"Keine Experimente!"

Konrad Adenauer im Bundestag © AP
Von Winfried Sträter · 12.09.2007
Am 15. September 1957 errangen die Unionsparteien den höchsten Wahlsieg in der Geschichte der Bundesrepublik: mit 50,2 Stimmen hatten sie die absolute Mehrheit gewonnen. Das war der Höhepunkt eines atemberaubenden Aufstiegs einer politischen Partei, die erst nach Kriegsende entstanden war unter keineswegs günstigen Vorzeichen: Selbst Konrad Adenauer hatte die CDU zunächst sehr skeptisch beäugt und war ihr erst mit einigem Zögern beigetreten.
RIAS aktuell 15.9.57: "Bundespräsident Heuß gibt seine Stimme ab."

Bundestagswahl 1957.

RIAS aktuell 15.9.57: "Die Zweitstimme enthält als Landesliste die CDU, die SPD, die FDP, den Block GB/BHE, Deutsche Partei, Föderalistische Union, Zentrum, Bund der Deutschen, Partei für Einheit, Frieden und Freiheit (BGD), Deutsche Reichspartei (DRP)."

Ein Wahlleiter im Regierungsviertel in Bonn.

RIAS aktuell 15.9.57: "Adenauer gibt seine Stimme ab: Der Bundeskanzler ist begleitet von seinen beiden Söhnen. (Lachen, Lärmen, dann Adenauer:) Also, alles Gute!
(Reporter:) Als der Bundeskanzler eben um einen Kommentar gebeten wurde nach seiner Stimmabgabe, sagte er nur: Er freut sich."

Noch ist es Vorfreude. Am Abend dieses Tages werden Bundeskanzler Adenauers Unionsparteien den größten Wahlsieg eingefahren haben, den - bis heute - je eine Partei bei einer Bundestagswahl errungen hat. 50,2 Prozent - die absolute Mehrheit der Stimmen. Und das bei einer Rekordwahlbeteiligung von über 88 Prozent. Welch ein Aufstieg: 31 Prozent hatten die Unionsparteien bei der Bundestagswahl 1949 erhalten, 45 Prozent 1953. Und nun - 50 Prozent. Am Tag nach der Wahl präsentiert sich Adenauer der Presse und hat Gelegenheit, seinen ganz persönlichen Triumph öffentlich zu feiern und auszukosten.

RIAS Zeitfunk 16. 9. 57:
"Natürlich ist die Freude darüber das vorwiegende Gefühl, und das werden sie alle verstehen. Aber die Fülle der Verantwortung, die gerade in diesem großen Wahlsieg liegt, ist doch eine ernste Bürde, die derjenige tragen muss, der einmal Bundeskanzler wird. Noch liegt das ja im Schoße der Götter, meine Damen und Herren. Das müssen wir also in Ruhe abwarten."

Ein merkwürdiger Kontrast. Dass der Kanzler, der einen beispiellosen Wahlsieg errungen hat, Zurückhaltung übt und nicht übermütige Freude zur Schau stellt, ist nachvollziehbar. Aber - Adenauer klingt fast niedergeschlagen nach dem Triumph. Er scheint etwas zu spüren.

Anders der SPD-Vorsitzende und Oppositionschef Erich Ollenhauer. Er verschanzt sich hinter allgemeinen Floskeln, gesteht immerhin ein, dass die SPD schon frühzeitig mit dem für sie schlechten Wahlausgang gerechnet hat.

"Ich glaube, es kann wohl von niemand bestritten werden, dass dieser Wahlkampf mit sehr ungleichen Wahlchancen oder Kampfchancen zu Ungunsten der SPD geführt werden musste. Aber ich möchte hinzufügen: Die Sozialdemokratische Partei fühlt sich heute nicht als eine geschlagene Partei. Sondern ich glaube, dass sie gerade auch durch dieses Wahlresultat eine bedeutsame und mit entscheidende politische Kraft in unserem Lande darstellt und auch in Zukunft darstellen wird."

Nie war die SPD so weit davon entfernt wie am Wahlabend des 15. September 1957. Obwohl sie ihren Stimmenanteil von 28,8 auf 31,8 Prozent gesteigert hat, ist ihre Bedeutung noch einmal geschrumpft. Acht Jahre lang haben die Unionsparteien regiert, jetzt müssen sich die Sozialdemokraten ernsthaft fragen, ob ein Machtwechsel überhaupt denkbar ist. Kalter Krieg, Wirtschaftswunder und Adenauer: das ist offenbar eine unschlagbare Kombination. Was bedeutet das für die Entwicklung der Bundesrepublik? Erich Ollenhauer hat schon nach Adenauers Wahlsieg 1953 gewarnt, nun warnt er wieder:

"Es ist kein Zweifel, dass nicht nur bei uns, sondern in weiten Schichten der Bevölkerung erhebliche Sorgen bestehen. Sorgen in der Richtung der Entwicklung in der Bundesrepublik auf eine autoritär geführte Bundesrepublik hin."

Der Bundesrepublik scheint das Schicksal der japanischen Demokratie zu drohen - mit einer so mächtigen Regierungspartei, dass der demokratische Wechsel fast unmöglich ist. Was hat die Unionsparteien so stark gemacht?

12.8.1957 CDU-Wahlwerbung:
Fanfare, anschl. Adenauer: "Richtig handeln aber heißt: die Christlich Demokratische oder Christlich Soziale Union wählen."

Der steile Aufstieg der CDU als Adenauerpartei war nach 1945 keineswegs selbstverständlich. Adenauer selbst traute dem Braten nicht, als sich 1945 christlich-katholische Kreise daran machten, eine konservative Partei namens CDU zu gründen. Er wurde gebeten, zögerte aber mitzumachen. Erst 1946 sprang er auf den bereits fahrenden Zug auf, und erst zum 1. Juni 1946 trat er der Partei bei. Mit zuweilen rüden Methoden katapultierte er sich sofort in Führungspositionen.

Trotzdem war er im Grunde kein Mann der Zukunft. Adenauer war zu alt und zu konservativ. Es gab einen ganz anderen, geradezu eine Idealbesetzung für die Nummer 1 in der CDU. Nach dem Desaster der Deutschnationalen und der anderen konservativen Parteien 1933 und der Katastrophe des Nationalsozialismus schien die Zukunft den Linken zu gehören, der Sozialdemokratie. Das konnten auch die Konservativen nicht ignorieren. Deshalb formulierte die CDU in ihrem sogenannten Ahlener Programm einen Christlichen Sozialismus als Ziel. Damit hatte Adenauer gar nichts am Hut. Aber - der christliche Gewerkschafter Karl Arnold, einer der Mitbegründer der CDU.

Arnolds Silvesteransprache 1947:
"Ein Volk, das tagtäglich in fast allen seinen Städten und in vielen Dörfern an die infernalischen Nächte des Bombenkrieges erinnert wird, hat für alle Zeiten gelernt, den Krieg zu hassen und hat keinen aufrichtigeren Wunsch, als sich ein neues Leben in friedlicher Arbeit wiederaufzubauen."

Karl Arnold war ein Mann, der nicht polarisierte und Gegensätze schürte (wie Adenauer!), sondern ein Mann, der verbindend wirkte, Ausgleich suchte. Genau der richtige Mann für die große Gemeinschaftsaufgabe Wiederaufbau. Nach 12 Jahren NS-Propaganda waren die Deutschen nicht sehr empfänglich für Parteipolitik und Parteipropaganda.

Arnolds Silvesteransprache 1947:
"Die Gesetze des Handelns aber müssten bei den Kräften der Vernunft bleiben, wenn eine Neuordnung werden soll."

Karl Arnold, 46 Jahre jung, wurde 1947 Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Das heißt: Ministerpräsident des wichtigsten Bundeslandes der Westzonen. Eine Startposition für noch höhere Ämter. Er schmiedete eine ganz große Koalition, die von der FDP über das Zentrum, die CDU und SPD bis zur KPD reichte.

Arnolds Silvesteransprache 1947:
"Man entschließe sich, der gemeinsamen Not mit gemeinsamen Mitteln und in gemeinsamem Kampf energisch und zielbewusst zu begegnen, und ein inneres Aufatmen wird die Völker zu gewaltigen Wiederaufbauleistungen befähigen."

Arnold Ministerpräsident - Adenauer lediglich Fraktionsführer der CDU im nordrhein-westfälischen Landtag. Ein Ränkeschmied, der seinem Parteifreund das Regieren schwer machte. Denn Adenauer war gegen große Koalitionen, gegen das linke Ahlener CDU-Programm, und vor allem war er dagegen, dass ein anderer als er die politische Führung innehatte.

Aber Adenauer hatte mit einer ungeheuren Fleißarbeit die Parteiorganisation aufgebaut. Dadurch hatte er eine starke Position in seiner Partei. Und - er verfolgte mit unbeugsamem Eigensinn seine Ziele: kein Sozialismus, auch kein christlicher, und der erste Mann im Staate sollte Adenauer heißen.

Westdeutschland: der Staat der westlichen Besatzungszonen. Ohne den Kalten Krieg wäre der große Polarisierer Adenauer wohl nicht zum Zuge gekommen. Und ohne ihn wäre nicht der tiefe Graben zwischen Christdemokraten und Sozialdemokraten ausgehoben worden, der das politische Klima der 50er Jahre prägen sollte - zum Vorteil der einen und zum Nachteil der anderen. 1948 wurde der Parlamentarische Rat ins Leben gerufen, der die Vorbereitungen für die Gründung eines westdeutschen Staates treffen sollte. Eröffnet wurde er von -

"Die Abgeordneten des Parlamentarischen Rates beginnen heute eine Arbeit, deren Größe und Bedeutung nicht überschätzt werden kann."

Karl Arnold. Zum Präsidenten gewählt wurde aber nicht Arnold, sondern -

"Meine Damen und Herren, einmal muss ein Anfang gemacht werden, und einmal muss Schluss sein mit dem ewigen Weiterwursteln und Auseinanderfallen."

Konrad Adenauer. Während Arnold als Ministerpräsident alle Hände voll zu tun hatte, hatte sich Adenauer in Stellung gebracht für den Kampf um die Spitzenposition im neuen Staat. Das politische Programm der Union war unter seinem Einfluss entschärft worden. Die Währungsreform schuf Fakten: gegen Planwirtschaft, für Marktwirtschaft, Wiederherstellung des Privateigentums auch an den Produktionsmitteln. Also: Kapitalismus. Das war Ludwig Erhards Werk, und es entsprach Adenauers politischer Ausrichtung. Vor allem aber lag es auf der Linie der amerikanischen Besatzungspolitik. Das war entscheidend. Denn an diesem Punkt begann der unaufhaltsame Aufstieg der von Adenauer geführten Unionsparteien zu der Partei der Bonner Republik.

Adenauers Widersacher bei der ersten Bundestagswahl, der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher, glaubte, dass er prädestiniert sei, erster Kanzler im Nachkriegsdeutschland zu werden. Verfolgter des Nazi-Regimes. Deutscher Patriot, der deutsche Interessen gegenüber den Alliierten vertrat. Antikapitalist in einer Zeit, in der in London die Labour Party regierte, mit der Hoffnung, Westeuropa auf das Gleis eines demokratischen Sozialismus zu setzen. Doch Schumacher, der sich selbstverständlich zu den progressiven Kräften zählte, erkannte die Zeichen der Zeit nicht. Wer war progressiv, wer konservativ damals?

Die SPD knüpfte nach 1945 an ihre Tradition als Arbeiter- und Klassenpartei an. Der Kampf mit KPD und SED und, mehr noch, die Erwartung eines kommenden Wahlsieges ließ die Partei Kurt Schumachers erstarren. Schumacher war Sozialist und vertrat deutsche Interessen - auf eine Weise, die stark nationalistisch gefärbt war. War Schumacher progressiv?

Schumacher: "Wir tun unsere Pflicht der nationalen Selbstbehauptung auf jedem Gebiet. Gegenüber jedermann!"

Der Christdemokrat Adenauer verstand sich als Konservativer. In Wirklichkeit sollte er sich als einer der größten Neuerer in der deutschen Geschichte erweisen. Für ihn war nicht der Nationalstaat das Maß der Dinge, sondern die europäische Integration. Auch Adenauer vertrat deutsche Interessen. Bei seinem Antrittsbesuch als Bundeskanzler 1949 trat er auf den Teppich, auf dem ihn die Hohen Kommissare der Westalliierten empfingen: Er hätte demütig vor dem Teppich stehen bleiben sollen und ging stattdessen im wahrsten Sinne des Wortes einen Schritt zu weit, einen kalkulierten, kleinen Schritt. Diese Politik der kleinen Schritte führte die Bundesrepublik innerhalb von sechs Jahren in die Souveränität eines relativ selbstständigen Staates.

Adenauer führte den Nachkriegsdeutschen vor, wie im zivilisierten Leben Politik gemacht wird: mit Verhandlungsgeschick. Hinzu kam seine Art zu reden: deutsche Redner hatten gebrüllt. Nicht nur, weil sie das Reden ohne Lautsprecher gelernt hatten. Sondern - es war auch eine Haltung. Spätestens seit 1933 wurde in Deutschland gewissermaßen immer nur gebrüllt. Dann kam Adenauer und schlug einen Erzählton an.

Adenauer: "Ich wollte, meine Freunde, die Bewohner der Ostzone könnten uns einmal offen schildern, wie es bei ihnen aussieht."

Politiker wie Bundespräsident Heuß oder Carlo Schmid hatten auch diesen ruhigen, zivilen Ton. Adenauers Gegenspieler Schumacher jedoch brüllte, wie man es in Deutschland gewohnt war ...

Schumacher: "Heute ist die Frage: Kommunist oder Sozialdemokrat, die Frage: Russe oder Deutscher?"

Was war progressiv, was konservativ? Das ist im Nachhinein nicht so eindeutig zuzuordnen, wie es damals schien. Während sich die SPD nach 1945 zunächst kaum weiter entwickelte, verkörperte die Christlich-Demokratische Union einen Bruch in der Geschichte des deutschen Konservatismus. Mit der CDU bekannten sich die deutschen Konservativen zum ersten Mal zur Demokratie. Ein kaum zu überschätzender Fortschritt für die Stabilität der Bonner Republik.

Und: die Union überwand die konfessionellen Gegensätze. Die Aufteilung in protestantische Deutschnationale und katholische Zentrumspartei. Auch wenn die Katholiken in der CDU eindeutig das Übergewicht hatten: die Union hatte den Anspruch, Partei für Katholiken und Protestanten zu sein - ein großer Fortschritt, zumal sich ein ähnlicher Prozess in der Gewerkschaftsbewegung abspielte. Die Einheitsgewerkschaft trat an die Stelle der alten Richtungsgewerkschaften. Auch diese fundamentale Neuerung wäre ohne die Unterstützung durch die Unionsparteien nicht möglich gewesen.

Insofern stand die Union in der Nachkriegszeit allen Unkenrufen zum Trotz für eine Erneuerung der politischen Verhältnisse in Deutschland. Selbst auf wirtschaftlichem Gebiet spiegelte sich das wider. Ohne Zweifel war die Restauration der privatkapitalistischen Verhältnisse ein bürgerlich-konservatives Programm, das im Gegensatz zu den sozialistisch-planwirtschaftlichen Vorstellungen der Sozialdemokraten stand.

Trotzdem gab es bemerkenswerte Neuerungen. Allen voran: die Mitbestimmung in der Montanindustrie, das heißt: im Kernbereich der damaligen deutschen Industrie. Sie wurde in einem zähen Kampf erstritten, der sich im Januar 1951 zuspitzte. Die Gewerkschaften drohten mit Streik, und der DGB-Vorsitzende Hans Böckler machte klar, dass die Arbeitnehmer es ernst meinten:

",,Seit Jahren warten die Arbeitnehmer auf die Erfüllung der ihnen am Kriegsende von den Unternehmern mündlich und schriftlich zugesicherten Gleichberechtigung in der Wirtschaft.""

Obwohl die CDU die Interessen der Industrie vertrat, setzte Adenauer angesichts des drohenden Streiks und des wachsenden Unmuts der Arbeitnehmer die Montanmitbestimmung durch.

Die Montanmitbestimmung war der größte Fortschritt, den die Gewerkschaften bei ihrem Kampf um Arbeitnehmerrechte in den Betrieben jemals erzielt hatten. Ein Kernstück der betrieblichen Neuordnung nach 1945. Und dieser Fortschritt blieb mit dem Namen Adenauer verbunden.

Weniger öffentlichkeitswirksam und doch bedeutungsvoll: Ludwig Erhards Kampf um echten Wettbewerb in der Marktwirtschaft. Die deutsche Industrie liebte es, Kartelle zu bilden und dadurch die Preise hochzuhalten. Dagegen zog der Wirtschaftsminister zu Felde.

Erhard 1957:
"Wir haben unsere Wirtschaftspolitik firmiert unter dem Begriff Soziale Marktwirtschaft. Wenn das keine Farce sein soll und nicht Blendwerk, dann muss etwas dahinterstecken. Und dahinter steckt die Idee, durch die härteste Entfachung des Leistungswettbewerbs dafür zu sorgen, dass jeder Fortschritt, der in der Volkswirtschaft erzielt wird, auch tatsächlich dem Verbraucher zugute kommt."

Erhard erreichte nur einen Kompromiss, einen Teilerfolg. Immerhin erschwerte sein Kartellgesetz von 1957 die Versuche der Großindustrie, sich untereinander abzusprechen. Soziale Marktwirtschaft: das war für Ludwig Erhard keine leere Floskel und kein Selbstbedienungsladen für die Wirtschaft. Auch das spürten die Westdeutschen, die mehr konsumieren konnten denn je. Die soziale Marktwirtschaft war interessanter, als die alte Klassenkampfrhetorik glauben machen konnte.

Schließlich: Adenauers großer Coup im Wahljahr 1957: die Rentenreform. Die Einführung der dynamischen Rente. Das hieß: entsprechend den Lohnsteigerungen stiegen nun auch die Renten. Die Rentner wurden am wirtschaftlichen Fortschritt beteiligt. Bundesarbeitsminister Anton Storch:

"Ich möchte gerade unseren Alten und Gebrechlichen sagen, dass ich mich sehr darüber freue, dass sie nunmehr ihren Lebensabend in Ruhe und Frieden und ohne Sorge vor der Not der nächsten Tage gestalten können ( ... ), ohne dass sie irgendwie zum Wohlfahrtsamt zu gehen brauchen und ohne dass sie Dankeschön zu sagen brauchen für das, was man ihnen für den Lebensunterhalt gibt."

Das war übertrieben, weil der Ausgangspunkt der Renten sehr niedrig lag. Aber das Wichtigste war, dass die Renten nun steigen würden. Insofern hatte Bundeskanzler Adenauer recht:

"Das neue Gesetz ist ein sozialer Fortschritt allerersten Ranges. Es ist von der denkbar größten sozialen und wirtschaftlichen Bedeutung."

Die Rentenreform war natürlich ein Trumpf für das Wahljahr. Noch konnte sich die Adenauer-Regierung nicht sicher sein, ob sie erneut die Mehrheit erringen würde. In den Umfragen stand die SPD Ende 1956 besser da als CDU und CSU. Und im April passierte dem Kanzler ein schwerer Faux pas: Er plauderte die noch geheimen Pläne aus, die Bundeswehr mit Atomwaffen auszurüsten. Das alarmierte die Öffentlichkeit. Der Protest der Göttinger Wissenschaftler entfachte heftige Diskussionen, und die SPD konnte ein Wahlkampfthema besetzen: Atomangst. Aber das reichte nicht. Denn Adenauer hatte noch seinen bewährten Giftpfeil im Köcher: die Freund-Feind-Rhetorik des Kalten Krieges. Die SPD - Handlanger der Sowjetunion.

Adenauer: "Die Politik, die die sozialdemokratische Führung will, macht Deutschland zum russischen Satelliten."

Wider besseren Wissens unterstellt er den Sozialdemokraten, dass sie die - vor allem außenpolitischen - Errungenschaften seiner Amtszeit aufs Spiel setzen würden, wenn sie an die Regierung kämen. Ein SPD-Wahlsieg, sagt er, sei der Untergang Deutschlands. Damit zwingt er die Opposition, sich ständig zu verteidigen - statt die Regierung anzugreifen. Der Sozialdemokrat Fritz Erler im Bundestag:

"Der Bundeskanzler hat wiederholt, und die Wiederholung macht es nur noch schlimmer, die Sozialdemokratie dürfe niemals an die Macht, er sei fest entschlossen, hat er sogar gesagt, sie niemals an die Macht zu lassen, weil das den Untergang des deutschen Volkes bedeuten würde. Meine Damen und Herren, wer in einem demokratischen Staatswesen sagt, die einzige andere große demokratische Partei, um die es in Wahrheit geht, die dürfe niemals an der Macht teilhaben, der beansprucht damit für seine Partei das Recht der Alleinherrschaft für immer. Das ist ein Anschlag auf die Grundprinzipien der freiheitlichen Demokratie."

Aus der Rückschau ist es kaum verständlich, warum Adenauer im Wahlkampf 1957 so sehr auf die im Grunde darniederliegende SPD einschlägt statt auf die eigenen Leistungen zu verweisen. (Was er natürlich auch tut.) Aber das war ein fester Bestandteil seiner Strategie: Er suchte den Gegner und machte ihn zur feindlichen Gefahr, vor der er mit sehr ernsten Worten warnen musste. Das vergiftete das politische Klima in den 50er Jahren.

1957 allerdings regt sich Protest gegen die Diffamierungen. Rudolf Augstein kommentiert unter dem Pseudonym Jens Daniel kurz vor der Wahl im September 1957 zornig:

"Nehmen wir einmal als feststehend an, Adenauer habe in seiner Außenpolitik, das heißt in seiner Politik gegenüber West und Ost, das durchaus Richtige getan und in der Wirtschaftspolitik das Richtige geschehen lassen: Er könnte gleichwohl als Zerstörer des zweiten Versuchs, die Republik in Deutschland durchzusetzen, in die Geschichte eingehen. Fände er einen Nachfolger mit ähnlich geringem Respekt vor dem politischen Gedanken und vor dem politischen Gegner, so wäre die Republik nach menschlichem Ermessen tot. ... Der Vergleich zwischen den Personen Hitler und Adenauer ist wahrhaft unzulässig - der Vergleich zwischen dem Volk Hitlers und dem Volk Adenauers scheint dagegen geboten. ... Die Verketzerung der Opposition ist schon wieder so weit vorgeschritten, wie es vor zwölf Jahren, bei Auflösung der Konzentrationslager, nur die schlimmsten Pessimisten für möglich gehalten haben. Im Hinterhof der deutschen Seele dämmert ein Misthaufen, den Hitler und Adenauer, jeder nach seinem Zeitgeist, mit atavistischem Instinkt aufgestöbert und sich nutzbar gemacht haben: die Genugtuung, wenn die jeweilige Opposition vom starken Mann an der Spitze durch die Gosse geschleift wird. ... Ist es statthaft, um der Erringung einer parlamentarischen Mehrheit willen den inneren deutschen Schweinehund loszulassen?

Die dunkle Seite der Adenauer-Ära. Die Prägungen durch die Nazizeit sind noch lange nicht überwunden. Die Bundesrepublik hat Züge eines autoritären Staates. Aber: Es regt sich etwas. Augsteins Abrechnung mit Adenauer ist ein Indiz dafür. "Keine Experimente" heißt der Wahlslogan der CDU. Ein erstaunlich defensiver Slogan. Am Tag nach dem triumphalen Wahlsieg ist Adenauer, wie erwähnt, keineswegs in Jubelstimmung. Im Gegenteil.

"Sie können sich denken, dass ein so großer Wahlerfolg wie der, den wir errungen haben, auch nachdenklich stimmt.!"

Adenauer spürt, dass eine neue Zeit anbricht. Auch wenn die Sozialdemokraten noch geschlagen am Boden liegen: In der bundesdeutschen Gesellschaft entfalten sich neue geistige Kräfte. Die Atomdebatte hat es angedeutet. So einfach wie früher kann er nicht mehr bestimmen, wo es lang geht. Die Verhältnisse werden unübersichtlicher, die Republik erwacht. Im Januar 1958 rechnen der FDP-Politiker Thomas Dehler und Gustav Heinemann von der SPD auf eine Weise mit Adenauers Deutschlandpolitik ab, dass die Regierungsbank sprachlos ist. So etwas hatte es noch nie gegeben. Die Bundesbürger können das Ereignis am Radio verfolgen, da die Debatte live übertragen wird. Auch im Parlament brechen neue Zeiten an.

Dehler: "Der Kampf zwischen Christentum und Bolschewismus, zwischen Christ und Antichrist: wer so spricht, meine Damen und Herren, will keine Politik. Der will sie nicht, der geht ihr aus dem Wege, der sagt, diese Menschen drüben, Verbrecher, Gangster, wir haben's doch hier gehört, mit denen kann man nicht verhandeln. Die sind des Teufels. Die Behauptung von unverantwortlicher Seite, die aber aus Ihrem Kreise kommt, wer mit den Russen verhandelt, mit den Sowjetrussen, und das ist die FDP, das ist die SPD, die sind so töricht wie die Trojaner. ... Sie haben unser Volk von der politischen Entscheidung weggeführt. So gewinnt man Wahlen, aber man verliert die Demokratie!"

Heinemann: "Ich habe dem Herrn Bundeskanzler nie und keinen Augenblick vorgeworfen, dass er einen Ausgleich betrieb mit den westlichen Nachbarn. Das war unerlässlich. Aber ich habe ihm immer vorgeworfen, dass er mit diesem westlichen Ausgleich neue Ostfeindschaft verbunden hat. ... Wer Deutschland immer noch tiefer spalten will, kann es nicht besser machen, als in Fortsetzung immer noch dieses Weges. Herr Bundeskanzler, für mich persönlich bedeutet dieses Alles an Sie die Frage, ob sie nicht nachgerade zurücktreten wollen." (Beifall, ausblenden)

Ironie der Geschichte: Ende der 50er Jahre geht die Saat auf, die seit 1949 gesät wurde. Die Einbindung in den Westen, ein Kernpunkt der Politik Adenauers, bewirkt auch die Verwestlichung und Amerikanisierung des Alltagslebens, allmählich beginnen die Bundesbürger, lockerer und kritischer zu werden als es die Deutschen früher waren. Der Adenauer-Ära haftet das Etikett "Restauration" an, weil zunächst unbarmherzig alte gesellschaftliche Konventionen wieder durchgesetzt wurden - wie die Unterordnung der Frau unter den Mann. Und weil so viele Altnazis wieder in Amt und Würden kamen und niemand danach fragte, auch Adenauer nicht.

Aber - die Demokratisierung der Bundesrepublik beginnt nicht erst mit der Studentenrevolte. Schon in den 50er Jahren sammeln sich die Kräfte. Die Adenauer-Regierungen haben dies ermöglicht, indem sie die Grundlagen für eine stabile wirtschaftliche und dadurch auch politische Entwicklung schafften. Als sich die bundesdeutsche Gesellschaft in den 60er Jahren wandelte, rückten die dunklen Seiten der 50er Jahre ins Bewusstsein. So kam die Adenauer-Ära in Verruf. Was aus historischer Sicht nicht ganz gerecht ist.
Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard und Bundeskanzler Konrad Adenauer im Bundestag, 26.4.1963
Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard und Bundeskanzler Konrad Adenauer im Bundestag, 26.4.1963© AP