Kein Abend für verirrte Voyeure

Von Holger Hettinger |
Pornografie scheint allgegenwärtig zu sein in der heutigen Gesellschaft. Was sie mit den Zuschauern anstellt, untersucht der schwedische Regisseur in einer Art szenischen Versuchsanordnung an der Berliner Volksbühne. "Porn of pure reason" will den Betrachter mit seinen Vorstellungen und Seherwartungen konfrontieren.
Theaterszene:
"Folge uns! Folge den Gedanken Deines Körpers! Erspüre Deine Körperlichkeit, während wir uns in das Innere des Hauses begeben."

Es beginnt am Bühneneingang der Berliner Volksbühne, "du musst von hinten rein, passend zum Thema", sagt der Mann an der Kasse. Und so versammeln sich denn in diesem schmalen Gang rund 40 Auserwählte, meist junge Menschen zwischen 20 und 30, etliche davon aus Schweden – Landsleute des Regisseurs. Vereinzelt ältere Männer, sie haben was von "Porno" gelesen und werden nachher sehr enttäuscht dreinblicken.

"Folge uns! Folge den Gedanken Deines Körpers!"

Als "performative Führung durch die Geschichte der Pornografie" ist der Theaterabend angekündigt – eine geschickt gewählte Formulierung, denn "Geschichte der Pornografie" klingt gelehrt, während "performativ" vermuten lässt, dass sie es auf der Bühne miteinander treiben.

Die Schauspieler dieses Stücks von Markus Öhrn heißen "Guides", sie wirken wie eine Mischung aus Platzanweiserinnen und Zofen, und gestikulieren ähnlich verbindlich und knapp, wie man das vielleicht aus früheren Rumänienurlauben kennt, die Verkehrspolizistinnen dort waren ähnlich.

Es geht durch die Eingeweide der Volksbühne, Treppe rauf, Treppe runter ...

"Dein Körper wird Deine Hülle sein"

... dann auf die Bühne, der Zuschauerraum liegt verlassen da, ein Scheinwerfer blendet die Gesichter des Publikums, das längst zum Protagonisten geworden ist. Die Stimme vom Band klingt bestimmt, fast gebieterisch, und das gibt das Spannungsfeld vor, in dem der Theatermacher und Performance-Künstler Markus Öhrn seine Thesen entwickelt: die Darstellung von Sexualität zwischen Selbstentgrenzung und Ritual, Sex zwischen Zerfließen und Sammeln, Hinschauen zwischen Faszination und Ekel.

Zwei Menschen beim Geschlechtsverkehr: Das ist das meistbeobachtete Motiv unserer Kultur, sagt Markus Öhrn, und das bedeutet doch was. Der Abend ist ein Versuch, dieses Motiv und seine Wirkung beim Betrachter auszustellen, und den Betrachter dann mit seinen Vorstellungen und Seherwartungen zu konfrontieren.

"Bleib auf dieser Bühne. Was immer hier geschieht – es geschieht in Dir."

Markus Öhrn verwendet viel Mühe darauf, dem Zuschauer zu vermitteln, dass es nicht auf die voyeuristische Betrachtung des Geschehens, sondern auf das Nachspüren von dessen Wirkung ankommt:

"Schau in Dich hinein – und genieße das wahre Schauspiel in Deinem Inneren."

Und dann sitzt man im Zuschauerraum, auf der Leinwand reitet eine blonde Frau einen Mann, von dem man wenig mehr sieht als das, was für diesen Vorgang notwendig ist.

"Sehe Dich selbst, wie Du auf das Bild reagierst, Deine Gedanken, Deine Gefühle."

Während die Paare auf der Leinwand es mal mehr, mal weniger gekonnt miteinander treiben, bietet die Stimme vom Band alle erdenklichen Interpretationen an: der Penis als Bohrer, die Frau als Zentrum des Geschehens, als Göttin, der Sex als Zeichen. Das Faszinierende an diesem Abend ist, dass die Bilder durch diese Interpretationsvorschläge nicht eingeengt werden, sondern, im Gegenteil, durch die interpretatorischen Schichtungen immer wieder neu beleuchtet werden.

Pornografie als Urbild des Menschseins, als Trigger von tief verankerter Lust, die im Menschen wohnt. Ist das, was da auf der Leinwand zu sehen ist, wirklich Lust – oder doch nur gekonnt choreografierte Bewegung, sind es Chiffren für Hingabe und Herrschaftsanspruch? Markus Öhrn legt sich und den Betrachter nicht fest, sondern eröffnet Räume für solche Gedanken.

Gleichzeitig merkt man, wie allgegenwärtig Pornografie geworden ist – denn die ureigene Funktion der Pornografie, die Erregung, verfehlt ihre Wirkung in dieser fast schon klinischen Versuchsanordnung von Markus Öhrn. Es ist eine dieser kleinen Fallen, die die Wahrnehmung des Betrachters immer wieder auf die Probe stellen, indem sie ihn herausfordern und seine Seherwartung bewusst konterkarieren.

Hier scheint es so, dass die ausgesprochen konventionelle Auswahl von heterosexuellen Akten zu zweit dafür sorgt, dass das alles unspektakulär anzuschauen ist, ja sogar langweilig. Das schrille, verrückte, grenzüberschreitende, explosive Moment der Pornografie kommt jedenfalls nicht vor. Jedenfalls noch nicht. Hier geht es nur um rein-raus ...

"rein raus rein raus"

Sex als geregelter Ablauf, als mechanische Meditation: das ist der Befund dieser ersten Station.

Erregung durch Abstoßung, Faszination durch Grenzüberschreitung: Dieses Motiv liegt der zweiten Station zugrunde. In einem kleinen, versteckten Raum unter dem Dach der Volksbühne sieht man zwei Japanerinnen bei einem seltsamen Spiel zu: die eine steckt der anderen durch einen Trichter kleine lebende Fische in den Anus.

Man schaut sich das mit einem gewissen ethnologischen Interesse an – Sex, das ist auch das Schräge, Verschrobene, abseitig Inszenierte. Doch es hat immer mit intensiver Körpererfahrung zu tun.

Die dritte Station führt dann wieder auf die Bühne, der Vorhang hebt sich, ein großes, blinkendes Herz gleitet hinunter – und dann verbinden sich die Eindrücke und Thesen, die Bilder und die Laute, die Faszination und der Ekel zu einer tiefgehenden Erfahrung.

Markus Öhrns Theaterabend ist eine bildgewaltige Meditation über die Macht der Pornografie und die Wirkkraft sexueller Darstellungen – interpretationsoffen trotz der zahlreichen Deutungsangebote, verspielt trotz der dramaturgischen Strenge, innig trotz der kaum kaschierten Mechanik der Handlungen. Groß!

"Was immer hier geschieht – es geschieht in Dir."