Seit 20:03 Uhr Konzert

Sonntag, 15.09.2019
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Religionen / Archiv | Beitrag vom 12.03.2011

"Keime einer chronischen Krankheit"

Ein Buch von Hans Küng zur Diagnose und Therapie der katholischen Kirche

Von Thomas Kroll

Podcast abonnieren
Hans Küng (AP Archiv)
Hans Küng (AP Archiv)

In der tiefen Krise des deutschen Katholizismus seit Aufdeckung der Missbrauchsfälle hat sich der mit Lehrverbot belegte Theologe Hans Küng immer wieder zu Wort gemeldet. Seine Analyse der Krise gibt er in dem Buch "Ist die Kirche noch zu retten?"

Hans Küng: "Wir sind das einzige Herrschaftssystem, das noch Züge des Absolutismus trägt, der in der zivilen Welt Westeuropas, Europas überhaupt untergegangen ist, der zurzeit auch in den arabischen Ländern untergehen wird. Also da ist die katholische Kirche langsam doch auch von der Zeit gezwungen, sich nun Gedanken zu machen über eine ernsthafte Reform."

Hans Küng. Fast zwei Jahrzehnte lang war er Theologieprofessor in Tübingen, bis ihm 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen wurde. Heute ist er Präsident der Stiftung Weltethos und macht sich Sorgen um den Zustand der katholischen Kirche:

"Meine These ist, die Kirche macht seit dem 11. Jahrhundert eine Krankheit durch, ein langer, langer Prozess, der jetzt langsam seinen Höhepunkt erreicht hat. Und jetzt ist langsam eine Rettung schwierig geworden."

Grund für die ernsthafte Krankheit, also für die aktuelle Kirchenkrise ist in Küngs Augen vor allem das römische Herrschaftssystem, kurz: die römische Kurie:

"Die römische Kurie, das lege ich im Buch dar, ist verantwortlich für die Spaltungen zwischen Ostkirche und Westkirche im 11. Jahrhundert. Sie ist verantwortlich für die Spaltung zwischen katholischer Kirche und Reformationskirchen im 16. Jahrhundert. Sie ist verantwortlich für die Trennung zwischen römischem Katholizismus und moderner Welt im 18., 19. Jahrhundert."

Gemeinsam mit Joseph Ratzinger war Küng beratender Theologe beim Zweiten Vatikanischen Konzil. Seinen Erfahrungen zufolge ist die römische Kurie mit ihren zahlreichen von Bischöfen und Kardinälen geleiteten Räten, Kongregationen und Kommissionen auch im 20. und 21. Jahrhundert Hindernis für Reformen und damit Grund für die fundamentale Systemkrise:

"Sie war schon das Haupthindernis im Zweiten Vatikanischen Konzil von 1962 bis 1965. Sie war das große Hindernis in der nachkonziliaren Zeit. Sie ist verantwortlich für die schlechten Bischofs-Ernennungen, die stattgefunden haben, für die Vertuschungsaffäre, und sie ist natürlich auch die Institution, die ständig die Ökumene verhindert."

Küngs Buch umfasst sechs Kapitel. Das erste gilt dem Blick auf die derzeit kranke, wenn nicht gar sterbenskranke Kirche. Polizeiliche Untersuchungen gegen belgische Bischöfe, das Aufdecken vatikanischer Geldwäsche – das sind nur zwei von fünf Fieberschüben, die im vergangenen Jahr, so der Autor wörtlich, "den Leib der Kirche zum Zittern brachten". Immer wieder verwendet Hans Küng Bilder und Fachworte aus dem Bereich der Medizin. Das macht sein Buch anschaulich und gut lesbar. Küng fordert:

"Korrekte Diagnosen [...] keine Verharmlosung der Krankheitssymptome ('alles halb so schlimm'), allerdings auch keine alarmistische Dramatisierung ('da hilft kein Medikament mehr!'). Vielmehr eine historisch fundierte Analyse der Krankheitsgeschichte, [...] die genau zu erklären vermag, warum diese Jahrhundertinstitution katholische Kirche in einen solch lamentablen Zustand geraten konnte."

Um eine genaue, ausgiebige Diagnose geht es in den folgenden vier Kapiteln. Dabei benennt Küng etwa als "Keime einer chronischen Krankheit" das römische Wahrheitsmonopol ebenso wie die kirchliche Sexual- und Frauenfeindlichkeit. Kapitel für Kapitel bietet Küng eine nüchterne, präzise Analyse des römischen Machtsystems. Dessen Wissenschaftsfeindlichkeit – man denke an Kopernikus, Galileo Galilei und Darwin – mag Vergangenheit sein; nach wie vor aber herrschen Fortschrittsfeindlichkeit – Stichwort "Antibabypille" – und Demokratiefeindlichkeit:

"Es ist viel zu wenig bekannt, dass der Vatikan, der sonst immer gern überall mitmischt und wenigstens vorne hin steht, dass der die Menschenrechtserklärung des Europarates nicht unterzeichnet hat. Warum? Weil er das nicht kann und nicht darf."

Es gibt zum Beispiel keine Rechtsmittel, um gegen gewisse Entscheide vorzugehen. Küng beschreibt die kirchliche Gerichtsbarkeit wie folgt:

"Das Verfahren gegen einen Verdächtigten oder Angeklagten ist geheim. [...] Akteneinsicht wird nicht gewährt, so dass eine Kenntnis der Vorverhandlungen verhindert wird. [...] Appellation an ein unabhängiges Gericht ist ausgeschlossen, beziehungsweise nutzlos."

Im letzten und längsten Kapitel notiert Küng eine Vielzahl an notwendigen Rettungsmaßnahmen. Als roter Faden zeigt sich:

"Die katholische Kirche als Kirchengemeinschaft kann nur gerettet werden, wenn wir uns befreien von dem gegenwärtigen mittelalterlichen, anti-protestantischen, anti-modernen römischen System."

Als konkrete Therapieschritte schlägt Küng unter anderem vor:

"Kurzfristig könnte zweifellos die Enzyklika 'Humanae vitae' gegen die Empfängnisverhütung revidiert werden – das wäre mit wenigen Sätzen zu machen –, könnte das Zölibatsgesetz freiwillig gemacht werden, die Ehelosigkeit der freien Entscheidung der Betroffenen anheim gestellt werden, könnten vor allem aufgrund der vielen ökumenischen Gutachten, die auch von Rom unterschrieben wurden, die Abendmahlgemeinschaft gestattet werden zwischen katholischen und evangelischen Christen."

Ist die katholische Kirche noch zu retten? Am Ende von knapp 250 Textseiten lautet die Antwort: Ja. Mit seinem Ansinnen ist Küng nicht allein. Das zeigt etwa das von 240 Theologieprofessoren und -professorinnen unterzeichnete Memorandum zur Krise der katholischen Kirche. Dass sich die römische Kurie davon beeindrucken lässt, ist eher zu bezweifeln. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Reformvorstoß aus Deutschland in Rom zu lange ignoriert wird.

Hans Küng: Ist die Kirche noch zu retten?
Piper Verlag, München 2011
261 Seiten, 18,95 Euro

Religionen

Prinzip TaqiyaDie Notlüge im Islam
Ein Shiit betet in einer Moschee. (Chloe Sharrock / Le Pictorium)

Darf man seinen Glauben in Todesgefahr verleugnen? Der Islam kennt für diesen Fall das Prinzip der Taqiya – doch dieses steht unter Beschuss: Islamische Hassprediger stellen es in Frage, Islamgegner konstruieren einen Schmähbegriff.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur