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Buchkritik | Beitrag vom 16.02.2019

Kenah Cusanit: "Babel"Eine Ausgrabung als Komödie

Von Sigrid Löffler

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Cover des Buchs "Babel" von Kenah Cusanit (Haner Verlag / Liszt Collection)
Kenah Cusanits "Babel" ist Abenteuergeschichte und historischer Roman. (Haner Verlag / Liszt Collection)

Vom bedeutendsten archäologischen Abenteuer der Deutschen im Orient handelt der Roman "Babel". Humorvoll erzählt er, wie ein Architekt Babylon ausgrub und welche Rolle die englische Orient-Strippenzieherin Gertrude Bell dabei spielte.

Faustregel für Romanschreiber: Wähle einen interessanten Helden. Für ihr Romandebüt hat die deutsche Autorin Kenah Cusanit besonderes Geschick bewiesen. Ihre Helden sind realen historischen Gestalten nachgebildet, sie sind potenziell weltberühmt und haben Großes geleistet, doch kaum einer kennt sie.

Alle Welt kennt Heinrich Schliemann, den Ausgräber von Troja. Aber wer kennt Robert Koldewey? Alle Welt kennt Lawrence von Arabien, den britischen Abenteurer und Spion. Aber wer kennt Gertrude Bell? Robert Koldewey, der Ausgräber von Babylon, und Gertrude Bell, die britische Abenteurerin und Geheimagentin, sind als Romanfiguren frisch und unverbraucht und daher interessant.

Da Kenah Cusanit altorientalische Sprachen und Ethnologie studiert hat und sich für Archäologie interessiert, liegt auch der Erzählstoff ihres Roman-Erstlings nahe: "Babel" handelt vom bedeutendsten archäologischen Ausgrabungsabenteuer der Deutschen im Orient. Erzählt wird, wie der deutsche Architekt Robert Koldewey vor hundert Jahren in Mesopotamien die Ruinen der biblischen Stadt Babylon ausgrub und welche Rolle die legendäre englische Orient-Strippenzieherin Gertrude Bell dabei spielte.

Porträt der Autorin Kenah Cusanit. (Peter-Andreas Hassiepen)Aus den Archiven hat Kenah Cusanit die tollsten Kuriositäten zutage gefördert, findet Sigrid Löffler. (Peter-Andreas Hassiepen)

Komödiantisches Meisterwerk

Der Roman hat die Gestalt einer ebenso gelehrsamen wie unterhaltsamen, mitunter saukomischen Babel-Rhapsodie. Ein komödiantisches Meisterwerk ist der Autorin auf Anhieb gelungen. Genüsslich lässt sie sich auf die farcenhaften Episoden und die skurrilen Winkelzüge der Berliner Museums-Bürokratie ein, an denen das deutsche Grabungsunternehmen am Euphrat so reich ist. Aus den Archiven hat Cusanit da die tollsten Kuriositäten zutage gefördert.

Zugleich bringt Cusanit mit leichter Hand alle wichtigen Fakten zur Stadt- und Ausgrabungsgeschichte Babylons im Erzählfluss unter, ebenso die Mythen, die sich seit biblischen Zeiten um den Turm von Babel ranken. Ganz nebenbei kommt auch der Babel-Bibel-Streit zur Sprache, der sich damals an der Entzifferung der mesopotamischen Keilschrift-Texte entzündete.

Cusanit verliert auch die konfliktreiche politische Lage im Vorderen Orient nicht aus dem Blick – schließlich spielt der Roman im Jahr 1913, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Damals war auch das Feld der Archäologie politisch aufgeladen. Im Grabungswettstreit, den sich Engländer, Franzosen und Deutsche auf dem Boden des morschen Osmanischen Reichs lieferten, brachten sich bereits die späteren Weltkriegs-Kontrahenten in Stellung. Die europäische Konkurrenz um die Trophäen-Ausbeute, die den Osmanen vorenthalten wurde, hatte außerdem Merkmale eines Kolonialkriegs.

Mauern der untergegangenen Stadt Babylon. (imago/sepp spiegl)Babylon war als Hauptstadt Babyloniens eine der wichtigsten Staedte des Altertums. (imago/sepp spiegl)

Der kauzige Grabungsleiter 

Das Hauptinteresse des Romans gilt jedoch Robert Koldewey, dem ebenso genialen wie kauzigen Grabungsleiter. Für Cusanit ist er, bei allem Respekt für sein Genie, vor allem ein komischer Held – ein Sonderling mit schrulligem Humor und zudem ein begnadeter Hypochonder.

In der ersten Romanhälfte verharrt er, ein orientalischer Oblomow, regungslos in der Bettnische seines Arbeitszimmers mit Blick auf den träge fließenden Euphrat und seine träge werkelnden Assistenten. Versunken in die Betrachtung der Stapel unbeantworteter Briefe aus Berlin und umstellt von 500 versandfertigen Kisten mit zehntausenden farbigen Reliefziegeln, kokettiert Koldewey mit einem vagen Schmerz im Unterleib und liebäugelt selbstironisch mit der Möglichkeit einer Blinddarmentzündung.

Die brillante Forschungsreisende

In der zweiten Romanhälfte belebt er sich wundersam bei der Nachricht, Miss Bell sei im Anmarsch. Auch Gertrude Bell, die adelige englische Millionärstochter, brillante Forschungsreisende und britische Geheimdiplomatin und Spionin, ist eine berühmte Unbekannte des 20. Jahrhunderts. Es ist ein glücklicher Einfall der Autorin, Miss Bell zu Koldeweys Gegenspielerin zu machen. Schließlich spielte sie eine entscheidende Rolle bei der Sicherung der deutschen Grabungsfunde. Ohne sie würde es die Rekonstruktionen des Ischtar-Tores und der Prozessionsstraße von Babylon im Berliner Pergamon-Museum wohl nicht geben.

Im Romanfinale trifft Miss Bell im Zuge ihrer mysteriösen Nahost-Missionen auf der Grabung ein und erwartet Koldewey beim Turm von Babel, dessen Fundamente er erst kürzlich gefunden hat. Koldewey eilt ihr entgegen: Für den Fall einer deutschen Niederlage im kommenden Krieg wird er die deutschen Schatzkisten mit den bunten Reliefziegeln der Obhut der englischen Spionin anvertrauen.

Als Leser kann man das jähe Romanende nur bedauern. Man hätte gerne noch viel mehr über die fabelhafte Miss Bell erfahren.

Kenah Cusanit: "Babel"
Hanser Verlag, München 2019
270 Seiten, 23 Euro

Das Buch ist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 in der Kategorie Belletristik nominiert. 

Mehr zum Thema

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(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 28.01.2019)

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