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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.11.2005

Kein Buch für Menschen mit Spinnen-Phobie

John Connolly: "In tiefer Finsternis"

Rezensiert von Lutz Bunk

Connolly arbeitet mit Schock- und Mystery-Elementen. (AP-Archiv)
Connolly arbeitet mit Schock- und Mystery-Elementen. (AP-Archiv)

Der neue Thriller des irischen Autors John Connolly beginnt mit der Schilderung eines Mordes an einer Abtreibungsärztin. Dahinter steckt eine pseudo-christliche, rechtsradikale Gruppe, die für ihre Folterungen vorwiegend giftige Spinnen benutzt.

"In tiefer Finsternis", so heißt der neue Roman des irischen Thriller-Autors John Connolly. Seinen Durchbruch hatte er mit "Das schwarze Herz", das es in den USA, England, Irland und Australien bis in die Bestsellerlisten schaffte.

"In tiefer Finsternis", - wir befinden uns in Maine an der amerikanischen Ostküste; es ist helllichter Tag, und das Buch beginnt kommentarlos mit der Schilderung eines Mordes an einer Abtreibungsärztin. Dann wird ein Massengrab gefunden. Und erst dann tritt der Ich-Erzähler dieses Romans auf, der Privatdetektiv Charlie Parker. Es ist ein schöner Frühlingstag, als Parker einen Anruf bekommt. Er soll den vermeintlichen Selbstmord einer jungen Frau untersuchen.
Langsam setzt sich ein Mosaik zusammen.

Der Anfangsverdacht des Lesers bestätigt sich schon sehr bald: Hinter den Morden steckt eine pseudo-christliche, rechtsradikale Gruppe, zu der unter anderem auch Polizeibeamte gehören. Für ihre Folterungen und Morde benutzt diese Gruppe vorwiegend giftige Spinnen, die sie züchtet. Der Kampf beginnt, geradezu ein Krieg.

Parker nutzt die Kontakte, die er als ehemaliger Polizeibeamter hat, und er bekommt auch noch aktive Hilfe, einmal von einigen schwulen schwarzen Gangstern und außerdem von einem jüdischen Berufskiller, dessen Deckname "der Golem" ist. Auch der Leser, der Maschinenpistolen erwartet, wird nicht enttäuscht.

Aber gleichzeitig ist dieser Roman auch ein Psychothriller, der sehr subtil die Abgründe der Zivilisation schildert, - das macht ihn so bedrückend. Ein Hauptanliegen Connollys ist es, jene Serien von Morden und Bombenanschlägen in den USA darzustellen, denen Mitarbeiter von Abtreibungskliniken, Familienberatungen und Aids-Kliniken in den letzten Jahren zum Opfer gefallen sind.

Der Grundton Connollys aber, - trotz aller Shoot-Outs und Widerlichkeiten-, bleibt der typisch ruhige Ton jener klassischen Figur des amerikanischen Krimi-Genres, des Privatdetektivs, unsterblich gemacht durch Humphrey Bogart in der Rolle als Phillip Marlowe.

Der Plot ist phantastisch klar, höchst raffiniert durchkomponiert und strikt durcherzählt, - und er ist akribisch recherchiert. Und natürlich bedient Connolly auch alle anderen Erwartungen, die man an einen Thriller stellt: Dialoge, zynisch schwarzer Humor und auch das Genre-typische Mittel der einfachen Metapher: "Das Klackern ihrer schwarzen Pumps klang auf den Holzdielen wie Knochengeklapper."

Was aber John Connolly als Autor auszeichnet, das sind die Auszeiten, die er sich nimmt. Dann wird er poetisch, sanft, meditativ und fast surreal.

"In tiefer Finsternis" ist kein Buch für Menschen mit Arachnophobie, also mit Spinnen-Phobie! Für Thriller-Fans und vor allem auch für Freunde des klassischen amerikanischen Privatdetektiv-Romans, ist es eine Entdeckung - angereichert mit höchst politischem Recherche-Material sowie mit Schock- und Mystery-Elementen, von einem Autor, der trotz seines jungen Alters schon sehr weise zu sein scheint.

John Connolly "In tiefer Finsternis". Ullstein-Verlag 2005. 447 Seiten, 19.95 Euro. Übersetzt von Georg Schmidt.

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