aus Parlamentariern, aus Wissenschaftlern, aus NGOs, die nach Deutschland kommen und sich Orte der deutschen Energiewende anschauen. Also da ist ein riesengroßes Interesse, und sowohl die Befürworter eines Atomausstiegs, einer Energiewende schauen auf Deutschland, wie auch die Skeptiker. Die Skeptiker schauen nach Deutschland in der sozusagen Hoffnung, Deutschland möge beweisen, dass das nicht funktioniert. Und deshalb ist so extrem wichtig, dass in Deutschland die Energiewende gelingt und dass das auch von unserer Regierung wieder beherzt und wirklich vorwärtsweisend angegangen wird. Wenn das bei uns nicht funktioniert, wenn bei uns wirklich die Botschaft ausgesandt wird, Energiewende ist zu teuer oder ohne Atomkraft geht doch nicht, dann hat die Energiewende in Japan keine Chance. Dieses Beispiel Deutschland ist essenziell.

Stucke: Ist ganz wichtig. Die Kernkraft ist trotz Fukushima nicht nur in Japan, sondern sie ist weltweit auf dem Vormarsch, Frau Kotting-Uhl, neue Kraftwerke werden ja in vielen Ländern gebaut und geplant, und nicht mal eine solche Katastrophe kann daran was ändern. Ist das für eine erklärte Atomkraftgegnerin wie Sie ziemlich desillusionierend?

Kotting-Uhl: Nein, weil ich es nicht genauso sehe wie Sie. Wenn Sie genau hinschauen, wo tatsächlich neue Atomkraftwerke geplant werden – wobei von Planung bis tatsächlich zu Bau und dann auch noch Fertigbau ja immer noch viele Schritte sind, siehe Finnland bei uns –, sind es die Atomwaffenstaaten, die sich nicht abkehren von der Atomkraft, das ist bei uns Frankreich und Großbritannien, es sind die Staaten des ehemaligen Ostblocks in Europa, die da das entsprechende Risikobewusstsein einfach in dem Maße wie die Weststaaten nicht haben, und es sind sehr aufstrebende Staaten, also die Schwellenländer, die glauben, weil ihnen das eingeredet wird, sie könnten ohne die Atomkraft wirtschaftlich nicht konkurrieren. Aber … Das ist schon eine ganze Menge an Ländern, aber ein großer Teil von Ländern in der Welt hat sich auch der Atomkraft gegenüber sehr kritisch inzwischen aufgestellt und hat sich abgekehrt. Wenn Sie allein in der EU schauen, das ist nicht nur Deutschland, das einen Atomausstieg vollzogen hat oder beschlossen hat, vollzogen haben wir ihn ja noch nicht vollständig, das sind auch eine Menge andere Länder. Also dieses lessons learned setzt sich durchaus durch, mindestens in Europa.

Stucke: Sagt Sylvia Kotting-Uhl. Fukushima und die Folgen – die atompolitische Sprecherin der Grünen dazu. Sie ist gerade in Japan. Vielen Dank fürs Gespräch und Ihnen einen schönen Tag!

Kotting-Uhl: Ich danke Ihnen!

 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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