Keine geschlossene Gesellschaft mehr

Von Eberhard Nembach |
Die knapp 300 Kontrolleure der IAEO, der internationalen Atomenergiebehörde in Wien, überwachen weltweit etwa 1100 Anlagen. Eigentlich ist eine der ersten Aufgaben der IAEO im Auftrag der UN die friedliche Nutzung aller radioaktiven Technologien zu fördern. Doch Schlagzeilen macht sie in letzter Zeit nur dann, wenn es um Iran und sein mutmaßliches Nuklearwaffenprogramm geht.
Weltmusik am Donau-Ufer – Feierstunde im Vienna International Centre, die bauchig gebogenen Türme der UN in Wien sind in diesem Sommer 30 Jahre alt geworden. Die meisten der 4000 Mitarbeiter aus über 100 Ländern arbeiten für die IAEO – die Internationale Atomenergie-Organisation – und die wenigsten lieben die Betontürme, deren sternförmiger Grundriss mit dem kreisrunden Mittelbau an ein Atom erinnern soll. Ein wenig schöner als der langweilige C-Bau mit viel orange in den Fluren und altmodisch holzvertäfelten Konferenzräumen oder der A- und der B-Bau mit den kahlweißen kleinen Büros ist der brandneue M-Bau – das klimafreundlich gebaute ovale Konferenzzentrum, in dem Generalsekretär Ban Ki Moon als oberster Hausherr zu seinem multinationalen Publikum spricht – und auch zu den versammelten Wiener Honoratioren.

In diesen Gebäuden, die vor 30 Jahren auf Wiens ehemaliger Müllkippe errichtet wurden, wird Weltpolitik gemacht. Die meisten IAEO-Mitarbeiter kommen gern nach Wien – ihnen gefällt die Lebensqualität – und mittlerweile haben auch die Fremden gegenüber nicht immer freundlichen Wiener die UN-Angestellten aus aller Welt halbwegs ins Herz geschlossen – die haben ihre Stadt jedenfalls bunter und weltoffener gemacht. Die IAEO selbst ist natürlich nicht immer offen – einiges hier muss geheim bleiben.

Das Allerheiligste ist streng verschlossen. Die Abteilung Safeguards. Hier arbeiten die Atom-Kontrolleure, die aus Nuklear-Anlagen in aller Welt ihre Wischproben und Messwerte mitbringen. Wer hier hinein will muss erst anrufen, dann kommt jemand und öffnet die speziell gescherten Türen. Die Inspektoren dürfen über ihre streng geheime Arbeit nicht reden. Ihr Ausbilder aber schon: Jean-Maurice Crété ist als Kernphysiker jahrelang auf einem Atom-U-Boot der französischen Armee mitgefahren. Er versteht etwas von Reaktoren, aber auch von Atomwaffen. Und er weiß, was die Kontrolleure erwartet, wenn sie ganz allein irgendwo in Asien oder Südamerika ihre schweren Geräte in eine Kernlage schleppen und unter den skeptischen Blicken der Ingenieure auf Leitern steigen, um Überwachungskameras anzubringen.

"Sie müssen zunächst einen sehr guten wissenschaftlichen Universitätsabschluss haben. Sie müssen auch noch mindestens fünf Jahre praktische Erfahrung im Atom-Bereich haben. Dann durchlaufen sie ein sehr ausführliches Bewerbungsverfahren. Wir stellen Leute aller Altersgruppen ein. Wir brauchen Reaktor-Experten, Fachleute für Brennstoff-Anreicherung. Wir brauchen vor allem Leute, die allein arbeiten können, was nicht immer einfach ist. Soft skills sind sehr wichtig, also die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen."

Knapp 300 Kontrolleure überwachen derzeit weltweit etwa 1100 Anlagen. Alle klagen ständig über Nachwuchsprobleme – junge Atomphysiker sind selten, und in der Industrie verdienen sie mehr. Zur IAEO kommen nur echte Idealisten sagt Jean-Maurice Crété. Seine Abteilung bekomme im Jahr etwa so viel Geld, wie ein halbes Kampfflugzeug kostet. Was nützt dem Weltfrieden mehr? Am dauernden Geldmangel hat auch der Friedensnobelpreis nichts geädert, den die Behörde 2005 bekam –der größte Triumph für den scheidenden IAEO-Generaldirektor Mohammed El Baradei, und wohl auch eine Belohnung dafür, dass er George W. Bushs Behauptung, Irak besitze Massenvernichtungswaffen gewohnt hartnäckig zurückwies. Der weltgewandte ägyptische Jurist mit der kahlen Stirn und dem meistens kämpferisch nach vorn geneigten Sturkopf verlässt im November nach zwölf Jahren das Direktorenbüro der IAEO. Zum Abschied noch mal eindringlich davor gewarnt, die Behördeschwächer zu machen. Die IAEO brauche sofort 80 Millionen Euro, um auch nur die wichtigsten Reparaturen im Haus zu machen, und weitere Mitarbeiter zu gewinnen, für ihre immer schwierigeren Aufgaben. Baradei beschreibt die Gefahren gewohnt drastisch und wie immer mit kämpferischer Energie:

"Unsere Fähigkeit, ein unabhängiges Überprüfungssystem aufrechtzuerhalten, und das mögliche Abzweigen von nuklearem Material oder nicht deklarierte nukleare Aktivitäten zu entdecken, ist bereits gefährdet. Weil zum Beispiel unsere Analyse-Laboratorien veraltet sind, und weil wir keinen ausreichenden Zugang zu Satellitenbildern haben. Die Gefahr einer Wiederholung eine Katastrophe wie in Tschernobyl wird sich vergrößern, wenn die drastische Personalknappheit in unserem Programm für atomare Sicherheit nicht angegangen wird. Das Risiko, dass Terroristen radioaktives Material in die Hände bekommen und für eine möglicherweise verheerenden Attacke benutzen, wird wachsen, wenn wir weiterhin viel zuwenig Geld und Personal haben. Die IAEO kann sich wie bisher mit wachsenden Beschränkungen und steigenden Risiken herumschlagen und zuschauen wie die Qualität ihrer Leistungen ausgehöhlt wird – oder aber sie bekommt ausreichende Finanzierung und kann einen effektiven Beitrag leisten zur Nichtverbreitung von Atomwaffen, zur atomaren Sicherheit und zur Eindämmung von Armut, Hunger und Krankheit."

Die IAEO bekämpft Armut, Hunger und Krankheit? Ja, auch das gehört zu ihren Aufgaben. Die Kontrolle und Überwachung ist nur eine Aufgabe von vielen, ursprünglich auch nicht die wichtigste. "Atoms for Peace", auf die sich die damals fünf Atomwaffenmächte vor gut 50 Jahren einigten: Atome für Frieden. Die USA, die Sowjetunion, China, Frankreich und Großbritannien einigten sich, die Technologie für Atomwaffen nicht weiter zu verbreiten. Alle anderen Länder sollten im Ausgleich für den Verzicht auf Atombomben Hilfen zur friedlichen Nutzung der Atomenergie bekommen. Dass heute auch Indien, Pakistan und wohl auch Israel Atomwaffen besitzen, ist in den Verträgen nicht vorgesehen. Die IAEO soll im Auftrag der UN die friedliche Nutzung aller radioaktiven Technologien fördern. Sie soll also beim Bau und Betrieb von Atomkraftwerken helfen, aber auch die Nutzung der Strahlung in Medizin und Landwirtschaft betreuen und fördern.

Hier ist alles rund, der Mittelbau des UN-Centers ist kreisrund – sternförmig gruppieren sich die nach innen gebogenen Bürogebäude der IAEO drumherum – der Grundriss soll an ein Atom erinnern. Kreisrund ist auch das Wasserbecken mit den Springbrunnen im Innenhof – umgeben von den im Donauwind wehenden Flaggen der UN-Mitglieder – das sind so ziemlich alle Statten der Welt, mit nur sehr wenigen Ausnahmen, insgesamt 192. Sie schicken Diplomaten nach Wien. Die sind die wahren Herren auch der Atomenergiebehörde – was die Kontrolleure finden, müssen sie weiterreichen an die Diplomaten, erklärt IAEO-Sprecher Ayhan Evrensel.

Inspektoren sehen nur, was sie gezeigt bekommen, bzw. was sie sehen dürfen. Einige Länder haben Zusatzprotokolle zu den regulären Überwachungsvereinbarungen abgeschlossen, dann sind auch Überraschungsbesuche der Kontrolleure erlaubt. Ob irgendwo Fabriken gebaut werden, sieht man heute zwar auf Satellitenbildern, im Iran aber gibt es wahrscheinlich unterirdische Fabriken, die auch für die Kameras im Weltall unsichtbar sind. Genauso wie das, was etwa in Nordkoreas Labors passiert – wenn die Nordkoreaner wollen, schalten sie die von der IAEO installierten Überwachungskameras einfach ab. Es ist ein ständiges Katz- und Maus-Spiel – die Kontrolleure aus Wien sind abhängig davon, was die Diplomaten in New York leisten. Als wenn ihre Arbeit nicht auch so schon schwer genug wäre.

Seit Jahren plagt sich der UN-Sicherheitsrat mit der Weigerung Irans, alle Details seines Atomprogramms offen zu legen. Sanktionen haben bisher nicht gewirkt. Bisher haben die Inspektoren der IAEO keine Hinweise, dass Iran schon die Bombe hat, und auch keine Beweise, dass Teheran den Bombenbau wirklich betreibt. Es gab aber in der Vergangenheit ein geheimes Atomprogramm im Iran, und auch heute bleibt manches im Dunkeln, das nährt den Verdacht. Dieses Problem können nur Politiker lösen – Deutschland spielt bei den Verhandlungen gemeinsam mit den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats eine wichtige Rolle. Dabei ist die Stimmung wieder besser geworden, seit Barack Obama US-Präsident ist. Die Absprachen mit China und Russland könnten wieder einfacher werden. An der Spitze der IAEO folgt auf den streitbaren Mohammed El Baradei im Dezember auch ein eher versöhnlicher Diplomat. Der Japaner Yukiya Amano betonte schon vor seiner Wahl, wie wichtig Ausgleich und Einigkeit sind:

"Gerade als Japaner werde ich mein Möglichstes tun, um die Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern. Dazu ist die Solidarität aller Mitgliedsstaaten, der Länder des Nordens, des Südens, des Ostens und Westens absolut notwendig."

Die IAEO hat viele Probleme, neuerdings auch Personalprobleme. Es gibt nicht viele Atomphysiker – auch weil in Ländern wie Deutschland die Kernkraft nicht allzu populär ist. Weil aber in einigen Ländern die Atomkraft gerade wieder in Mode kommt, können sich Nachwuchsexperten ihre Jobs aussuchen, und die IAEO zahlt schlechter als die Atomindustrie. Gibt es weltweit eine Atom-Renaissance.

Die meisten neuen Atomkraftwerke planen Staaten, die schon welche haben, besonders in Asien. Es gibt aber auch Ländern, die bisher die Atomkraft ablehnten, und jetzt über den Einstieg nachdenken: Dazu gehören etwa Jordanien, die Türkei, Polen und sogar Italien, das sein Atomprogramm nach Tschernobyl gestoppt hat, denkt über einen Neustart nach. Atomkraftwerke sind teuer zu bauen aber relativ billig im Betrieb. Deshalb sind es vor allem Staaten die sie bauen. Klar ist: Immer mehr Atomtechnologie ist in immer mehr Staaten verfügbar, und auch die Waffentechnik ist viel leichter beherrschbar geworden als zu Zeiten der ersten amerikanischen Atombomben. Seit Jahren schon warnt der scheidende IAEO-Direktor Mohammed El Baradei davor, dass Terroristen atomares Material in die Hände bekommen – sie würden kaum eine Atombombe bauen können, aber eine so genannte schmutzige Bombe wäre schon fürchterlich genug. Das ist eine konventionelle Bombe, bei deren Explosion strahlendes Material verstreut wird, das sorgt für schlimme Panik, auch wenn es in Wirklichkeit nicht allzu viel Schaden anrichtet.

Genug zu tun, für die IAEO, auch in Zukunft. Ist die Arbeit in der multikulturellen Bürogemeinschaft in Wien attraktiv für den Nachwuchs?

Der Deutsch-Kanadier Johannes Braune kommt aus Wiesbaden und hat nach seinem Studium gerade sechs Monate Praktikum bei der IAEO gemacht, und dabei seinen Einstieg in eine internationale Karriere gefunden.